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Klimaschutz

Freier Blick ins baumlose Moor

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Moore sind enorme CO2-Speicher – zumindest solange sie intakt und feucht sind. Das Venner Moor ist jedoch zu trocken. Das könnte enorme Folgen für Artenschutz und Klima haben. In dieser Woche hat deshalb eine große Renaturierungsaktion begonnen – die auf den ersten Blick eher nach Zerstörung aussieht.

Hier ist keineswegs grade ein Bagger im Einsatz. Stattdessen werden hier Bäume und Büsche gnadenlos zerhäckselt, um das Moor zur retten. Foto: Joel Hunold

Holger Lehnhoff steht auf seinem großen Spezialfahrzeug und lehnt an der Fahrerkabine. Eine wilde Mischung aus Ästen, Stämmen, Gräsern und Erde steckt im Aufsatz am vorderen Ende des Baggerarms. Blick nach links: Eine freie Fläche, bedeckt von einer knöchelhohen Schicht kleingehäckselter Natur. Blick nach rechts: Ein junger Fichten- und Birkenwald. „Die ollen Birken wehren sich immer wie sonst was“, sagt Lehnhoff.

Seit Dienstag ist Lehnhoff mit seinem Spezialfahrzeug im Venner Moor unterwegs. Er ist ausgewiesener Moorexperte, seit über 40 Jahren beschäftigt er sich mit den besonderen Naturräumen. Bäume, Büsche und alles andere, was in den vergangenen Jahren auf den Moor-Flächen gewachsen ist, macht er klein. Hunderte Bäume mussten sich innerhalb von zwei Tagen seinem mobilen Häcksler beugen. Die „entbuschte“ Fläche ist größer als ein Fußballfeld.

Venner Moor trocknet aus – und stirbt

Bevor sich Umweltschützer und Waldliebhaber aufregen: Für das Moor ist die Arbeit von Lehnhoff wichtig. „Die Bäume ziehen enorm viel Wasser aus dem Boden“, erläutert Klaus Holger Knorr, Professor für Hydrologie der WWU Münster. Eine Folge: Das Moor trocknet aus.

Und das Venner Moor ist bereits zu trocken. „Es hat in den vergangenen Jahren viel zu wenig geregnet“, sagt Kerstin Wittjen vom Naturschutzzentrum des Kreises Coesfeld. Wäre das Venner Moor feucht genug, könnten die Birken und Fichten dort gar nicht wachsen.

Holger Lehnhoff ist in dieser Woche mit seinem Spezialfahrzeug im Venner Moor unterwegs. Foto: Joel Hunold

Doch solange sie dort stehen, wird der Boden noch trockener. Torfmoose, Wollgräser und andere nur in Mooren wachsende Pflanzen benötigen jedoch eine Wasserschicht, um zu überleben. Ohne diese sind auch die Kreuzotter oder die Moorliebelle, die beide im Venner Moor vorkommen, bedroht, erläutert Wittjen.

Doch die Bäume und Büsche, die Lehnhoffs Spezialfahrzeug radikal kleinhäckselt und liegen lässt, müssen nicht nur für den Artenschutz weichen. Moore, beziehungsweise das in den Mooren liegende Torf, sind ein enormer CO2-Speicher. Kommt das Torf, welches in intakten Mooren stets unter einer Wasserschicht liegt, mit Luft in Kontakt, wird das CO2 freigesetzt. Das soll verhindert werden.

Bundesregierung stellt Moor-Pläne vor

Am Mittwoch, während Lehnhoff mit seinem Spezialfahrzeug seine Runden in Senden dreht, verabschiedete die Bundesregierung ihre „Nationale Moorschutzstrategie“. Deutschlandweit soll in den kommenden Jahren das passieren, was Wittjen, Knorr und der Landesbetrieb Holz und Wald NRW schon seit Jahren – in dieser Woche erneut – in Senden versuchen: Trockengelegte Moore wieder zu verwässern. 7,5 Prozent aller jährlichen Treibhausgas-Emissionen hierzulande entstehen alleine deshalb, weil Moore trockenfallen.

Hier stand am Anfang der Woche noch ein Wald. Foto: Joel Hunold

„Mit diesen vergleichsweise kleinen Flächen können wir enorm viel erreichen“, sagt Knorr, die Leistung von Mooren sei gewaltig. Der Erhalt von Mooren habe bei gleicher Fläche einen viel größeren Klima- und Umwelteffekt als ein dort stehender Wald, „in Mooren in Deutschland ist genauso viel Kohlenstoff gespeichert wie in allen deutschen Wäldern zusammen“, so Bundesumweltministerin Steffi Lemke laut einer Pressemitteilung.

Ein schöner Birkenwald, oder? Leider nein, denn eigentlich ist das hier ein Moor. Die Birken kommen deshalb weg. Foto: Joel Hunold

In Senden wird daher Pionierarbeit geleistet. Die Idee, Moore von Bäumen zu befreien, ist zwar nicht neu. Der Einsatz von Fahrzeugen dabei schon, betont Knorr. Schließlich sinken normale Bagger in Mooren schnell ein. Man sei daher froh, auf Lehnhoff gestoßen zu sein. Sein selbst konstruiertes Spezialfahrzeug ist leichter und hat größere Ketten, wodurch sich das Gewicht besser verteilt. „Wir erzeugen beim Stehen pro Quadratzentimeter wahrscheinlich grade einen größeren Druck“, sagt Wittjen.

Die breite Häckselschicht aus Bäumen, Büschen und Moosen wird bewusst liegen gelassen. „Sobald es regnet, wird das zu einem matschigen Brei“, erklärt Knorr. Das sei dann der perfekte Untergrund für Moor-Pflanzen.

Hoffnung auf blühende Moos-Landschaften

Bis Freitag (11. November) ist Lehnhoff im Einsatz. Rund die Hälfte jener Moor-Flächen, die noch renaturiert werden können, sollen bis dahin frei sein. Die andere Hälfte folgt im kommenden Jahr. Früher war das Venner Moor deutlich größer. Doch manche Bereiche sind schon viel zu trocken und können nicht mehr gerettet werden. Bei den nun renaturierten ist Wittjen hoffnungsvoll, dass es dort bald wieder kräftig strahlende Moos-Landschaften gibt. Die Voraussetzung dafür – bei allen Vorbereitungen, die grade getätigt werden – ist jedoch viel Regen. „Eine normaler Niederschlagsmenge über den Winter würde schon reichen“, so Wittjen.

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