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Interview mit Psychotherapeutin Kornelia Gees

„Mienenspiel ist eine Versicherung“

Greven

Masken erschweren die Kommunikation. Sie belasten gerade Menschen mit psychischen Problemen, erklärt Psychotherapeutin Kornelia Gees.

Günter Benning

Kornelia Gees ist Psychotherapeutin in Greven: Wenn sie spricht, sprechen ihre Hände mit. Foto: Günter Benning

Kornelia Gees (56) sitzt im einstigen Wohnzimmer der Schründervilla an der Martinistraße. Von hier aus hat die psychologische Psychotherapeutin einen guten Blick auf das Rathaus, in dem der Corona-Krisenstab jeden Tag tagt. Der Raum ist groß genug, um beim Interview mit unserem Redaktionsmitglied Günter Benning den Sicherheitsabstand einzuhalten. Gees ist hier seit 20 Jahren niedergelassen und gleichzeitig als Dozentin und Supervisorin tätig.

Die Lage ist befremdlich. Überall in der Stadt sind vermummte Leute unterwegs. Wie nimmt das eine Psychologin wahr?

Gees: Spontan würde ich sagen, die Maske gehört nach Ostasien. In Tokio in der U-Bahn ist sie häufig und normal. Aber sie gehört überhaupt nicht in unseren Kulturraum. Wir sind es gewohnt, abzuwägen, wie schaut mich jemand an, wie ist das Minenspiel. So kriegen wir raus, was die Motive sind, ob mein Gegenüber mir wohl gesonnen ist. Wenn Kinder nicht wissen, wie das Verhalten eines anderen Menschen zu deuten ist, dann schauen sie ins Gesicht der Eltern. Schauen wie die reagieren. Das Mienenspiel zu beobachten ist für uns eine Versicherung.

Früher ermunterte man Kinder zu Kontakt: Gibt dein Händchen! Guck nicht so! Heute gibt man die Hand nicht und vermummt sich. Was macht das?

Gees: Die Maskenpflicht ist noch frisch. Sie wird von vielen Menschen als sehr fremd wahrgenommen. Wir haben jetzt Anfragen unserer Patienten, die sagen: Ich muss die Maske tragen, aber ich habe Mühe damit. Die Masken-Pflicht macht es schwer für Menschen, die wenig Vertrauen in zwischenmenschliche Beziehungen haben. Sie müssen ja darauf vertrauen, dass jemand, der solch zentrale Entscheidungen über ihr Leben fällt, es gut mit ihnen meint. Manche können sie auch deshalb nicht tragen.

Wird das allgemeine Unwohlsein durch psychische Vorbelastungen verstärkt?

Gees: Ja, ich kann gerade nicht kontrollieren, wie mein Gegenüber mich anschaut. Ich kann nicht zurückspiegeln, was mich gerade bewegt. Menschen mit psychischen Belastungen erleben diese Einschränkung viel stärker. Viele haben Probleme mit Vertrauen. Sich einer Pflicht zu unterwerfen, einer manchmal namenlosen Autorität, macht das Ganze viel schwieriger. Menschen mit Grundvertrauen haben es da leichter. Die sagen: Ich habe mir das nicht ausgesucht, aber Frau Merkel, Herr Söder meinen es gut mit mir – wie meine Eltern damals, die etwas verboten haben. Wer sicher gebunden ist, kann das. Vielleicht drehen solche Menschen diese Pflicht um, indem sie aktiv werden und zum Beispiel Masken nähen. Manche prophezeien ja, dass die Maske zum Modeartikel wird.

Bis vor kurzem gab es die Todsünde Vermummung: Bei Demos, bei streng gläubigen Muslima. Davon spricht heute keiner?

Gees: Wir Menschen geben allen Phänomenen eine Bedeutung. Permanent – und das ändert sich. Oft merken wir nicht, welche Bedeutung wir einer Sache geben. Nehmen wir die Näherin, die sich einerseits der neuen Pflicht unterwirft, aber mit ihren Masken anderen hilft. Solche Resilienzfaktoren, wie wir in der Psychotherapie sagen, haben Menschen mit frühen Missbrauchs- oder Grenzverletzungserfahrungen nicht. Jede Unterwerfung und Pflicht macht sofort Spannung und Angst davor unterdrückt zu werden.

