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Psychotherapeut Henning Heck ist gegen eine elektronische Patientenakte

Keine sensiblen Daten in der Cloud

Gimbte

Henning Heck hat was gegen den lockeren Umgang mit Patientendaten. Der Psychotherapeut aus Gimbte setzt sich mit anderen gegen die Einführung einer digitalen Patientenakte ab der Geburt ein.

Von und

Henning Heck ist Psychotherapeut mit Sitz in Gimbte Foto: Privat

Alle Gesundheitsdaten auf einen Blick, am besten ab der Geburt. Das ist es, was der Sachverständigenrat Gesundheit zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen in seinem neuesten Gutachten für alle gesetzlich Versicherten fordert: Die automatische elektronische Patientenakte (ePA). Henning Heck (41), ist Psychotherapeut aus Münster, der seit eineinhalb Jahren in Gimbte praktiziert. Mit dem Mitglied der Westfälischen Initiative zum Schutz von Patientendaten (WISPA), einem Zusammenschluss von Psychotherapeuten, die sich kritisch mit dem Schutz von Patientendaten befassen, sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Zu der elektronischen Patientenakte gibt es verschiedene Meinungen. Manche kritisieren auch, dass es viel zu lange dauert, so eine Akte einzuführen. Das sehen Sie allerdings anders?

Heck: Es gibt nur einen möglichen Vorteil solch einer Datenerhebung, den ich nicht ausschließen kann. Das ist das Nutzen künstlicher Intelligenz für die Gesundheitsversorgung. Wenn man Big Data hat, könnten Algorithmen zum Beispiel eine Hautkrebserkrankung früher erkenn als ein Arzt. Da kann ich mir vorstellen, dass es Sinn macht, Gesundheitsdaten zentral zu speichern. Zugleich birgt auch dies Gefahren und unbeantwortete Fragen, z.B. in der Haftung. In allen anderen Fragen sehe ich für keinen Vorteil für Behandler und Patienten.

Muss man das nicht differenzieren? Daten, die mein Zahnarzt über meine Plomben erfasst, halte ich für weniger kritisch als Daten über eine psychische Erkrankung. Oder?

Heck: Psychische Krankheiten sind nach wie vor mit einem gewissen Stigma versehen. Und auch da gibt es Unterschiede. Wenn man heute eine Depression hat, wird es noch eher akzeptiert als eine Schizophrenie. Ja, das sind besonders sensible Daten. Aber ich will das nicht auf Psychotherapiedaten beschränken. Was ist mit Erbkrankheiten? Mit Geschlechtskrankheiten? Mit HIV?

Nach den Gutachtervorstellungen sollte eine elektronische Gesundheitsakte ab der Geburt automatisch angelegt werden?

Zentrale Speicherung

Heck: Ja, Patienten müssten der zentralen Speicherung ihrer Krankheitsdaten im Internet nicht ausdrücklich zustimmen, sondern ausdrücklich widersprechen. Diese Daten sollen für ambulante Praxen, Kliniken, Apotheken und für die Forschung zur Verfügung stehen. Ärzte, Zahnärzte und Psychotherapeuten von zehn Datenschutzbündnissen und -initiativen – auch die WISPA – sehen den Datenschutz und damit ihre Schweigepflicht bedroht.

Sie sagen, solche Daten sollten gar nicht zusammengeführt werden?

Heck: Genau. Wir fordern dezentrale Digitalisierung. Eine Professionalisierung der Vernetzung im Gesundheitswesen ist tatsächlich dringend erforderlich. Das ist katastrophal rückständig. Ich kann nicht Patientendaten per E-Mail verschicken, ohne eine Verschlüsselung einzubauen. Aber genau das geschieht regelmäßig.

Aber auch wenn sie abgesichert sind, werden künftig Daten digital unterwegs sein?

Heck: Ja, aber der Unterschied ist, wo die Daten bleiben? Werden sie in einer Cloud auf privaten Servern gelagert? Da gehören Krankendaten nicht rein.

Hausarzt muss Daten sammeln

Sie sagen aber schon, auf dem Server des Hausarztes dürfen Patientendaten gespeichert werden. Und auch im Verkehr unter Ärzten muss man kein Papier mehr verschicken?

Heck: Natürlich nicht, man kann digitale Mittel nutzen. Aber mit Zustimmung des Patienten.

Ein Argument für die digitalen Krankendaten ist auch, dass zum Beispiel ein Arzt sieht, welche Medikamente von anderen Doktoren sein Patient schon bekommt. Ist das falsch?

Heck: Erstens, der Medikamentenzettel in der Briefbörse ist nicht so schlecht, wie er gemacht wird. Und zweitens ließen sich Medikamentenpläne und Notfalldaten dezentral auf jedem Chip der Versichertenkarte speichern. Mit diesem Argument lässt sich kein Mammutprojekt rechtfertigen, in das bereits Milliarden und Milliarden Euro hineingesteckt wurden - bis heute ohne einen erkennbaren Nutzen bei großen Risiken. Zum Beispiel hat es Hackerangriffe in anderen Ländern schon zuhauf gegeben, wie die jüngste Cyberattacke auf das irische Gesundheitssystem im Mai 2021 zeigt. Solche Schlagzeilen verändern auf kurz oder lang die Kommunikation und das Vertrauensverhältnis zwischen Patienten und Arzt. Da wurden dann Menschen im Internet bloß gestellt.

Feingranulare Abstimmung

Die Forderung des Bundesdatenschutzbeauftragten Prof. Kelber ist, dass es eine feingranulare Abstimmung gibt. Das heißt, ich als Patient bestimme, welche Daten welcher Arzt von mir sehen darf. Zum Beispiel, damit der Zahnarzt nicht meine Psychotherapiedaten sieht. Würden Sie dem zustimmen?

Heck: Nein. Die feingranulare Abstimmung ist gut im Sinne der Selbstbestimmung des Patienten. Aber sie bedeutet auch, dass man sich als Behandler nicht auf die Vollständigkeit der Daten in der elektronischen Patientenakte verlassen kann. Das zeigt, wie absurd das Ganze ist. Ärzte schauen dann auf ihre Bildschirme anstatt auf ihre Patienten, weil sie alles lesen müssen, um nicht in Regress genommen zu werden – und müssen dann trotzdem noch einmal alles selbst abklären. Wer bezahlt ihnen das ePA-Studium? Und was macht das mit der Arzt-Patienten-Beziehung?

Der Sachverständigenrat möchte mehr Gesundheitsdaten als bislang der Gesundheitsforschung zugänglich machen: „Daten teilen heißt heilen“, heißt es in dem Gutachten.

Patient muss mitentscheiden

Heck: Ich finde entscheidend, mit wem ich meine Daten teile. Und Patienten müssen mitentscheiden und nachvollziehen können, wer ihre Daten nutzen wird. Die zentrale Datenspeicherung aber macht das unmöglich.

Was ist ihre Lösung?

Heck: Dezentrale Digitalisierung. Wir sind doch heute schon alle digitalisiert. Wir haben Patientendaten auf unseren PCs. Aber es gibt keine Sicherheitsanforderungen an den digitalen Austausch zwischen Arzt und Patient, Arzt und Arzt, Arzt und Apotheke. Das ist überhaupt nicht professionalisiert, sondern ein freies Feld und hochgradig unsicher.

Also muss ein anderes Netzwerk für das Gesundheitswesen her?

Heck: Ja, das ist dringend notwendig..

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