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Corona-Pandemie

Kinderärzte befürchten überfüllte Praxen wegen simpler Erkältungen

Greven/Reckenfeld

Der Herbst ist da und mit der nasskalten Jahreszeit halten wieder vermehrt Schnupfen, Husten, Heiserkeit Einzug. Mitten in der Corona-Pandemie könnte in den kommenden Monaten bei Erkältungssymptomen gleich der Notstand ausgerufen werden. Kinder- und Jugendärzte schlagen jedenfalls schon jetzt Alarm. Sie befürchten einen Patientenansturm, dem die Praxen nicht gewachsen sind.

Frank Klausmeyer

Nur ein harmloser Schnupfen? Diese Frage dürfte in den kommenden Monaten viele Familien umtreiben. Kinder- und Jugendärzte befürchten schon jetzt überfüllte Praxen. Foto: adobe.stock

Dr. Gregor Sonntag, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Greven, hat schon jetzt fast jeden Tag mit der Problematik zu tun. „Aber das ist absolut nicht sinnvoll und auch für uns nicht durchführbar“, sagte er auf Anfrage. „Diese Arbeit können wir nicht leisten.“

Was die Kinder- und Jugendärzte umtreibt, ist der Umgang mit Erkältungskrankheiten. Die Schülerinnen und Schüler sollten jetzt wegen eines leichten Schnupfens zu Hause bleiben. Das Ministerium für Schule und Bildung des Landes NRW hat dazu ein Schaubild zur Vorgehensweise bei Erkältungssymptomen veröffentlicht, das viele Schulen auf ihre Internetseiten importiert haben.

Arzt soll über Corona-Test entscheiden

Danach sollen Kinder mit Schnupfen 24 Stunden zu Hause bleiben. Tritt danach Besserung ein und keine anderen Symptome auf, dürfe es wieder in die Schule. Wenn sich die Situation nicht bessert und/oder es zusätzliche Anzeichen für eine Erkrankung gibt, solle ein Arzt kontaktiert werden.

Dr. Arnold Freund, Sprecher des Qualitätszirkels der Kinder- und Jugendärzte im Kreis Steinfurt, hält diese Regelung für realitätsfremd. „Nach 24 Stunden ist kein Schnupfen weg. Wenn Kinder nicht ernsthaft krank werden, will sie keiner in der Praxis sehen.“ Auch Dr. Gregor Sonntag kann nur den Kopf schütteln. Nach dieser Maßgabe würden alle betroffenen Eltern gezwungen, zum Arzt zu gehen. „Wie sollen wir das bewältigen?“

Laut Schulministerium soll der Arzt entscheiden, ob ein Corona-Test gemacht wird. „Das macht bei einem Schnupfen gar keinen Sinn“, kritisiert Freund. Nach seiner Einschätzung werden „die allermeisten“ Kinder und Jugendlichen mit Erkältungssymptomen kein Corona haben. Wenn jedoch nicht negativ getestet werde, müssten die Betroffenen 14 Tage in Quarantäne bleiben. „Irgendwann ist die Schule ganz leer. Dann kann man gleich wieder Homeschooling machen“, meint der Rheiner Kinderarzt.

Und überhaupt: „Das Risiko für kleine Kinder bei Corona einen schweren Verlauf zu haben, ist äußerst gering“, sagt Dr. Gregor Sonntag. Trotz allem wollen Eltern bei den kleinsten Erkältungs-Anzeichen einen Corona-Test machen lassen.

Hoffnung auf schnelle Verfügbarkeit eines Impfstoffes hält sich in Grenzen

Das vom Schulministerium veröffentliche Schaubild wird zum Beispiel auch auf der Homepage des Grevener Gymnasiums gepostet. Nach der Vorgabe würden Eltern genötigt, ihr Kind entweder von sich aus testen zu lassen oder es nicht mehr zur Schule zu schicken. Ein anderer Weg sei nicht vorgegeben.

Freund wünscht sich eine „pragmatische und realitätsnahe Lösung, die auch umsetzbar ist.“ Bestenfalls orientiere sich diese an der Stellungnahme der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. Danach werde der Gang zum Arzt empfohlen, wenn mehr als zwei Tage ein reduzierter Allgemeinzustand des Kindes, mehr als 38,5 Grad Fieber, Bauchschmerzen und schwerer Husten zu beobachten seien.

„Im Moment dominiert die Angst“, sagt Freund. Dies gelte es in den kommenden Monaten zu mindern, wenngleich er da angesichts des „vielschichtigen Themas“ skeptisch klingt. So gibt der Sprecher des Qualitätszirkels der Kinder- und Jugendärzte zu bedenken, dass bei einer Ausweitung der Tests ebenso mit einer Zunahme falsch-positiver Ergebnisse zu rechnen ist.

Und auch die Hoffnung auf die schnelle Verfügbarkeit eines Corona-Impfstoffes hält sich bei ihm in Grenzen. „Die meisten Experten sagen, dass es viele Forschungsansätze gibt und einer schon zum Ziel führen wird. Das kann aber noch drei, vier Jahre dauern“, sagt Dr. Arnold Freund.

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