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„Gogol & Mäx“ lassen alle Konventionen hinter sich

Stil-Crossover und wilde Akrobatik

Greven

Links ein Bild vom jungen Wolfgang Amadeus Mozart und recht eines des ehrwürdigen Johann Sebastian Bach, davor in der Mitte ein malträtiertes Klavier – solch einen Parforceritt durch die Welt der klassischen Musik wie mit „Gogol & Mäx“ am Freitagabend im Ballenlager erlebt man wohl nur selten.

Von Axel Engels

Paradiesvögel der klassischen Musik: Foto: Axel Engels

Da wurde das ehrwürdige Gemäuer gar vom Lachen des begeisterten Publikums in seinen Grundfesten erschüttert, auch wenn so manche längst von uns gegangenen Mitglieder der Komponistenzunft bei solch einen Feuerwerk kultverdächtiger Virtuosität in ihren Gräbern rotiert wären.

Geht man in ein Konzert, so erwartet man bis ins kleinste Detail stimmige Interpretationen. Geht man allerdings zu „Gogol & Mäx“, so muss man alles Vorstellungen von Werktreue über Bord werfen und sich auf ein sogar dem großen Jacques Tati würdiges Erlebnis einlassen.

Die beiden schon als Paradiesvögel der Welt der klassischen Musik bezeichneten Künstler mit den bürgerlichen Namen Christoph Schelb und Max-Albert Müller sind Berufsmusiker mit klassischer Ausbildung, denen nach ihrem Studium an der Hochschule in Freiburg die seriöse Welt einfach nicht genug war. In ganz Europa sind sie zu Hause, haben sogar schon mit renommierten Sinfonie-Orchestern bei ihrem Extraprogramm „Das besondere Konzert“ zusammengearbeitet.

Für Greven mussten sie sogar einen Kleinlaster beladen, anders wären ihr Sammelsurium an diversen Instrumenten und die morbid-stimmungsvolle Bühnendekoration nicht zu transportieren gewesen.

Bei ihrem „Concerto Humoroso“ waren die Rollen zwischen den beiden Protagonisten klar verteilt. Gogol als gepflegter Musiker mit Schwalbenschwanz und Mittelscheitel wollte zu jedem Zeitpunkt ein „Concerto serioso“ als Solopianist abliefern und der umtriebige und leicht chaotische Mäx wusste dies mit außergewöhnlicher Begabung und irrer Instrumentenauswahl zu torpedieren.

Im Biedermeierzimmer kam es dann unter den strengen Blicken der verehrten Bachbüste zu einem musikalischen Wettstreit, der beim Publikum für wahre Begeisterungsstürme sorgte. Mäx, mit wilder ergrauter Mähne, aufgeplustertem Hemd und Trägerhose sowie überlangen Schuhen wusste mit stets neuen Einfällen die „Seriosität“ des Konzertes zu untergraben. Mehrfach setzte Gogol zum Spiel von Beethoven „Für Elise“, diverser Chopin-Etüden aus op. 10 und op. 25 an, sowie zweier Klaviersonaten aus der Feder von Wolfgang Amadeus Mozart sowie den Anfangstakten aus dem „Klavierkonzert Nr. 1 b-Moll op. 23“ von Peter Il Tschaikowsky, nur um unter den Einwürfen von Mäx grandios zu scheitern.

Der versuchte dafür lieber, in seine spanische Volksliedmelodie über die Küchenschabe „La Cucaracha“ einzufügen, was besonders solchen Werken wie den bekannten Präludien von Johann Sebastian Bach konträr entgegenlief.

Gogol und Mäx brauchten nur wenige Worte, sie beeindruckten mit pantomimischer Ausdrucksfähigkeit und musikalische Kunstfertigkeit sowie ausgeklügelter Akrobatik. Mäx beherrschte einfach jedes nur erdenkliche Instrument von der Klarinette, Saxofon, Tuba, Gitarre, Trompete, Okarina, Psalter und Xylophon bis hin zum Alphorn. Auch Teller, Schüsseln, Gläser und Schlauchtrompeten ließ er bei ungebremster Energie und Leidenschaft als Mittel instrumentaler Kunst erklingen.

Sie boten einen stilistischen Crossover von Klassik über Flamenco bis hin zum Jazz. Spektakuläre Akrobatik ließ die Herzen des Publikums schneller schlagen, zitterte man mit bei den slapstikträchtigen Kletterkünsten auf der Bühne.

Berührend ist das poetische Spiel auf Glasrändern bei der Zugabe und dann noch ihre Saitenkunstfertigkeit beim hochvirtuoses Flamencospiel. Solch einen Abend wird man so schnell nicht vergessen, auch wenn sich die Lachmuskulatur von den Strapazen erholt hat.

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