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„Aktion Hoffnungsschimmer“: Ausstellung über verfolgte Ezidinnen

Opfern Gesicht und Stimme geben

Münster/Senden.

In Zusammenarbeit mit der „Aktion Hoffnungsschimmer“ eröffnet der Verein „Women for Justice“ am 9. Juli (Freitag) in der Bezirksregierung eine Ausstellung über die Verfolgung ezidischer Frauen durch die IS-Terrormiliz. Im WN-Interview schildert Dr. Leyla Ferman, Vorsitzende von „Women for Justice“, worum es in der Ausstellung geht: Es soll gezeigt werden, was Genozid und das schreckliche Erlebnis der Versklavung für die einzelnen Opfer bedeuten. Und dass kein Täter ungestraft davon kommen darf.

Von Dietrich Harhues

Kein Straftäter darf davon kommen: Dr. Leyla Ferman, Vorsitzende des Vereins „Women for Justice“ bei einer Rede im Brüsseler EU-Parlament. Foto: Women for Justice

Regierungspräsidentin Dorothee Feller eröffnet persönlich die Ausstellung „Über Leben“, die der Verfolgung ezidischer (jesidischer) Frauen gewidmet ist: Diese „beweisen damit unglaublichen Mut und sorgen dafür, dass ihr unfassbares Leid sichtbar wird und unvergessen bleibt“, würdigt Feller. Unser Redakteur Dietrich Harhues sprach mit der Vorsitzenden des Vereins „Women for Justice“, Dr. Leyla Ferman, und dem Schirmherrn von „Aktion Hoffnungsschimmer“, Dr. Jochen Reidegeld, die in Kooperation mit dem Deutschen Frauenring e.V. zu der Ausstellung einladen, über Frauen als Opfer in Krieg und Terror und die ehrenamtliche Arbeit, Täter zur Rechenschaft zur ziehen.

Die Ausstellung heißt „Über Leben“, wie ist ein Überleben und Weiterleben für Frauen, die Opfer von Verschleppung, Versklavung und anhaltendem Missbrauch wurden möglich?

Ferman: Aus traumatologischer Sicht muss zunächst Sicherheit und Stabilität geschaffen werden. Dazu zählt nicht nur ein gewaltfreier Zustand, sondern auch die rechtliche Verfolgung von Straftätern und die Gewissheit darüber, was mit den „Verschwundenen“ passiert – wer zum Beispiel unter den über 70 Massengräbern in Shingal im Nordirak liegt. Das alles ist noch nicht erfolgt. Das Erzählen über die schrecklichen Erlebnisse in Gefangenschaft des Islamischen Staat gehört zur Überwindung des Traumas dazu.

Zwölf Frauen stehen stellvertretend für einen Femizid. Geht es in der Ausstellung darum, das Unfassbare ihres Schicksals greifbar zu machen, den Opfer ein Gesicht zu geben?

Ferman: Über 6000 Frauen und Kinder aus Shingal wurden vom Islamischen Staat versklavt. Besser ist es jedoch zu sagen: Es gibt über 6000 Grauensgeschichten, die aus ethischen und moralischen Gründen erzählt werden müssen, um Gerechtigkeit als Grundprinzip eines Zusammenlebens überall auf der Welt zu ermöglichen. Kein Straftäter darf einfach so davon kommen. Wir wollen mit der Ausstellung zeigen, was der Begriff Genozid und Versklavung für die einzelne Person bedeutet, denn erst dann können wir das Grauen wirklich erkennen. Wir wollen Opfern einen Raum und Gesicht geben.

Sind Ezidinnen gleich in mehrfacher Hinsicht typisch für das generelle Thema, dass Frauen Opfer in Kriegen und Terror werden?

Ferman: Frauen sind schon immer Kriegsbeute von Männern im Krieg gewesen. Sexualisierte Gewalt hat es auch schon immer gegeben, gegenüber Frauen aber auch gegenüber Männern. In Genoziden werden Männer oft direkt erschossen und Jungen indoktriniert und zu Kämpfern ausgebildet; Frauen werden vergewaltigt und in Gefangenschaft zwangsverheiratet. Da aufgrund von zahlreichen Genoziden in der Geschichte, nur noch in Shingal viele Eziden leben, wird der Erfolg des Wiederaufbaus und die Rückkehr nach Shingals darüber entscheiden, ob die Eziden als Gruppe im Nahen Osten und vielleicht auch überhaupt langfristig überleben werden. Die versklavten Frauen werden nach ihrer Befreiung, anders als in der Geschichte, von ihren Familien herzlich empfangen. Damit haben die Eziden Stärke bewiesen und dem patriarchalen, radikal islamistischen Gedanken des IS die richtige Antwort gegeben. Auch sind viele Frauen heute zur Stimme der Eziden weltweit geworden.

