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Chansons zu Weihnachten

So wärmend wie flauschige Decken

Greven

Türen zu! Für die nächsten beiden Stunden bleibt an diesem Samstagabend für jeden Weihnachtskitsch der Zutritt in die Kulturschmiede verboten. Also: keine glöckchenklingelnde Schlittenfahrt, keine Zuckerbäckerromantik. Da hilft kein Trommeln und auch kein „Pa-rappapa-pam“.

Hans Lüttmann

Jean Claude Séférian (zweiter von links) sowie Gattin, Tochter und Akkordeon-Akrobat Miroslaw Tybora  kamen ganz ohne Weihnachtskitsch aus. Foto:

Drinnen freuen sich Chansonnier Jean Claude Séférian, seine Frau, die Pianistin Christiane Rieger-Séférian, seine Tochter, Jazzsängerin Marie Séférian, und Akkordeon-Akrobat Miroslaw Tybora (der für den erkrankten Piotr Rangno einsprang) darauf, die Zuhörer mit einem einfühlsamen, amüsanten und ja, auch weihnachtskritischen Konzert auf das schönste Fest des Jahres einzustimmen.

Am Eingang kredenzt KI-Chef Egon Koling ein Sektchen, hier gibt’s Wiedersehensküsschen, da giggelnde Vorfreude, nur hinten zischelt ein Mittsechziger seine Frau an: „Hab ich doch gesagt, dat is alles Französisch, da verstehse nix von!“ Damit liegt er richtig, aber auch knapp daneben, denn die Séférians singen auch Englisch und Deutsch, und die kniffligsten Texte werden übersetzt. Wäre gar nicht nötig gewesen, denn diese „Souvenirs de Noël“ hüllen das Publikum auch ohne Vokabelkenntnisse in eine zu Herzen gehende Musik, die es wärmt wie die flauschigen Biederlack-Wohlfühldecken.

Séférians kraftvolle Stimme mit ihren leicht rauchigen Untertönen, Maries leuchtender Gesang, zart wie seidenes Geschenkpapier, Miroslaw Tyboras mit tief empfundener Innigkeit gespieltes Akkordeon und Christianes farbenreiches Klavierspiel nehmen das Publikum mit in ein zwar nur erträumtes Winterwunderland, das aber doch echte Gefühle weckt. Vorneweg mit Klassikern wie dem altfranzösischen „Les anges dans nos campagnes“ („Glo-oooooria“) oder dem urdeutschen Tannenbaum-Hit „Morgen kommt der Weihnachtsmann“, über dessen französische Melodie („Ah! Vous dirai-je, Maman“) Mozart zwölf tannenbaumkompatible Variationen für Klavier komponiert hat. Was Wunder also, dass die Séférians den Weihnachtsmann übers Volksmusikalische in die Wiener Klassik bis zum coolen Jazz umleiten.

Ein Höhepunkt wird Salvatore Adamos 50 Jahre alter inbrünstiger Friedensappell „Inch’Allah“ (Wenn Gott will), ein Requiem für „sechs Millionen Seelen, die kein Marmor-Mausoleum haben“. Das 1967 unter dem Eindruck des Sechs-Tage-Kriegs komponierte Lied ist in fast allen arabischen Staaten verboten, weil es Jerusalem (mein Gott, wie sich alles wiederholt!) nach der israelischen Besetzung als jüdische Stadt besingt.

Zwischendurch ein Gruß von Edith Piaf, melancholische Seufzer von Georges Moustaki, ein grantelndes Familienstück von Georg Kreisler, der unvermeidliche Astor Piazzolla, danach mit „Rockin‘ Around the Christmas Tree“ ein Abstecher ins piefig-swingende Amerika der 50er Jahre und dann als Zugabe der fulminante Schluss-Akkord, die Spitze auf dem Weihnachtsbaum: Leonard Cohens Mega-Hymne „Hallelujah“. Und alle in der voll besetzten Kulturschmiede singen weihnachtsselig mit, berührt, bewegt und dankbar für einen wunderbaren Konzertabend.

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