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Petition zu mehrsprachigem Vorlese-Projekt

Dem Türöffner droht das jähe Aus

Greven

Kindern in ihrer Muttersprache vorlesen – damit hat man an Grevener Grundschulen gute Erfahrungen gemacht. Doch das Projekt steht vor dem Aus, die Schulen schlagen Alarm.

Am Rande einer Vorlesestunde an der Josefgrundschule machten sich die Beteiligten für die Fortsetzung des Projektes stark, das am Jahresende auslaufen soll. Foto: Oliver Hengst

Kindern in ihrer Muttersprache vorlesen und so ihre Sprach- und Lesekompetenz und auch ihr Selbstvertrauen fördern – damit hat man an der Josef-, der Martini und der Martin-Luther-Schule sehr gute Erfahrungen gemacht. So gute, dass die Kästner- und die Marien-Schule auch gern einsteigen würden. Mit Arabisch und Russisch ging es los, über eine Ausdehnung auf Türkisch, Polnisch und andere Sprachen wird nachgedacht.

Doch das Projekt „Mulingula“ ist vom Aus bedroht, am Jahresende läuft die Förderung aus. Mit einer Petition wollen die Schulen nun den Schulträger, also die Stadt Greven, dazu bewegen, das erforderliche Geld bereitzustellen, um das Projekt nicht nur am Laufen zu halten, sondern es noch auszubauen. Pro Jahr wären dafür voraussichtlich rund 20.000 Euro nötig.

Ein Vorlesetermin pro Woche ist an den drei bisher beteiligten Schulen für die Kinder reserviert, parallel zum normalen Unterricht und damit nahtlos in den Schulalltag integriert. Marina Rukosujew kümmert sich um Russisch, Helmi Ghalib um Arabisch, beide auf Honorarbasis. Ghalib erinnert sich daran, wie er das erste Mal in eine Klasse kam, etwas Arabisches vortrug und fragte, wer ihn verstanden habe. Ein Junge, der sich sonst wenig am Unterricht beteiligte und kein Vertrauen in sich selbst hatte, meldete sich – und die ganze Klasse staunte, welche besonderen Fähigkeiten der unscheinbare Junge hatte, der sonst eher unter dem Radar der Klasse unterwegs war. „Eine Sprache, die man schon beherrscht, ist ein Schatz“, sagt Ghalib. Darauf könne man wunderbar aufbauen, um Interesse am Lesen zu wecken und so die Mehrsprachigkeit zu fördern. „Das ist doch ganz wichtig für die Zukunft“, sagt er.

Das Projekt, bislang finanziert aus Landesmitteln des Programms „Nachholen nach Corona“, nutzt die Muttersprache als Türöffner. „Eines der ganz großen Ziele ist es, die Leselust zu wecken“, erläutert Gesine Weidemann, selbst Lehrerin und mitverantwortlich für die Organisation des Projektes. Über das Vehikel des Vorlesens schaffe man es, den muttersprachlichen Wortschatz der Kinder zu erweitern und so auch eine Brücke zum Deutschen zu schlagen. „Nachweislich fangen die Kinder dann auch an, Bücher in Deutsch zu lesen.“ Zum Ende des vergangenen Schuljahres haben an den drei Schulen 111 Kinder am Projekt teilgenommen.

Der Lions-Club Steinfurt fand und findet das Projekt so überzeugend, dass die Mitglieder eine erhebliche Summe bereitstellten, um damit zum Beispiel eine mehrsprachige Bibliothek auszustatten. „Wir waren sofort begeistert und haben natürlich ein Interesse daran, dass es weitergeht“, sagt Frank Simon. Gattin Beate Simon (Lions-Präsidentin) ergänzt: „Das ist ein Projekt, das wir gern dauerhaft unterstützen möchten. Aber dann braucht man auch die Sicherheit, dass es nicht verpufft.“ Doch das drohende Aus stelle nun alles in Frage.

„Es wäre unglaublich schade, wenn es keine Fortsetzung gäbe“, sagt Anne Sprakel, Leiterin der Josefgrundschule. „Die Kinder, die am Projekt teilnehmen, fühlen sich anders wahrgenommen. Etwas in der eigenen Sprache zu erleben, gibt ihnen Sicherheit.“ Christina Hagemeyer, die die Martin-Luther-Schule leitet, weiß, dass es sich im Projekt als sehr wertvoll erwiesen habe, „wenn die Kinder in der Sprache der Gefühle und der ersten Träume angesprochen werden“.

Das Projekt gebe es in Münster schon seit etlichen Jahren, dort wissenschaftlich begleitet und vielfach ausgezeichnet – und finanziert durch die Stadt Münster, erläutert Agnes Langenhoff, Leiterin der Martinischule (und kommissarisch der Mariengrundschule). Auch an der Reckenfelder Erich-Kästner-Schule würde man den Faden gern aufnehmen, wie deren neue Leiterin Kathrin Schürmann betont: „Wir würden uns wünschen, mitmachen zu können und sehen es als große Bereicherung.“

Doch bislang fanden die Schulen bei der Stadt Greven nach eigenen Angaben kein Gehör. Daher starten sie nun eine Petition, mit der sie erreichen wollen, dass sich die Mitglieder des Jugendhilfe- und des Schulausschusses möglichst rasch mit der Sache beschäftigen.

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