Wie gelang es, „Women for Justice“, die Frauen, die Opfer wurden, zu finden und was war erforderlich, damit sie sich mit ihren eigenen traumatisierenden Erlebnissen öffneten und sich sogar als Zeuginnen in der Ausstellung, aber auch in Verfahren zur Verfügung zu stellen?

Ferman: Alle unsere Mitglieder, die Interviews führen, sind Frauen und die meisten sind selbst Ezidinnen. Dies hat Vertrauen möglich gemacht. Alle interviewten Frauen, die in der Ausstellung zu sehen sind, wollten, dass die Welt erfährt, was ihnen widerfahren ist. Sie wollen damit auch dazu beitragen, dass Menschen aufgeklärt und sensibilisiert werden, damit keine Genozide passieren. Ihnen ist es wichtig, nicht zu vergessen. Diese Frauen sind uns ein Mahnmal.

Welche sind die zentralen Ziele des „Vereins Women for Justice“ und mit welche Motivation hilft den Mitgliedern des Vereins das schwierige Engagement zu leisten?

Ferman: Wir wollen Gerechtigkeit für jene, die ermordet, entführt, versklavt, indoktriniert und gezwungen wurden, innerhalb ein paar Stunden ihre Heimat zu verlassen. Wir wollen eine Stimme gegen radikales Gedankengut, Rassismus, Gewalt und Diskriminierung sein. Auch ist der IS ein weltweites Problem. Unser Verein hat die Wünsche von Frauen auf die Agenda gesetzt: rechtliche Schritte gegen Täter und Anerkennung des Genozides, Wiederaufbauprojekte in Shingal und Öffentlichkeit informieren. Unsere Motivation schöpfen wir von den Frauen, die uns ihre Geschichten erzählen. Die Stärke dieser Frauen motiviert uns.

Mit welchen Strukturen und (finanziellen) Mitteln leistet „Women for Justice“ als Verein seine Tätigkeiten?

Ferman: Wir arbeiten basisdemokratisch und fast alle ehrenamtlich. Wichtig war uns von Anfang an, vom IS misshandelte Frauen als aktive Mitglieder zu integrieren. Viele von uns nutzen ihre Wochenenden, Feierabend und Urlaub, um aktiv im Verein mitzumachen. Damit kommen wir jedoch auch schnell an unsere Grenzen. Es wäre wichtig, Personal einzustellen, um unser Engagement in Deutschland, im Irak und in anderen Ländern zu stärken. Einige Projekte können aus Mangel an finanziellen Möglichkeiten nicht umgesetzt werden.

Dr. Jochen Reidegeld, Schirmherr von „Aktion Hoffnungsschimmer“, hat die Ausstellung in Münster mit vorbereitet. Foto: roterkeil.net

Wo sind die Schnittstellen der „Aktion Hoffnungsschimmer“ mit Women for Justice, wieso kooperieren beide Vereine auf mehreren Feldern?

Reidegeld: Wir haben als „Aktion Hoffnungsschimmer“ die Ausstellung in Münster organisiert. Wir kooperieren mit dem Verein „Women for Justice“, weil wir für die gleichen Menschen arbeiten: die Ezidinnen und Eziden, die Opfer des Genozids wurden und unter den Folgen bis heute leiden. Diese Menschen haben nicht nur ihre Heimat sondern auch ihre Angehörigen und jede Zukunftsperspektive verloren. Auch nach sieben Jahren lebt ein Großteil der 2014 aus dem Shingal geflüchteten Menschen immer noch in Lagern im Nordirak und in Syrien. Besonders betroffen sind die Frauen.

Was ist das Besondere an der Arbeit von Women for Justice, so dass „Aktion Hoffnungsschimmer“ diesen Partnerverein unterstützt?

Reidegeld: „Women for Justice“ gibt Frauen eine Stimme, die sonst in der Welt und auch in unserer Gesellschaft immer seltener gehört wird. Für die Öffentlichkeit ist der Genozid an den Ezidinnen und Eziden schon wieder Geschichte. Für die Angehörigen dieser Religionsgemeinschaft ist er aber auch heute in jedem Augenblick schreckliche Gegenwart.

Die Ausstellung ist bis zum 13. August in der Bezirksregierung zu sehen. Zur Eröffnung am Freitag (9. Juli) berichten auch Frauen, die Opfer des IS wurden, über ihr Schicksal.

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