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Gemüse-Gärtnerei Schräder an der Schmedehausener Straße

Ein spannendes Spiel mit der Natur

Greven

An der Schmedehausener Straße stehen seit einigen Monaten riesige Gewächshäuser. Inhaber Hubert Schräder erzählt, was dort angebaut wird.

Peter Beckmann

Hubert Schräder in seinem Gewächshaus Foto: Peter Beckmann

Nein, ein Zocker ist Hubert Schräder wahrlich nicht. Er, der leidenschaftliche Gemüsebauer, weiß genau, was er tut. Aber: Für ihn ist es auch eine Art Spiel. Der Klassiker halt, Gut gegen Böse. Und er hofft, dass er dabei immer auf der Gewinnerseite steht. Stand er auch immer, fast immer. Aber wenn dann so richtige Katastrophen über einen hereinbrechen, dann kann auch der beste Gemüsebauer nicht mehr gewinnen. Aber dazu später.

Hubert Schräder ist Neu-Grevener. Na ok, noch nicht so ganz. Beruflich ist er es auf jeden Fall. Sein Wohnsitz und der seiner Familie ist aber zur Zeit noch Münster. Doch er kann jeden Tag sehen, wo er künftig wohnen wird. Und das ist genau neben seiner Arbeit, neben dem riesigen neuen Gewächshaus an der Schmedehausener Straße, das von weit hin sichtbar ist und deshalb für viel Aufsehen sorgt.

Ein Gewächshaus so groß wie zwei Fußballfelder, ein Gebilde, über das die Holländer aber vermutlich lachen würden. Die können‘s viel größer. Aber was interessieren uns hier die Holländer? Schräder eine ganze Menge. Denn die Holländer – das sind die großen Konkurrenten in seinem Geschäft.

Schräder baut Gurken und Tomaten an in seinem nigelnagelneuem Gewächshaus. Was das gekostet hat, will er nicht verraten. Nur so viel: „Eine ganze Menge Geld“, sagt er mit verschmitztem Lachen.

Nach Greven gekommen ist er wegen der Wärme. Erstaunlich: Da würde man doch eher an Süd-Frankreich oder Spanien denken. Doch trotzdem: Es stimmt, die Wärme ist der Grund. Die Wärme, die in den beiden Grevener Biogas-Anlagen entsteht bei der Verbrennung eben jenen Biogases, das zu Strom gewandelt wird. Mit dieser Wärme wird sein Gewächshaus geheizt, denn Tomaten und Gurken haben es gerne warm. So um die 20 Grad muss es sein. „Da ist es natürlich gut, wenn man 90 Prozent der Wärme mit regenerativer Energie erzeugen kann“, sagt Schräder.

Natürlich hat er eine Versicherung im Hintergrund, eine Gasheizung für alle Fälle. Denn Kälte mag sein Gemüse überhaupt nicht gerne. Womit wir bei dem Spiel wären. Es ist das Spiel der negativen und der positiven Einflüsse auf sein Gemüse.

Da ist zum Beispiel die weiße Fliege, die wohl jeder Hobbygärtner kennt und die eigentlich keine Fliege, sondern eine Mottenschildlaus ist. Diese kleinen Biester saugen den Pflanzen den Saft ab. Aber viel schlimmer ist deren Absonderung von Honigtau, der besonders bei hohen Temperaturen und Luftfeuchtigkeiten zu schimmeln beginnt. Und das könnte natürlich in so einem großen Gewächshaus verheerende Folgen haben. Deswegen setzt Schräder Wanzen und Raubmilben ein. Und dann beginnt das Spiel Gut gegen Böse. Ein Spiel, das der Gemüsegärtner sehr erfolgreich spielt.

Eigentlich ist das auch das Prinzip des biologischen Anbaus. Doch ganz ohne Pflanzenschutzmittel geht es nicht immer. „Die setzen wir nur ein, wenn es nicht anders geht“, verdeutlicht Schräder. Denn unter den Mittel würden auch die „Guten“ leiden. Deren Einsatz kostet schon mal 25 000 Euro und mehr in dem riesigen Gewächshaus. „Da ist es natürlich mein ureigenstes Interesse auf den Einsatz von Spritzmittel zu verzichten.“ Und wenn sie eingesetzt werden, gehen Schräders Mitarbeiter mit der Rückenspritze los und behandeln gezielt nur einzelne Pflanzen.

Guten Mutterboden, den der Hobbygärtner kennt, sucht man in dem Gewächshaus übrigens vergebens. Alle Pflanzen stehen in einem Substrat aus kleinen Steinchen, die Wasser speichern können. Mit Hilfe von kleinen Tropfschläuchen wird den Pflanzen Wasser zugeführt, das mit den passenden Nährstoffen versetzt ist. „Die Gurken und Tomatenpflanzen könnte man sogar auf einem Teppich ziehen, wenn die Pflanzenwurzeln entsprechend mit Nährstoffen versorgt werden. Die Wurzeln brauchen nur etwas, wo sie Halt finden.“

Ob nun Mutterboden oder Substrat: Auf den Geschmack der Früchte hat das keinerlei Einfluss. Da spielen andere Faktoren eine große Rolle. Natürlich kommt es auf die Sorte an. Aber der nächste wichtige Faktor ist das Licht – das Sonnen-Licht. „Je mehr Licht die Tomaten bekommen, um so intensiver schmecken sie“, verdeutlicht Schräder.

