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Historiker bei der Kinder-Uni

Ein Gruß mit kurzer Konjunktur

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Pompöse Musik, glückliche Jugendliche, ein selig machender „Führer“ – das propagierten die Nationalsozialisten in ihren Filmen über die Hitler-Jugend. Die wahren Absichten hinter dem schönen Schein seien ganz andere gewesen, verdeutlichte Professor Thamer dem Nachwuchs im Sendener Rathaussaal.

Christian Besse

Gebannt verfolgten die rund 60 Zuhörer, darunter auch einige historisch interessierte Erwachsene, die Ausführungen von Professor Hans-Ulrich Thamer. Foto: Christian Besse

Wie versetzt man Kinder in eine Zeit, zu der noch nicht mal ihre Eltern geboren waren? Für Hans-Ulrich Thamer keine Schwierigkeit: Schließlich hat der emeritierte Historiker und NS-Experte schon mehrere Vorlesungen vor Kindern und Jugendlichen zum Thema „Nationalsozialismus“ gehalten, zuletzt „vor sechs oder sieben Jahren“ (Thamer) vor Schülern des Joseph-Haydn-Gymnasiums in Senden.

Am Freitag war der Professor im Rathaussaal zu Gast, Auf Einladung der vom Netzwerk Senden organisierten Kinder-Uni. Vor rund 60 Zuhörern, zu den Kindern und Jugendlichen hatten sich auch einige historisch interessierte Erwachsene gesellt, sprach er zu dem Thema „Als Opa für Hitler marschierte: Jugend im Nationalsozialismus“.

Mithilfe zweier kurzer Propagandafilme, einer während des HJ-Tages in Nürnberg 1938 gedreht, führte Thamer seinen jungen Zuhörern die Selbstverherrlichung der Nazis ganz im Wortsinn vor Augen. Um dann auf die Realität zu sprechen zu kommen.

Was zunächst ganz amüsant klang: Viele der zum Reichsparteitag nach Nürnberg angekarrten HJler seien nie an Hitler vorbeimarschiert. Sie seien schon vorher umgefallen, weil sie zunächst am Stadtrand stundenlang in Reih und Glied hätten stehen müssen, bevor endlich der Befehl zum Marsch aufs Reichsparteitagsgelände gekommen sei.

Prof. Hans-Ulrich Thamer

Dann wurde es ernster: „Es wurde keine Erwartung auf eine Zukunft geweckt, in der es allen besser geht“, so Thamer. Stattdessen sei ein „Opfermythos“ geschaffen wurden, mit dessen Hilfe sich die Jugend auf ihre wahre Rolle vorbereiten sollte: den Opfertod im Krieg.

Von dem Historiker vorgelesene Auszüge aus dem Tagebuch eines damaligen Jugendlichen verdeutlichten den Mädchen und Jungen, was der HJ-Alltag für den Hitlerjungen so faszinierend machte – die „Zackigkeit“ beim endlosen Marschieren und die freiwillige Aufgabe jedes freien Willens zugunsten des unbedingten Gehorsams gegenüber dem Willen des „Führers“.

Am Ende der Vorlesung meldete sich ein 83-jähriger Zuhörer zu Wort, der den Kindern von seiner eigenen Einschulung 1941 erzählte. Damals sei er von seiner Lehrerin eindringlich ermahnt worden, sie von nun zackig mit „Heil Hitler“ zu grüßen. Das habe er dann auch getan – zuletzt kurz nach dem Kriegsende. Da aber habe ihn die Frau eiligst beiseitegenommen und inständig gebeten, das von nun an doch bleiben zu lassen. Ein „Guten Tag“ würde vollkommen reichen.

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