Es gibt aber auch das Gegenteil. Mir sagte jemand, der an Agoraphobie leidet, also der Angst vor Menschenansammlungen, dass die Maske ihm Sicherheit gebe. Kennen Sie das?

Gees: Ja, die erste Woche nach dem Log-Down war hier in der Praxis Totenstille. Die Grundbedürfnisse des Alltags standen absolut im Vordergrund. In der zweiten Woche hat sich das geändert. Es gab zwar auch da Leute mit sozialen Ängsten, die sogar erleichtert waren. Sie mussten nicht aufs Straßenfest, auf den 60. Geburtstag. Der Freizeitstress, die Überforderung verschwand – ihnen ging es gut. Aber jetzt hören wir, wenn Angst im Vordergrund steht, dass Menschen unter Machtphantasien leiden. Was wir im Kollektiv von Verschwörungstheorien hören, äußert sich beim Individuum als eine Angst vor Überwachung und Kontrolle.

Kann man sich vorstellen, dass wir Wege finden, mit der Maske umzugehen?

Gees: Ich erlebe es so, dass sich mehr Menschen, die sich nicht kennen, nun vermehrt auf der Straße grüßen. Es gibt das Bedürfnis, sich in der größeren Anonymität wieder zu verbinden. Wenn wir stabil genug sind, gleichen wir das Defizit aus, in dem wir zum Beispiel freundlich sind. Was uns fehlt, wollen wir kompensieren.

Man fragt sich ja, welche Langzeitfolgen hat das? Zwei Beispiele, ich gehe durch den Wald, begegne älteren Menschen, die wenden sich von mir ab. Als ob ich Corona hätte. Es gibt einen Allgemeinverdacht. Oder: In der Kita herrscht Berührungsverbot, Hand halten, Drücken, Trösten, all das soll nicht sein.

Gees: Die Folgen sind jetzt schon da. In der Wahrnehmungspsychologie sprechen wir von einer Aura, einem unsichtbaren Kreis von etwa 1,50 Meter um uns herum. Die gab es auch vor Corona. Wenn uns einer – zum Beispiel an der Käsetheke – zu nahekommt, korrigieren wir das. Diese Aura hat sich total vergrößert. Im Supermarkt überlegt man ja schon, wenn da drei Leute stehen, wie halte ich den Sicherheitsabstand ein? Das verinnerlichen wir. Neulich habe ich einen Film angeschaut, wo sich Leute umarmen, küssen, nahe sind. Da denkt man schon, was machen die da? Das kann nicht von jetzt sein.

Das ist etwa so, als wenn wir heute 60er Jahre-Filme mit Alain Delon sehen, der im Bett raucht.

Gees: Das würde man nicht mehr tun. Genauso wie es keinen Internationalen Frühschoppen mittags um 12 mit Zigarren und Wein gibt.

Da ging es auch um Verbote, die an den Leuten, die gerne rauchen und Alkohol trinken, nicht spurlos vorbeigegangen sind. Was ist anders?

Gees: Bei Wein und Zigaretten würde ich sagen, das hat uns unterm Strich gut getan. Aber heute ist es ein Dilemma. Wir könnten anderen gefährlich werden, andere könnten mir gefährlich werden. Was wir am meisten in der Krise brauchen, nämlich uns zu berühren, das unterbinden wir gerade.

Neulich hörte ich von einem Kind, es habe in der Kita zum ersten Mal ihre Betreuerin anfassen dürfen. Erschreckend?

Gees: Ja, Berührungen sind für uns wichtig: Händchenhalten bei Kindern, Handhalten in der Pflege. Wir sehen das kritisch in unserer Praxis. Wir glauben, dass zum Herbst, Winter mehr Menschen zu uns kommen, die noch mehr Mühe haben, sich zu regulieren. Weil einfach Nähe fehlt. Wenn zum Beispiel Freundinnen sagen, ich gehe mit meinen Freundinnen in die Sauna, zum Sport – viele dieser Möglichkeiten zum Austausch und zur Selbstregulation fallen auch weiterhin weg.

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