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Dr. Susanne Sünderkamp über die Teamleistung von Pflegemitarbeitern

„Alle wünschen sich Stabilität“

Greven

Pflege. Das große Thema der Gegenwart. Dr. Susanne Sünderkamp erklärt, wie man in diesen Zeiten für Mitarbeiterzufriedenheit sorgt. Es geht dabei nicht nur um Geld. Sondern um Vertrauen.

Von Günter Benning

Susanne Sünderkamp verantwortet drei Seniorenheime in der Region.. Foto: Günter Benning

„Mein Herz schlägt für die Pflege“ hatte Dr. Susanne Sünderkamp (43) gesagt, als sie vor drei Jahren in Greven begann. Heute ist die Mutter von drei Kindern Geschäftsführerin der Altenheime St. Augustinus Nordwalde, St. Gertrudenstift Greven und Haus Marienfried in Reckenfeld mit 450 Mitarbeitern. Im Interview erklärt sie, warum Geld nicht alles ist, um Pflegefachkräfte zu begeistern.

Überall in der Wirtschaft wird über Personalmangel geklagt. Liegt es da immer am Geld?

Sünderkamp: Geld spielt nicht die einzige Rolle. Andere Fragen sind ebenso wichtig: Kriege ich eine Arbeitsplatzsicherheit, kommt das Geld zuverlässig, habe ich ein gutes Team, werde ich mit meinen Sorgen, Ängsten, Nöten aufgefangen? Und: welche Arbeitszeiten habe ich? Gibt es Vorgesetzte, mit denen ich gut reden kann?

Was die Pflege angeht, sagen alle, diese Leute brauchen wir. Im Inneren des Systems wird aber oft geklagt über ungünstige Arbeitszeiten oder körperliche Belastungen. Können Sie das bestätigen?

Sünderkamp: Pflege ist ein fordernder Beruf. Man ist sportlich unterwegs. Doch man muss nicht für alles die eigene Kraft aufbringen, genauso wie in vielen Handwerksberufen. Und es ist ein Job, der viel zurückgibt: Dank von den Angehörigen und den Bewohnern. Die meisten Betroffenen wissen unsere Arbeit insbesondere zu schätzen, wenn sie gesehen haben, wie wir Menschen beim Sterben begleiten.

Das ist eine Erfahrung, die jüngere Leute erst im Seniorenheim machen?

Sünderkamp: Ja, diese Erfahrung erlebt man im Familienkontext nicht so häufig.

Die Kunst des Zuhörens

Was kann der Arbeitgeber tun, um die Zufriedenheit der Mitarbeiter zu steigern?

Sünderkamp: Ich glaube, es kommt darauf an, den Mitarbeitern zuzuhören. Welche Sorgen gibt es? Welche Vorschläge gibt es? Es muss sichtbar werden, dass man dieses aufnimmt und umsetzt, soweit es möglich ist. Wir haben in diesem Jahr viele Kontakte zu jungen Menschen aufgenommen, zum Beispiel bei Berufsmessen. Wir haben uns informativ verbessert. Auf unserer Webseite sieht man Gesichter und weiß, wer ansprechbar ist. Außerdem haben wir in jedem Haus eine gewählte Mitarbeitervertretung. Uns ist es wichtig, sich zu diesen Gremien zu bekennen und sie aktiv zu unterstützen. Ich treffe in der Regel jede Mitarbeitervertretung einmal monatlich.

Oft werden Mitarbeitervertretungen von Arbeitgebern als Störfaktor betrachtet…

Sünderkamp: Das sehe ich ganz und gar nicht so. Es kann herausfordernd und anstrengend sein. Aber ich erlebe die Gremien als konstruktiv und ein wichtiges Mittel, um den Austausch mit den Mitarbeitern zu verbessern. Die müssen doch wissen, wo steht das Unternehmen, was ist wichtig, was wird gerade gemacht.

Mitunter äußern Mitarbeiter im Pflegebereich das Gefühl der Machtlosigkeit und des Burnouts.

Sünderkamp: Das Besondere bei uns ist, wir sind ein 24-Stunden-Betrieb. Da kann nichts liegenblieben. Es geht um Menschen, nicht um Akten. Wichtig ist, dass man sich im Team versteht. Bei uns haben die allermeisten Mitarbeiter ein hohes Pflichtbewusstsein. Manchmal opfert man sich allerdings auch auf.

