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Klaus Hurrelmann und Aladin El-Mafaalani über die Folgen der Pandemie für Jugendliche

Corona zerreißt das Bildungssystem

Greven

Zwei große deutsche Bildungsforscher im Grevener Ballenlager: Klaus Hurrelmann (Berlin) und Aladin El-Mafalaani (Dortmund) diskutierten am Montag über die Folgen von Corona auf die Jugend.

Von Günter Benning

Ernst Reiling im Rollstuhl, Initiator des soziologischen Austauschs im Ballenlager, im Gespräch mit Prof. Klaus Hurrelmann (r.). Im Hintergrund der Soziologe und Bestsellerautor Aladin El-Mafaalani. Foto: Günter Benning

„Das hat Spaß gemacht“, sagt Vivien Daube vom Gymnasium Martinum in Emsdetten. Ein schönes Lob für den Pädagogik-Unterricht, in dem die Schülerinnen Theorie in Kunst verwandelt haben. Über zwei Meter hoch, mit vielen Verbindungen: Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung nach Prof. Hurrelmann.

Klaus Hurrelmann (78), asketisch und in priesterliches Schwarz gekleidet, hatte sehr offenkundig auch seinen Spaß in der Runde aus Emsdetten. Per Zug aus Berlin angereist, sollte er am Montag im Ballenlager über die Folgen von Corona auf die Jugend sprechen. Und da sah er eine These bestätigt: Viele Kids haben in der Krise den Anschluss verpasst. Aber eine ebensogroße Gruppe hat ihren Vorspruch erweitert. Der Riss in der Gesellschaft ist größer geworden.

Modell der produktiven Realitätsverarbeitung nach Hurrelmann, das ein Leistungskurs des Gymnasiums Martinum erstellt hat. Foto: Emsdetten

Eingeladen hatte die Kulturinitiative (KI), die das pädagogisch-soziologische Spitzen-Gespräch quasi von Ernst Reiling übernommen hatte. Nach schwerer Krankheit musste der Ratsherr die Diskussion im Rollstuhl erleben.

Neben Hurrelmann war ein weiteres Schwergewicht der deutschen Pädagogik von Dortmund nach Greven gekommen: Aladin El-Mafalaani, Ordinarius für Pädagogik an der Uni Osnabrück und Bestsellerautor, der erst mal eine Zigarette schmauchte und vor der GBS mit Besuchern parlierte.

Die waren teils von weither gekommen. Wie Jana Mackenbrock vom Thomas Morus-Gymnasium aus Oelde. „Klaus Hurrelmann ist bei uns Abiturthema. Das ist für uns interessant“, sagt die Pädagogiklehrerin. Und ihr Kollege Nils Helmschrott, der Mathe unterrichtet, ergänzt: „In der Pandemiezeit hat man schon gemerkt, dass gerade in einem Fach wie Mathe Chancenungleichheit entstanden ist.“ Manche Eltern konnten helfen, andere nicht. Das müsse man jetzt wieder aufholen. Er findet El-Mafalaanis Buch „Mythos Bildung“ richtungsweisend.

Aladin El-Mafalaani im Ballenlager Foto: Günter Benning

Für El-Mafalaani hat Corona Kindern aus Migrantenfamilien viele Nachteile beschert: „Die meisten Migranten lernen unter ganz erschwerten Bedingungen Sprache“. Auf Distanz habe das nicht gut funktioniert. Kinder, in deren Familien kein Deutsch gesprochen werde, würden in der Regel in der Schule lernen. Seine Kritik: „Fernlernen, wie wir es in Deutschland machen, ist noch nicht professionell.“

Flüchtlingskrise, Corona, Ukraine, für El-Mafalaani erfordern diese Umbrüche auch, dass sich die Bildungspolitik von der Fiktion idealer Planungsvoraussetzungen trennen sollte: „Wir müssen es von Grund auf ändern und das System flexibilisieren.“

In den letzten zwei Jahren hat Klaus Hurrelmann intensiv zu den Auswirkungen der Pandemie geforscht. „Ein Drittel der Schüler sind weggebrochen“, sagt er, „die Krise schwächt die Schwachen – den Effekt hatten wir auch dieses mal.“

Schüler aus einer Emsdettener Schule mit Klaus Hurrelmann. Foto: Günter Benning

„Ein anderes Drittel hat die Krise zur Chance gemacht“, sagt er, „die Jugendlichen haben sich diszipliniert, einen Rhythmus gegeben und sich digital qualifiziert.“

Schwer getroffen sei natürlich auch der Beziehungsbereich, sagt der Pädagoge, der bei der Hertie School in Berlin forscht: „Als Kind muss ich sehen, wo ich bleibe, muss ausprobieren – das ist jetzt ausgefallen.“ Viele Jugendliche hätten verlernt Beziehungen zu knüpfen: „Jemandem sagen, ich liebe dich – das ist alles sehr schwer geworden.“

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