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Markus Knüpp vom Spezial-Reiseveranstalter SK Touristik

„Wir sind eine vergessene Branche“

Bösensell

Die Gastronomie oder auch die großen Touristik-Konzern haben eine starke Lobby. Für mittelständische Reiseveranstalter ist es hingegen deutlich schwieriger, auf die Probleme hinzuweisen, die durch die Corona-Pandemie entstanden, betont Markus Knüpp, ein Geschäftsführer des Kanada-Spezialisten SK Touristik im WN-Interview.

Bedauert, dass seine Branche wenig Aufmerksamkeit von Politik erfährt: Markus Knüpp, einer der geschäftsführenden Gesellschafter von SK Touristik. Foto: kri

Die Corona-Pandemie ist von Einschränkungen begleitet, die unterschiedliche Branchen trifft – so auch und gerade die Touristik. Es sind viele unbekannte Faktoren, vor denen Reiseveranstalter stehen und auf die sie vorbereitet sein müssen. Darüber sprach WN-Mitarbeiterin Kristina Hinz mit Markus Knüpp, der mit Rainer Schoof als einer der geschäftsführenden Gesellschafter bei SK Touristik Kanadareisen fungiert.

Welche Änderungen haben sich für Ihr Geschäftsfeld seit Beginn der Pandemie ergeben?

Knüpp: Seit Beginn der Pandemie und seit Beginn des ersten Lockdowns ist es ein Herunterfahren der Reisetätigkeit von 100 Prozent auf Null. Wir haben wenige Geschäftsreisen und veranstalten überwiegend touristische Reisen nach Kanada. Was das bedeutet, kann man sich denken. Es ist durchaus problematisch für jedes Reiseunternehmen. Wir haben vielleicht das Glück, dass wir seit fast 30 Jahren am Markt sind und uns als Kanadaspezialist etabliert haben. So konnten wir gute Arrangements herausarbeiten. Es besteht ein großes Interesse, die Reisen zu machen, auch wenn sie jetzt nicht stattfinden können. Ein Großteil unserer Kunden hat umgebucht, teilweise direkt, teilweise kurzfristig über Gutscheine, die wir sehr schnell wieder zurückgezahlt oder in neue Buchungen umgewandelt haben. Wir wollten, dass die Leute konkrete Reiseziele vor Augen haben, auf die sie sich auch freuen können.

Was bedeutet es konkret, können Sie das an Beispielen aufzeigen?

Knüpp: Wir haben teilweise Leute, die wegen des langen Tageslichts in Kanada oder weil sie bestimmte Bären beobachten wollen, im Mai 2020 reisen wollten. Die haben gesagt, deshalb verschieben wir es ins Jahr 2021. Jetzt haben wir Situation, dass wir Reisen sogar schon zum dritten Mal verschieben, teilweise haben wir den vierten Vorgang für einen Kunden. Für uns ist es auf der einen Seite toll zu sehen, dass die Leute dann trotzdem dabeibleiben und sagen ja Mensch, dann machen wir es halt nächstes Jahr. Auf der anderen Seite ist es insofern problematisch, dass es dann mitunter die dritte Reisebuchung für einen Kunden ist – die Arbeit als solche aber nicht vergütet wird. Wer die Margen kennt, weiß was in der Touristik verdient wird, was in der Regel nicht der Rede wert ist. Da kann man sich vorstellen, dass es eine nicht sonderliche befriedigende Situation ist, um es vorsichtig auszudrücken. Aber bei uns überwiegen die Zuversicht und Dankbarkeit vor dem Verständnis und Vertrauen, das unserer Kunden uns entgegengebracht haben.

Welche Kanäle nutzen Sie, um sie zu informieren?

Knüpp: Im Wesentlichen machen wir das über Facebook auf unserer Seite „Kanadafieber“. Da haben wir regelmäßig in der Anfangszeit fast wöchentlich Covid-19-Updates und unsere Einschätzung gegeben. Wir informierten darüber, wer alles kontaktiert wurde und wem wir empfehlen, sich Gedanken darüber zu machen, seine Reise umzubuchen. Wir bedienen nur Kanada und können so sehr genau für ein Zielland beobachten, wie es sich entwickelt.

Wer sind Ihre Ansprechpartner in Kanada?

Knüpp: Wir legen großen Wert darauf, dass wir die Leistungsträger kennen, ob es Whale Watching ist, ein Hotel, eine Lodge in den Bergen oder ein Grizzley-Bear-Viewer. Das ist mit unsere Hauptaufgabe: mit Kanada Kontakt zu halten. Aus diesen Geschäftskontakten mit unseren Leistungsträgern sind seit Jahrzehnten Freundschaften entstanden.

Wie viele Reisen konnten denn überhaupt stattfinden 2020?

Knüpp: Mit Ausnahme von einer Handvoll Skireiseisen, steht die Null. Wir hatten teilweise abwechselnd, teilweise gleichzeitig eine große Schnittmenge aus – das sage ich mal flapsig, der genaue juristische Terminus wird vielleicht anders sein – Reiseverbot ausgehend von Deutschland und Einreiseverbot ausgehend von Kanada. Diese Schnittmenge besteht immer noch. Wir hatten trotzdem vorgreifend den Mai und den Juni komplett schon abgesagt. Das bringt ja nichts. Die Leute wissen nicht, ob sie starten können. Das macht ja keinen Spaß und würde uns auch keinen Spaß machen.

