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Lea Pauly und Thomas Middendorf zur Situation von Kindern und Jugendlichen

„Mehr Verständnis wäre gut“

Greven/Reckenfeld

Lea Pauly und Paul Middendorf sind Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche in Greven und Reckenfeld. Sie sagen, Corona sei für die meisten eine Begleiterscheinung. Bestimmend sei das Virus nicht. Das Leben gehe ja weiter, es gebe nicht nur Corona, sind sie sich einig.

Von Bettina Laerbusch

Lea Pauly und Paul Middendorf sind Ansprechpartner für Kinder und Jugendliche in Greven und Reckenfeld. Foto: Bettina Laerbusch

Das dritte Jahr hat begonnen, das dritte Jahr, in dem Corona das Leben bestimmt – es bestimmt zumindest die Medien, die Meinungsforschungsinstitute, den Alltag vieler. Doch bei Kindern und Jugendlichen, mit denen er zu tun habe, dominiere Corona nicht. Nach wie vor seien Liebeskummer, Ärger in der Schule oder mit den Eltern sowie Angst, wie es nach der Schule weitergeht – unabhängig von Corona –, die Themen, die Jugendliche beschäftigten, sagt Paul Middendorf. Ausbildungsplätze zu finden, das sei nicht so schwierig, Praktikumsstellen hingegen schon.

Middendorf ist Sozialarbeiter und gehört zum Team der „Kinder- und Jugendarbeit Reckenfeld“. In Greven ist unter anderem die Sozialpädagogin Lea Pauly, Mobile Jugendarbeit Hansaviertel der Stadt Greven, Ansprechpartnerin für Kinder und Jugendliche. Auch sie sagt: „Corona ist für die meisten eine Begleiterscheinung, es erschwert Dinge hier und da.“ Aber es sei nicht bestimmend. „Das Leben geht ja weiter, es gibt nicht nur Corona“, bringt es Middendorf auf den Punkt.

Beide haben festgestellt, dass Kinder und Jugendlichen „Bewältigungsstrategien für sich“ entwickelt haben. Middendorf: „Ich bin immer wieder überrascht, wie gut sie das können.“ Man könne nicht pauschal sagen, „den Jugendlichen geht es schlecht“. Sie hätten und würden soziale Kontakte auch digital aufrechterhalten, am Computer miteinander zum Beispiel spielen. „Das ist nicht immer nur negativ“, betont Pauly. Er selbst, erzählt Middendorf schmunzelnd, habe sich im Lockdown auf Instagram eingelassen und so mit den Jugendlichen Kontakt gehalten. Alle seien wiedergekommen, als die Räume wieder geöffnet werden konnten.

Sich draußen in der Clique zu treffen, sei eine weitere Bewältigungsstrategie. Und vielleicht noch wichtiger: Der Sport sei für die Kids bedeutender denn je.

„Bewältigungsstrategie ist ein gutes Wort“, sagt Lea Pauly im Laufe des Gesprächs an diesem Januarmittag im Jugendzentrum Hansaviertel. Wenn Eltern nicht mehr die Vertrauenspersonen seien, suchten sich Kinder eigene Wege – „ob das gut ist, wird sich noch zeigen“.

Immer wieder fragen Pauly, Middendorf und Kollegen die Jugendlichen und Kinder nach deren Bedürfnissen. „Wir haben in Reckenfeld ein eigenes Fitnessstudio“, erzählt Middendorf, „gerade auch für die Kids, die sich ein Fitnessstudio nicht leisten können.“ In der alten Hauptschule sei ein Raum dafür zur Verfügung gestellt worden.

Ab dem 1. März wird es „Mitternachtssport“ geben: An jedem ersten Freitag im Monat können Jugendliche zwischen 20.30 und 22.30 Uhr Sport in der Schule an der Ems machen; an jedem dritten Freitag im Monat steht die Walgenbach-Sporthalle in Reckenfeld dafür zur Verfügung.

Nach wie vor finden Treffen auch in den Räumen statt, in Reckenfeld im Gebäude Moorweg 14 in der Nähe des Gemeindezentrums sowie am Kirchplatz 8, in Greven im Gebäude Bismarckstraße 36 – nach den jeweils geltenden Coronabedingungen und immer mit Masken. Die Jugendlichen hätten mit dem Tragen von Masken keinerlei Probleme, es sei selbstverständlich geworden. „Sie haben sie auch teilweise freiwillig getragen, als das gar nicht vorgeschrieben war“, erinnert Middendorf an die relativ unbeschwerte Sommerzeit im vergangenen Jahr.

Seit der Pandemie gibt es das Mobile Café „Unfug 118“, das immer dienstags von 16 bis 19 Uhr am Hallenbad und immer donnerstags von 15 bis 18 Uhr am Wöstenpark steht. Jan Kattner, Kollege von Lea Pauly und damit wie sie im Auftrag der Stadt im Einsatz, arbeitet bei dieser Art aufsuchender Jugendarbeit eng mit dem Verein „Verbund Sozialtherapeutischer Einrichtungen“ zusammen.

Lea Pauly ist einmal in der Woche, immer donnerstags, an der Skaterbahn vor Ort: von 16.30 bis 18 Uhr. Aber inzwischen nicht nur dort, sondern mittlerweile in der ganzen Stadt – auch dort zusammen mit Simon Heeke von der Caritas. „Es kommt auch schon mal vor, dass niemand kommt“, sagt sie und betont gleichzeitig: „Präsenz zu zeigen ist wichtig. Verlässlichkeit auch.“

Unter anderem trifft sich auch die Mädchengruppe noch immer montags von 16.30 bis 18.30 Uhr; alle unter 16 gelten als getestet durch die Schule. Und alle tragen auch hier Masken. Ebenso kommt eine Clique mit Mitgliedern um die 20 zusammen. Und wer Hilfe etwa beim Schreiben von Bewerbungen benötigt, erinnert Middendorf, werde ebenso auch jetzt in der Pandemie unterstützt.

Was wünsche sie Lea Pauly und Paul Middendorf für ihre, sagen wir mal, Schützlinge? „Ich wünsche mir für sie, dass ihnen für ihre Situation mehr Verständnis entgegengebracht wird“, antwortet Middendorf sofort auf diese Frage. Pauly erinnert daran, dass Jugendliche gerade zwischen 12 und 14 Jahren ganz viele Erfahrungen machen – normalerweise. Sie gehen auf Partys, lernen andere Jugendlichen und deren Denkweisen kennen. Sie treffen sich jetzt verstärkt draußen, sind nicht immer leise. „Ich kann die Nachbarn ja verstehen“, sagt Paul Middendorf, doch alle seien ja mal jung gewesen.

Was ihn richtig „wütend“ mache, sei, dass die Pandemie soziale Ungerechtigkeit noch weiter verstärke. Der Sozialarbeiter erzählt von einer Familie mit sieben Kindern, die sich drei Computer teilen müssten. Manche Kinder in solchen und ähnlichen Lagen würden Unterstützung schnell bekommen, andere nicht.

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