Was sicher auch mit der engen Personaldecke zu tun hat?

Sünderkamp: Ich hoffe sehr auf die neuen Personalbemessungsregeln, die im nächsten Jahr kommen sollen. Die würden für ein Haus mit 100 Betten – wie das St. Gertrudenstift – etwa zehn zusätzliche Vollzeitkräfte bedeuten.

Prämien muss man auch beantragen

Man hat ja aktuell Signale gesehen, etwa die Erhöhung des Mindestlohnes in der Pflege. Das trifft Sie nicht, weil sie immer schon nach Tarif zahlen. Aber es gab auch Tariferhöhungen und die Coronaprämien. Hebt das die Laune?

Sünderkamp: Wir kümmern uns sehr um diese Themen. Wir haben dafür gesorgt, dass die Coronaprämien beantragt wurden. Und dass die Mitarbeiter die Energiepreispauschale erhalten. Das ist, wie man gerade lesen konnte, nicht selbstverständlich. Da gibt es auch eine Dankbarkeit von den Mitarbeitern.

Was können sie tun, um Mitarbeiter auf dem engen Personalmarkt zu werben?

Sünderkamp: Tatsächlich wächst in Deutschland die Zahl der Pflegemitarbeiter und der Ausbildungsstätten. Ich möchte gerne die Mitarbeiter gewinnen, die auf dem Markt hinzukommen.

Sie sind drei Jahre im Haus und haben einiges in der Verantwortung geändert. Worum ging es?

Sünderkamp: Wir haben drei Standorte, jeder mit seiner eigenen Geschichte und eigener Kultur. Wir haben jetzt überall klare Verantwortlichkeiten und Vertretungslösungen. Wir entwickeln gerade ein neues Leitbild, dadurch schaffen wir eine Identifikation. Bei der Leitbild-Diskussion haben alle Führungskräfte und die Mitarbeitervertretungen mitgewirkt.

Experten für die Altenpflege

Das Gertrudenstift will wachsen. Was ist geplant?

Sünderkamp: Wir möchten die Experten für die Altenpflege in der Region sein und unser Angebot erweitern. Wir haben jetzt stationäre Pflege, Kurzzeitpflege, solitäre Kurzzeitpflege, betreutes Wohnen und Tagespflege. Das möchten wir um ambulant betreute Demenz-WGs und eine Tagespflege mit einem Neubau im Park erweitern. Dazu haben wir viel positive Resonanz bekommen. Auch von den Mitarbeitern, die dort gerne arbeiten möchten. Was jetzt spannend bei so einer Millionen-Investition ist, sind die Zinsen.

Sehen Sie ausreichend Bedarf in der Region?

Sünderkamp: Der ist da. Uns erreichen jeden Tag Anrufe von Angehörigen. Wir können viele gar nicht bedienen.

Wie geht es weiter in Nordwalde?

Sünderkamp: Es ist alles bebaut, was bebaut werden kann. Es geht allerdings um Sanierungen. Dort arbeiten wir gerade im Schwerpunkt konzeptionell und müssen ganz sensibel nach innen hören. Wir sind dabei, mit den Mitarbeitern Verbesserungen einzuleiten.

Wie sind die langfristigen Perspektiven in der Pflege?

Sünderkamp: Alle wünschen sich Stabilität. Corona hat mittlerweile seinen Schrecken verloren. Jetzt kommen Kostensteigerungen auf dem Energiemarkt. Wir müssen flexibel bleiben und über Ängste sprechen. Und wird müssen uns überlegen, wie man auf Krisensituationen reagieren kann. Wir erarbeiten gerade, wie wir drei Tage ohne Strom und Wasser auskommen. Es wird funktionieren.

Haben Sie einen Notstromgenerator?

Sünderkamp: Haben wir in Greven, der wird nur kurze Zeit helfen. Aber wir sehen, dass wir uns auf so einen Fall vorbereiten können. Übrigens: Wir haben es bei uns mit einer Generation zu tun, die schon in früheren Zeiten Krisen erlebt hat. Man kann auch mit weniger Wasser und Strom auskommen.

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