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Lese-Zeitreise in den Alltag des Adels vor 200 Jahren

Der ganze Tag war geregelt

Senden

Bei ihrer Lesung im Schloss Senden erweckten Carolin Wirth und Carsten Bender mit Auszüge aus Tagebüchern und Briefen, Reisebeschreibungen und Gedichten die Welt des Adels vor 200 Jahren zum Leben. Auch Parallelen zur heutigen Zeit taten sich auf.

Von Andreas Krüskemper

Carolin Wirth und Carsten Bender nahmen die Zuhörer am Sonntag mit auf eine Zeitreise in die Welt der münsterländischen Adelssitze. Moderiert wurde die Lesung von Dr. Birgit Gropp (r.). Foto: Andreas Krüskemper

Deutlich mehr Resonanz als erwartet fand die Lesung „Alltagswelt und große Gefühle – Eine Lese-Zeitreise in die Welt münsterländischer Adelssitze um 1800“ am Sonntag im Schloss Senden. Bevor es losgehen konnte, mussten zusätzliche Stühle aufgestellt werden, um alle Gäste einen Sitzplatz bieten zu können. Dr. Martina Fleßner, Geschäftsführerin des Schlossvereins, freute sich über den regen Zuspruch zum kulturellen „Saisonbeginn“ auf dem Schloss. „Aus der Zeit um 1800 auf Schloss Senden ist nicht sehr viel bekannt, wir hoffen daher auf Impulse, wie das Leben hier stattgefunden haben könnte“, so Fleßner.

Myriam Freifrau von Korff erläuterte, dass sich bei den Recherchen zu der Lesung, zu denen dank des Corona-Stillstands die Zeit da war, enorme Unterschiede, aber auch verblüffende Parallelen zwischen damals und heute aufgetan hätten. Die Autorin der Lesung und Kuratorin des Museums Haus Harkotten, Dr. Birgit Gropp, führte durch das Programm, Carolin Wirth und Carsten Bender erweckten Auszüge aus Tagebüchern und Briefen, Reisebeschreibungen und Gedichten zum Leben.

Geregelter Ablauf vom Morgen bis zum Abend

Vom Aufstehen bis zum Zubettgehen war damals beispielsweise der Tagesablauf einer Köchin durchgeplant. Wann welche Bedienstete oder Herrschaften was und wie viel zu essen bekamen: Alles war geregelt – so wurde im Archiv unter anderem eine 26 Seiten lange Auflistung gefunden, was einem Kuhhirten oder einem Dienstmädchen zu den Mahlzeiten zustand. Getrunken wurde übrigens aufgrund der schlechten Trinkwasserversorgung überwiegend Bier – zwei bis drei Liter am Tag. Allerdings mit weniger Alkohol als heutzutage. Um den Bedarf von rund 80 Bediensteten auf Haus Harkotten zu decken, gab es seinerzeit sogar zwei Brauhäuser.

Wundermitttel gegen Krankheiten

Ähnlich wie heute war jedoch der Umgang mit epidemischen Krankheiten: Das heutige Corona war damals die Cholera. Es wurde versucht, die Ausbreitung mit Quarantäneverordnungen einzudämmen, es gab spezielle Karten für die Grenzüberschreitung, zahlreiche mehr oder weniger wirksame Wundermittelchen gab es. So wurden unter anderem auf Haus Harkotten mehrere Kupferherzen gefunden, die auf der Haut getragen einen galvanischen Prozess initiieren und durch den Kupfergeruch die Cholera fernhalten sollten.

Reiseberichte von Kurfahren nach Pyrmont (bei denen durch den behandelnden Arzt der Genuss von Obst und Salat verboten wurde, weil es den Kurerfolg gefährde), Informationen über damals übliches Hochzeitsprozedere und die sogenannte ‚Bauernbefreiung‘ rundeten die lokale Geschichtsstunde ab.

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