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Schwer verwundeter Ukrainer konnte im Meppener Ludmillenstift operiert werden

Die schlimmen Narben des Krieges

Greven

Er war im Asow-Stahlwerk. Und in russischer Gefangenschaft. Pavel Pikovets wurde im Krieg schwer verwundet. Jetzt hofft er, dass ein Chirurg in Meppen seinen Arm retten kann.

Pawel Pikovets aus Mariopol und Rita Zimmermann aus Greven Foto: Günter Benning

Zwischen diesen Bildern liegen Pavel Pikovets dunkelste Tage. Das eine zeigt ihn mit dreckigen Gipsverband in einem Keller-Hospital des Asowschen Stahlwerks in Mariopol. Auf dem anderen steht er neben seiner Cousine Rita Zimmermann in einer geräumigen Loft in Greven. Im Hintergrund ein Kindertrampolin. Pikovets streicht sich über seine Narben. Ein schmerzhaftes Gefühl.

Pikovets (43) war 800-Meter-Läufer. Er lief einst im National-Kader der Ukraine. Zuletzt war er Hauptmann der Donezker Grenzkompanie in Maripol. Dort leitete er die Sportabteilung, machte die Grenzer fit.

Den Krieg hatte er schon 2014 erlebt. Als Separatisten am 2. Juni in Luhansk im Donbass angriffen, war er dort stationiert. Die Grenzschützer wehrten die Angriffe ab, mussten sich aber zurückziehen.

Dieses Mal ahnte er, dass etwas passieren würde. „Die Botschaften zogen ihr Personal zurück“, erinnert er sich, „und dann anerkannte Putin die Donezk- und Luhansk-Republiken an.“ Als Russland am 24. Februar die Ukraine überfiel, setzte das eine familiäre Alarmkette in Gang.

Pavel Pikovets hat Verwandte in Deutschland. Die Historikerin Marita Zimmermann ist mit ihm über ihren Großvater verwandt. Sie kam als Kind aus Kasachstan. Gesehen hatten sich die beiden nie, aber Zimmermann hatte signalisierte: „Wenn Hilfe gebraucht wird, ich komme.“

Austausch an der Grenze

Am dritten Tag des Krieges fuhr sie zur Grenze nach Polen und holte die Tochter der Pikovets ab. Taliana ist 11, ihre Mutter brachte sie zur Grenze, dann musste sie wieder zurück. Auch sie arbeitet für das ukrainische Militär.

Mariopol, die Hafenstadt, war für Russland ein wichtiges Kriegsziel. Pikovets gehörte zu den Verteidigern. Am 15. April versuchte seine Abteilung, sich in das Asow-Stahlwerk zurückzuziehen, das zu einem Symbol des Widerstands wurde. „Von überall Beschuss“, erinnert er sich. Beim Versuch, durchzubrechen, wurde er getroffen. Seine Schutzweste rettete sein Leben. Die Platte darin barst, Granatsplitter trafen Bein und Gesäß. Sein Arm wurde gebrochen.

Diese Weste hat Pawel Pikovets Leben gerettet. Foto: Privat

Ein Trümmerbruch. Pikovetz hat davon ein Röntgenbild aus einer Kiewer Klinik, drei Monate später. Im Unterarmbereich ist der Knochen in mehrere Teile zersplittert. Im Nothospital im Asowschen Stahlwerk hatte man ihm einen Gipsverband angelegt, mehr war nicht möglich.

Pikovetz glaubt, dass ihm der Sport geholfen hat. Man lernt, mit Schmerz umzugehen. Die Wunde entzündete sich nicht. Er überlebte Wochen in den Kellern, die täglich im TV zu sehen waren.

„Sicher?“, sagt er, „sicher war man da nicht.“ Nicht, wenn man gesehen hat, wie eine einzige Bombe ein Loch von 15 Metern Tiefe und 30 Meter Durchmesser in den Boden reißt. Was ihn beeindruckt hat: „Die Menschen waren alle positiv. Keiner hat den Mut verloren. Aber alle wussten, dass sie hier sterben konnten.“ Im Gespräch streicht er immer wieder, als wäre er ermüdet, mit der Hand über sein Gesicht. Die Erinnerungen lasten auf ihm.

Pavel Pikovetz

Schließlich ergab er sich in russische Kriegsgefangenschaft. „Wir wurden nicht besiegt“, sagt er, „wir hatten den Befehl, herauszukommen.“ Er kam in ein Kriegsgefangenenlager. Und ist froh, dass er seinen Ehering gut versteckt hatte: „Die Wärtern haben den Gefangenen alle Wertgegenstände genommen, Ringe von den Fingern geschnitten.“

Beim ersten Gefangenenaustausch kam er frei. Pikovetz: „Die Russen wollten wohl keine Toten.“ Er wurde in ein Krankenhaus in Kiew verlegt, wo man seinen Bruch röntge, den Unterarm mit zwei Metallschienen stabilisierte. Bei der zweiten OP wurden die Knochensplitter entfernt. Zwischendurch bestand die Gefahr, dass man den Arm amputieren musste.

Die dritte Operation hat der Ukrainer jetzt in Meppen bei Dr. Kai Günsche am Ludmillenstift machen dürfen. Ein Experte für Hand- und Wiederherstellungschirurgie. Rita Zimmermann ist dankbar, dass das Krankenhaus die Möglichkeit bot. Bei einer vierten Operation soll versucht werden, den fehlenden Knochen im Unterarm zu ersetzen. Ob es hilft?

Der Cousin aus der Ukraine und die Cousine aus Greven haben den Humor noch nicht verloren: „Die Obduktion wird es zeigen“, grinsen sie.

Obduktion heißt auf russich auch einfach „Öffnen“.

Medizinische Kontrolle in einem Keller des Asowschen Stahlwerks. Foto: Privat
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