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Bestseller

Das harte Leben der Kötter

Greven

Ein dreifacher Bänderiss führte zu einem historischen Bestseller. Nur, weil er sieben Wochen lang nicht aus dem Haus durfte, fand der Grevener Dr. Helmut Lensing Zeit für ein Buch über das Heuerlingswesen.

Man nannte es „warmer Abbruch“. Ein Heuerlingshaus brennt. Foto: Archiv Deilmann

Rund 400 Jahre prägte das Heuerlingswesen den ländlichen Alltag im deutschen Nordwesten. Doch heute erinnern lediglich einige alte Kotten und Familiennamen wie Heuermann und Kötter oder Variationen des Namens von Biekötter über Buddenkötter und Horstkötter bis hin zu Nienkötter noch an eine untergegangene soziale Schicht.

Und trotzdem: „Es ist unglaublich! Selbst acht Jahre nach dem ersten Erscheinen und nach neun Auflagen erhalten wir immer wieder Anfragen per Mail, ob man bei uns vielleicht doch noch ein Exemplar des Heuerlingsbuches erhalten kann“.

Heuermann vor der Egge in Tecklenburg Foto: Archiv Deilmann

Der Grevener Historiker Dr. Helmut Lensing kann es kaum fassen, wie ein Buch, das nur entstand, weil er sich wegen eines dreifachen Bänderrisses sieben Wochen zu Hause schonen musste, für eine derartige Furore sorgt.

Am Anfang ein Missgeschick

Denn nur infolge eines kleinen Missgeschicks hatte er die Zeit, der Bitte des Hoferben und pensionierten Schulrektors Bernd Robben nachzukommen, doch gemeinsam ein Buch über das Heuerlingswesen zu verfassen.

Heuermannshaus in Georgsdorf Foto: Archiv Deilmann

Kennengelernt hatten sich die beiden, da Robben einen Beitrag für die regionalgeschichtliche Reihe „Emsländische Geschichte“ verfasst hatte, in dessen Redaktionsteam Lensing seit Jahren aktiv ist.

Dabei wies im Vorfeld nichts auf diesen Erfolg hin. Zwar leben noch viele Menschen, die das ausgehende Heuerlingswesen in den 1950er und 1960er Jahren persönlich miterlebt hatten, doch spielten die Heuerleute selbst in den Veranstaltungsprogrammen von Heimat- oder Geschichtsvereinen keine Rolle, obwohl sie mit ihren Nachfahren in vielen Dörfern lange die Mehrheit der Einwohner stellten.

Viele heutige Bewohner Nordwestdeutschlands zählen daher Heuerleute, Kötter oder Häusler, wie einige der Namen dieser landlosen oder landarmen und von den Bauern abhängigen Kleinstlandwirte lauten, zu ihren Vorfahren.

Westfälischer Bauernbund

Auch im Westmünsterland waren die Kötter weit verbreitet. In der Weimarer Republik erstmals politisch gleichberechtigt, schufen sie sich im späteren „Westfälischen Bauernbund“ eine schlagkräftige linkskatholische Interessenvertretung.

Man mied über Jahrzehnte auf dem Land das Thema Heuerlingswesen, weil es schnell innerörtlichen Streit auslösen konnte, denn die Beurteilung des Heuerlingswesens fiel bei den Bauern und den Nachfahren der Heuerleute höchst unterschiedlich aus. „Der Heuermann war ein Sklave bei den Bauern … Keine Rücksicht wurde genommen an Samstagen, da mußte der bäuerliche Hof draußen gesäubert werden, ohne Rücksicht, dass die Heuerleute-Frauen ihre Kinder auf den Sonntag vorbereiten konnten, ob ein Familientag war, wie Erstkommunionfeier, sie waren eben Heuermann, oder wenn dessen Frauen Kinder stillen mußten in der Erntezeit, die mußten nachgebracht werden und dann hinter Gattern. Hatte aber das Pferd des Bauern ein Füllen, dies mußte zu Frühstück oder Vesper nach dem Stall, die Heuerlingsfrau mußte sehen, wie sie fertig wurde … Heuerlingskinder wurden in allen Bereichen zurückgestellt“.

