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Ukrainien Jazz Force und leckere Spezialitäten

Eine Trompete mit 50 Knöpfen

Greven

Die Band kam aus Berlin. Aber sie bestand zu drei Vierteln aus Ukrainern. Die Jazz Force hatte es in sich. Auch technisch.

Ukrainien Jazz Force in der Grevener Kulturscheune Foto: Günter Benning

„Harter Jazz“, sagte KI-Vorsitzender Uli Reske in der Kulturschmiede. Damit müsse man heute rechnen. Das Ukrainien Jazz Force-Quartett hatte sich am Freitagnachmittag dort eingespielt. Und es ist ja für einen Impresario immer die Frage, ob das Publikum wohl mitspielt bei so harten Sachen.

Marina Sherstnova war in der Ukraine eine renommierte Jazz-Pianistin, sie hat vor internationalem großen Publikum gespielt. Als der Krieg ausbracht, ist sie nach Berlin gegangen. Eine zierliche Person, die hinter ihrem Synthi und am Steinway beglückt lächelt, wenn das Zusammenspiel wieder besonders gut klappt.

Aus Berlin hat die Bandleaderin Igor Osypov (Bass) und Dima Bondarev (Trompete, Horn) mitgebracht, zwei Ukrainer, die dort schon seit zehn Jahren leben. An den Drums sorgte Jesus Vega für das, was US-Amerikaner besonders gut können: Drive und Force.

Nun zu der Frage, ob „hart“ das richtige Wort für den Jazz dieses Quartetts ist. Eigentlich nicht. Bandleaderin Sherstnova bezeichnet ihre Musik auch als eher traditionell. Horn und Trompete sorgen oft für eine schmusige Atmosphäre im Stil des West Coast Jazzes eines Chet Bakers oder Paul Desmonds.

Und Sherstnova bedient klassisch und virtuos die Tasten, wenn sie gerade nicht elektronisch auf ihrem AKAI Controller ihre Gesangsstimme verzerrt.

Jesus Vega an den Trommeln sorgt für einen drallen Vorwärtsgang. Das traditionelle Streicheln mit dem Besen kennt er nicht. Manchmal rockt es sogar kräftig aus der rechten Ecke. Wie so oft: Man sieht den Trommler nicht, aber er macht seiner Combo Beine. Und damit hört auch die Verbindung zum smarten West Coast Sound auf.

Herausragend: Trompeter Dima Bondarev. Allerdings verbreitet er oft eine gewisse Unruhe, weil er sein Instrument ständig mit nur einer Hand spielt. Die andere sucht nach Knöpfen und Schaltern auf dem Technikpult neben ihm. Gefühlt 50 Regler sind da, mit Loops und Tonverzerrungen läßt er die Trompete Klangteppiche erzeugen. Manchmal auch ein tonales Chaos.

Jemand hat geschrieben, die Musik der Ukrainien Jazz Force sei wie ein Gedicht. Tatsächlich erzählen die Stücke Geschichten. Ihre Titel sind programmatisch. Mit „Count on yourself“ (Zähl auf dich selbst) steigt Marina Sherstnova ein, mit „Get over it“ (Komm drüber weg) endet das Konzert. Zwischendurch geht es um Sonnenaufgang, Wellen, Regen und die Erde. Schöne Melodien gehen über in infernalische Kakophonien, um dann erschöpft auszuklingen. Wer da auch Bilder von Krieg und Unheil spürt, die das Leben der Komponistin aus dem Gleichgewicht gebracht haben, liegt richtig.

Das Publikum bedankte sich mit großem Applaus. Und bei der Zugabe merkte man: Die Musiker hatten sich völlig ausgepumpt.

Ukrainische Leckereien in der Kulturscheune Foto: Günter Benning

Im Rahmenprogramm verkauften übrigens Mitglieder der Grevener Ukrainehilfe Leckereien und Kleinkunst aus ihrer Heimat. Die Hilfe für das Kriegsland stand hier im Vordergrund.

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