Grenzerfahrungen eines Radlers

Wie aus der Kreis- und Streu-Grenze nun auch eine Asphalt-Grenze wurde

Senden-Bösensell/...

Haben Sie schon mal das Schild „Streugrenze“ gedanklich durchdekliniert? Als Bösenseller Radfahrer kommt man im Grenzbereich zwischen dem Kreis Coesfeld und der Stadt Münster mit solchen Kuriositäten in Kontakt. Ein Bericht aus dem Fahrradsattel.

Johannes Loy

Diese Streugrenze an der Straße zwischen Bösensell und Albachten in der Alvingheide beflügelt die Fantasie jedes Radlers. Foto: Johannes Loy

Seit über 20 Jahren radelt er regelmäßig von Bösensell über Albachten nach Münster. Vieles ist ihm schon begegnet: Herrchen und Frauchen mit Hunden, mit und ohne Kackebeutel, Gülle-Ausleger groß wie russische Antonov-Flugzeuge, schnaufende Langläufer, verbissene Radrenner auf schmerzend-schmalen Sätteln, trabende Damen mit Teleskopstöcken. Auch das Sperrgut-Paradies Albachten, das er längst in „Müllbachten“ umgetauft hat, grüßt täglich mit Dreck am Straßenrand. Aber nichts hat seine Fantasie in 20 Jahren derart beflügelt wie ein Schild in der Alvingheide mit der Aufschrift – „Streugrenze“.

Coesfeld warnt vor Münster-Glätte

Hier warnt also der Kreis Coesfeld davor, dass der Streuwagen zur Winterszeit direkt an der Kreisgrenze sein Streuen einstellt. Und zugleich davor, dass Münster auf den letzten Metern der Straße bis zur Lindenallee in Albachten den Autofahrer aufs Glatteis führen könnte. Komisch: Warum warnt Münster auf der Gegenseite nicht ebenfalls? Was wäre also, wenn jemand auf Coesfelder Terrain ins Schleudern käme und nicht gewarnt worden wäre? Eine spannende Frage für jeden Winkeladvokaten.

Kreisgrenze Coesfeld, Alvingheide, jetzt auch an der Asphaltgrenze gut zu erkennen. Foto: Johannes Loy

Die Fantasie unseres Radlers nimmt Schwung auf. Wie schafft es der Streudienst, dass auf keinen Fall Salz über die Kreisgrenze hin­aus rieselt? Dreht er um? Stellt er den Streuer punktgenau ab? Wendet er dann an der Mündung Lindenallee? Ein Straßenwärter klärt auf: Der Streuwagen dreht am Rastplatz, dem letzten Punkt der Gemeinde Senden. Leider wird diese kleine Radler-Oase trotz besten Bemühens der Ordnungs- und Heimatkräfte vorzugsweise von halbstarken Langweilern und Grillern vermüllt und verschmiert.

Demarkationslinie

Neben der Kreis/Stadt-Grenze und der Streugrenze gibt es nun aber noch eine weitere Grenze: die Asphalt-Grenze. Münster hat nämlich auf der etwa 200 Meter langen Strecke zwischen Lindenallee und Kreisgrenze Coesfeld just eine neue Teerdecke aufgezogen. „Ist da jetzt eine Stufe auf der Straße?“, fragte die Gattin des Radfahrers. Der klärte sie mit Kennerblick auf: „Natürlich wurde die Piste erst abgefräst und dann neu asphaltiert.“ Die Alvingheide war folglich zuletzt für Autos und Radfahrer komplett gesperrt. Die Grenze wurde mit Absperrbaken zur Demarkationslinie aufgemotzt und nötigte unseren Radfahrer, auf die Todes-Piste Weseler Straße auszuweichen, wo viele Autofahrer den Unterschied zwischen Radweg und Verzögerungsstreifen nicht kennen. Zwischenzeitlich pfiff unser Radfahrer aber auch auf die Absperrungen und hegte schon den verführerischen Gedanken, im weichen Asphalt der Baustelle wie ein Star in Hollywood seine Fuß- oder Handabdrücke zu hinterlassen. Das ließ er aber in weiser Voraussicht besser bleiben.

Nun ist alles ausgehärtet. Am Schild des Kreises Coesfeld ist folglich der markante Belag-Wechsel zwischen neuem Anthrazit und altem Grau zu sehen. Das sieht fast so aus wie die Äquator-Linie auf der Autobahn in Uganda, die der Bösenseller mal auf Reisen querte. Und ist in jedem Fall markanter als der Schmuddelbach am Rastplatz, der offenbar die natürliche Kreisgrenze bildet.

Zwischenzeitlich wie eine Demarkationslinie ausgebaut: Baustelle zwischen Bösensell und Albachten, kurz vor der Kreisgrenze. Foto: Johannes Loy

Mit Schlagbaum?

Die letzte Frage, die sich unser fantasiebegabter Radler in diesem Kontext nun stellte, war die nach der Notwendigkeit der Asphalt-Maßnahme. Denn die Straße sah eigentlich noch ganz passabel aus. Hatte Münster vielleicht Geld, Schotter und Teer übrig? Oder gibt es in den Straßenämtern unterschiedliche Vorstellungen darüber, wann und wie eine Straße zu asphaltieren ist?

Kreis-, Streu- und Asphaltgrenze: Nie war die Coesfelder Kreisgrenze so zentimetergenau zu sehen wie jetzt. Vielleicht sollte man sie nun auch noch mit einem breiten weißen Strich aufwerten. Oder mit einem Schlagbaum inklusive kleiner Imbissbude.

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