Frauen im Bourtanger Moor, 20er-Jahre. Foto:

Große Resonanz

Diese ungelenk-verbitterten Zeilen schrieb im Dezember 1971 ein Heuermann in einem Leserbrief als Reaktion auf einem Artikel über das gerade in den letzten Zügen liegende Heuerlingswesen.

Als Lensing und Robben 2014 ihr Buch über das Landleben aus Sicht der Heuerleute veröffentlichten, wurden sie von der großen Resonanz völlig überrascht. Innerhalb weniger Wochen war ihr Werk über die ländliche Unterschicht ausverkauft, das mit vielen Illustrationen, Zeitzeugnissen, Zeitzeugeninterviews und Grafiken einen plastischen Einblick in das harte und entbehrungsreiche Leben der armen Landbevölkerung am Rande der bäuerlichen Gesellschaft gibt.

„Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen!“

Mit diesem seinerzeit üblichen Ausspruch zeigten sich klar die Machtverhältnisse auf dem Lande. Kötter stellten als unterbäuerliche Schicht in vielen Dörfern nicht nur des Münsterlands die Mehrheit der ländlichen Bevölkerung. Die Erinnerung an das harte Alltagsleben der Heuerleute, Knechte, Mägde und Siedler, das von dem Machtgefälle zwischen Bauer und Kötter bestimmt wurde, war wider Erwarten durchaus noch lebendig, das Interesse, etwas über die Lebensumstände der eigenen Vorfahren zu erfahren, erstaunlich hoch.

Strapazen des Landlebens

Das Buch schildert plastisch, welche Strapazen die Heuerleute auf sich nahmen, um ihre karges Leben am Rande der dörflichen Gesellschaft zu verbessern. Sie siedelten in lebensfeindliche Moore und unfruchtbaren Heiden, gingen als Grasmäher, Torfstecher oder Walfänger auf Hollandgang, versuchten als Tödden zu Geld zu kommen, oder arbeiteten nebenbei als Handwerker, Imker, Holzschuhmacher, Schmuggler, Krammetvogelfänger oder sie wurden Industrieheuerling, im Münsterland vor allem in der Textilindustrie.

Außerdem wanderten sie im 19. Jahrhundert in Massen aus. Nach der politischen Blütezeit in der Weimarer Republik folgte ihre neuerliche Degradierung in der NS-Zeit. Die Modernisierung in der Landwirtschaft und die rasante technische Entwicklung beendete dann das Heuerlingssystem in der Nachkriegszeit binnen einer guten Dekade.

Das große Interesse an dem entbehrungsreichen Leben der unterbäuerlichen Schichten sorgte dafür, dass Auflage auf Auflage folgte, wobei neue Erkenntnisse und neue Illustrationen in die neuen Auflagen einflossen.

Heuerling Ernst Manecke, der letzte-Ladberger Hollandgänger. Foto: Archiv Deilmann

Über 100 Vorträge

Pensionär Bernd Robben hielt im gesamten Nordwesten über 100 Vorträge zum Thema. Die weiterhin bestehende unterschiedliche Beurteilung der damaligen Zustände offenbarte sich immer wieder in den lebhaften und teils kontroversen Diskussionen im Anschluss an die Vorträge.

Die nun angestoßene Diskussion über die Beurteilung des Heuerlingswesens löste zahlreiche Aktivitäten aus. Dörfliche Heimatvereine erforschten das Heuerlingswesen in ihrem Ort, veröffentlichten neue Erkenntnisse oder Zeitzeugenberichte und kümmerten sich um die letzten Relikte dieser Epoche, die wenigen verbliebenen Heuerlingskotten.

Die große Masse der abertausenden Kotten war nämlich nach dem Erlöschen des Heuerlingswesens – gefördert durch staatliche Prämien – abgerissen worden oder wurde als „dörfliche Schandflecken“ bei Feuerwehrübungen vielfach „warm entsorgt“.

Nachdem die 9. Auflage des Heuerlinngsbuches im November 2020 nach einem Jahr bereits wieder vergriffen war, ist nun die leicht veränderte 10. Auflage eines der erfolgreichsten regionalgeschichtlichen Werke des Münsterlands in den letzten Jahrzehnten erhältlich.

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