Und da haben die Holländer einen großen Vorteil. Erstaunlich: „Die haben dort 20 Prozent mehr Licht.“ Und deshalb setzt Schräder im Wettbewerb mit der Konkurrenz vor allem aus Holland und Spanien vor allem auf Qualität statt Quantität. Denn nicht nur die Sonne sorgt für mehr Ertrag. Es kommt auch auf die Tomaten-Sorten an. Denn die Rechnung ist ganz einfach: Je süßer eine Tomate, um so weniger Ertrag gibt es pro Quadratmeter Anbaufläche. Aber die kostet bekanntlich Geld.

Natürlich gibt es auch Gurkensorten, die zum Beispiel gegen die Mehltaupilze resistent sind. „Bei unseren Gurken ist das so. Aber Sorten, die gegen Mehltaupilze resistent oder tolerant sind, können dann wieder empfindlicher bei anderen Krankheitserregern sein. Da ist die richtige Wahl der Sorte nicht so ganz einfach.“

Bislang ging das Spiel immer gut, hat es in Schräders Betrieb noch nie den Mega-Crash gegeben – bis auf das eine Mal. Aber das war ein Spiel, auf das er keinen Einfluss hatte. Es war die Zeit der Enterohämorrhagische Escherichia coli, besser bekannt als EHEC. 2011 war dieser Keim „in aller Munde“. Frisches Gemüse geriet unter Verdacht, Träger des Keims zu sein. Und das hatte natürlich auch Konsequenzen für Schräders Betrieb. Er konnte so gut wie nichts mehr verkaufen. Aber es war auch die Geburtsstunde eines Trends.

„Wir haben uns darüber gewundert, dass unser Gemüse nicht gekauft wurde, den Händlern auf den Wochenmärkten aber getraut wurde“, erinnert sich Schräder. Deswegen kam seine Frau auf die Idee, das Gemüse direkt im Betrieb in einem kleinen Ladenlokal an die Kunden zu verkaufen. Und siehe da: Das wurde angenommen. „Die Kunden vertrauen dem Erzeuger, dem sie von Angesicht zu Angesicht gegenüber stehen“, weiß Schräder.

Schräders Gesicht ist in den Edeka-Märkten der Region inzwischen auf Gurken, auf den kleinen Stiegen aus Karton, in dem Gurken und Tomaten verkauft werden, zu sehen. Denn Regionalität, Personifizierung des Erzeugers ist der aktuelle Trend. „Es schafft halt Vertrauen, wenn die Leute wissen, woher ihre Lebensmittel kommen und wer sie produziert.“

Schräder führt seinen Betrieb übrigens in achter Generation. Nach Greven gekommen ist er auch, weil er in Münster keinen Platz mehr hatte zu wachsen.

Natürlich hat sich in der Zeit ganz viel geändert, ist die Produktion des Gemüses immer mehr automatisiert worden. Inzwischen hat sich Schräder auf Gurken und Tomaten spezialisiert, früher wurden noch viel mehr Gemüsearten produziert. „Aber wenn man am Markt bestehen will, muss man sich einfach auf ein, zwei Gemüsesorten spezialisieren“, erzählt der Gemüsebauer. Vieles, was früher von Hand gemacht werden musste, regelt heute ein Computer-Programm. Doch auch heute noch ist das Wissen, die Kompetenz des Chefs und seiner Mitarbeiter nicht durch einen Computer zu ersetzen. „Meine Mitarbeiter sind alle schon sehr lange bei mir und sehr erfahren. Die wissen genau was sie tun“,, erzählt Schräder. Und: Geerntet wird natürlich auch noch von Hand.

Zurück zum großen Spiel: Auf der Seite der „Guten“ gibt es noch eine Spezies, die dem Gemüsebauer hilft, dass die Ernte gut wird – es sind die Hummeln. Sie sorgen dafür, dass die Blüten der Tomatenpflanzen bestäubt werden. Nicht bestäubte Blüten liefern nur ganz kleine Früchte. Da die Hummeln nicht einfach so da sind, muss Schräder sie kaufen, so alle zwei bis drei Wochen ein Volk.

Schräder weiß noch viel zu erzählen. Von zu viel Sonne oder zu wenig, von zu viel Regen oder zu wenig – alles hat seine positive oder negative Auswirkung auf das Gemüse. Oder er spricht von Temperaturen. Gurken mögen es nachts wärmer als Tomaten, deswegen sind die Bereiche voneinander getrennt. Er erzählt, fachsimpelt, erklärt. Hubert Schräder liebt seinen Beruf. Und er liebt das Spiel zwischen Gut und Böse.

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