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WN-Sommerserie „Premiere“

Styropor-Flügel verleihen Freiheit

Ottmarsbocholt

Mit Fingerspitzengefühl, Motor und Tragflächen das Gefühl von Freiheit genießen: WN-Reporter Dieter Klein probierte sich in der WN-Sommerserie „Premiere“ als Modellflug-Pilot.

Dieter Klein

Kein Bruchpilot: Dieter Klein (r.) wird von Johann Linnemann trainiert. Foto: dk

Es ist ein lauer Sommerabend – und ich fliege. Mal ohne „Miles and More“. Alleine. Mit einem kleinen schwarzen Instrumentenpult, nicht viel größer als mein i-Pad, steuere ich ein Fluggerät hoch in den blassblauen Himmel über der Dorfbauerschaft. Ein Wahnsinnsgefühl! Da oben schraubt sich mein kleiner Flieger, ein dünnes Modell aus Styropor, dank seines kleinen E-Motors, immer höher in die dünnen Schleierwolken . . .

„Quatsch!“ Soweit sind wir noch lange nicht. Wir sind allenfalls mal 200 Meter über der Erde, und doch kann ich den Schriftzug „can fly“ auf den Tragflächen schon längst nicht mehr lesen. „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein . . .“ Ist sie das? Für ein paar Augenblicke bestimmt!

Sekunden vorher: Johann Linnemann, ein 14-Jähriger Junge aus dem hier ansässigen Verein MFC, hat mir gerade die Steuerung in die Hände gedrückt. Sein gleichaltriger Freund Paul Dittert assistiert. Er erklärt: „Johann hat auf seiner Fernbedienung die ‚Lehrer-Schüler‘ – Einstellung gewählt. Das heißt: Du fliegst. Und Johann kontrolliert. Kann zur Not rettend eingreifen.“

Er erläutert die Fernsteuerung: Oben rechts – dieser Joystick bedient nach oben und unten gestellt das Höhenruder, nach rechts und links gedreht das Querruder. Mit dem Instrument links daneben steuert man Gas und Seitenruder. Die Stifte unten sind für das Trimmen gedacht. Abzulesen ist auch, wie lange noch der Akku im Flieger Strom liefern kann.

„Wie lange insgesamt?“, will der Fluganfänger wissen. „Nach zehn Minuten ist Schluss. Dann fängt der Motor an zu stottern und setzt aus. Dann bleibt uns nur noch eine einigermaßen vernünftige Gleit-Landung. Alles klar?“, fragt der „Lehrer“.

Nix ist klar. Wo ist mein Flieger? Der hat sich hoch über uns im gleichen Moment senkrecht nach unten gestellt. „Mein Gott. War ich das?“

„Stürzen wir ab?“, presse ich entsetzt heraus. Johann, mein Chefpilot, schüttelt den Kopf. Sehe ich verächtliches Grinsen? Nein! Er und auch sein Freund sind mir in diesem Moment die liebenswertesten Buben auf dem Globus. Höflich, keine Spur von Angeberei für das, was sie viel besser können als ich. Keinen aufgesetzten Übermut. Einfach zwei dufte Typen, Jungs aus Otti-Botti, die jeden schönen Ferientag nutzen, um hier draußen in der freien Natur ihre Vögel in den Himmel zu schießen.

Apropos „Vögel“. Eben sah ich einen Bussard, der meinem Flieger bedenklich nahe kam. Dann aber wohl – schließlich war es kein Weibchen für ihn – beleidigt wieder davon glitt. Scheinbar schwerelos, elegant, geräuschlos.

Ganz anders als mein ruckeliger Erstflug. Wieder fiel mir ein Erlebnis von früher ein: Da durfte ich als Reporter einer großen Sonntagszeitung im Flugsimulator der Bundes-Luftwaffe einmal einen richtige Jet steuern und fliegen – virtuell. Eine „F-104“, auch Starfighter genannt. Als ich den auf die Betonpiste setzen wollte, gab es einen grellen Blitz. Dann Staubwolken und Feuer. Und eine monotone Computer-Stimme blecherte: „Sie haben einen Totalschaden verursacht. Sie haben einen Krater von 72 Metern geschaffen. Er wird nach Ihnen benannt werden.“

Auf der Wiese, dem Flugfeld von Ottmarsbocholt, ist unser kleiner Flieger inzwischen wieder – ohne Krater gelandet.

Ringsum rege Piloten-„Aktion“. Reinhard Hoch bastelt an einem wunderschönen alten Modell, einem Nachbau der „Reiher III“, ein Flugzeug mit dem einst die berühmte Pilotin Hanna Reitsch für Schlagzeilen sorgte. Daniel Schulte lässt seine „Super-Bella“ aufheulen. Er probiert neuen Sprit für den 6-PS-Motor seines Fliegers aus. Frank Weinrich genießt mehr die Atmosphäre der Idylle hier draußen. Andreas Hütte schleppt einen teuer aussehenden Heli aus dem Kofferraum. Und MFC-Clubpräsident Klaus Heymann kommt mit frischen Brombeeren aus einem Busch. Lacht und genießt: „Ich wusste gar nicht, dass die Dinger hier wachsen.“ „Logisch“, spottet jemand, „wenn man immer nur in den Himmel schaut.“

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