Was ist Ihre Einschätzung zu den folgenden Monaten?

Knüpp: Wir sind skeptisch, was den Juli angeht und hoffen auf den August. Die Hoffnung wird stärker für den September. Nach den Phasen der letzten Monate wäre es aber eine sträfliche Vernachlässigung, wenn wir nicht darauf vorbereitet wären, dass es 2021 ausfällt, sogar eventuell inklusive der Wintersaison, also Skisaison in den Rocky Mountains. Wir sind ein kleiner Spezialreiseveranstalter mit kleiner Belegschaft. Da hängen ganze Familien dran, deshalb ist es uns da wichtig, dass wir gut vorbereitet sind.

Wie haben Sie den Prozess, Kurzarbeitergeld zu beantragen, erlebt?

Knüpp: Das Mittel des Kurzarbeitergelds war ganz zu Beginn problematisch. Wie sie sich vorstellen können, und vor dieser Situation standen viele Reiseveranstalter, hatten wir anfangs das Problem, dass durch die Pandemie, durch den Lockdown und das plötzliche Ausfallen von Reisen ein riesengroßer Mehraufwand entstanden ist. Weil die Leistungsträger informiert werden mussten, mit den Kunden musste eruiert werden, was machen wir, buchen wir um. Es war auf einem Schlag extrem viel Mehrarbeit für unsere Mitarbeiter da in einer Zeit, in der man sich normalerweise „nur“ um die Abwicklung gekümmert. Die Abwicklung ist für uns die Zeit, wo wir im Prinzip die Früchte einfahren, denn da sind alle Buchungen gelaufen. Es werden nur noch die Reiseunterlagen ausgestellt, die Voucher gedruckt und weggeschickt und dann ist man eigentlich fertig, wünscht dem Kunden eine tolle Reise und ist für ihn da, wenn es vor Ort irgendwelche Fragen gibt. Und in dieser Zeit kam auf einmal eine neue Umbuchungswelle und Stornierungen, da war das große Problem, dass wir erstmal gar nicht wussten, wie sollen wir die Kurzarbeit anwenden, wenn wir Mehrarbeit haben. Daran sieht man wie wenig die Politik auf die Touristik, insbesondere auf die Ferntouristik, reagiert, bis heute. Das zieht sich bis zum heutigen tag durch.

Welche Schwierigkeiten ergeben sich noch im Hinblick auf das Kurzarbeitergeld?

Knüpp: Wir sind da dankbar dafür, dass es das Instrument gibt. Aber das Kurzarbeitergeld gilt letzten Endes nur für reguläre Angestellte, nicht für geschäftsführende Gesellschafter oder Auszubildende. Das dämpft dann die Wirkung des Instruments. Und zu der Zeit war es wichtig, dass Vollzeit-Mitarbeiter den Mehraufwand bewältigen können.

Was wünschen Sie sich von Seiten der Politik?

Knüpp: Nicht unbedingt jeder macht eine Fernreise, aber jeder geht mal essen. Da ist die Gastronomie schnell im Fokus, was auch gut ist. Das beschäftigt mich ja genau so. Ich wollte auch, dass meine Lokale hier wieder aufmachen. Die leiden auch, und ich will das auch nicht in Abrede stellen, wenn dann teilweise Umsätze kompensiert worden sind. Das wurde bei uns in dem Sinne nicht gemacht. Letzten Endes sind wir eine vergessene Branche. Wenn sich einer der Touristik zuwendet, dann wird häufig maximal an Reisebüros oder Konzerne gedacht, nicht an mittelständische und kleine Reiseveranstalter. Hotels haben eine vergleichsweise stärkere Interessensvertretung. In letzter Zeit hat man auch die Buslobby gehört, die Veranstalter hat man lange Zeit nicht gehört. De facto haben wir seit unter den Mantel des Bevölkerungsschutzes inzwischen über einem Jahr ein Berufsverbot. Es gibt sicherlich auch die Pandemiegewinner, den sei das auch gegönnt. Die Touristik gehört nicht dazu, vor allem nicht die Ferntouristik.

Info: Wenn Kunden eine Pauschalreise bestehend aus Flug, Unterkünften und Mietwagen buchen, haben sie einen Anspruch darauf, ihr Geld zurückzuerhalten oder kostenlos eine Umbuchung vorzunehmen, wenn eine Reise nicht stattfinden kann. Durch die Corona-Einschränkungen können Reisen nur bedingt stattfinden. Ausnahmen gibt es etwa, wenn Verwandte besucht werden, eine permanente Duldung im Zielland besteht oder Studenten ihren Studienplatz aufsuchen. Für alle anderen sorgte Corona zu einem Reisestopp – und damit für Herausforderungen für Reisebüros und -veranstalter wie der erhöhte Bedarf an Beratungsleistung.

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