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Auf’m Hügel

Vertrieben für Vertriebene

Greven

„Auf‘m Hügel“, so heißt Grevens Nordviertel. Nach dem Krieg nahm es viele Displaced Persons auf – die Grevener wurden aus ihren Häusern vertrieben.

Hans-Dieter Bez

Foto: Hans-Dieter Bez

Die Bezeichnung „Auf’m Hügel“ ist der Versuch, den alten Namen des Nordviertels wiederzugeben, der im Plattdeutschen „Up’n Hüewel“ lautet. Dieses Gebiet, es steigt im Gelände vom Südwesten nach Nordosten sehr stark an, reicht heute von der GBS bis zur Saerbecker Straße und von der Kardinal-von-Galen-Straße bis zum Friedhof.

Ein Teil dieses Gebietes hat eine mehrere Jahrhunderte zurückreichende Bedeutung (Schoppenplatz, Meerkuhle etc.) für das Dorf gehabt, wie Joseph Prinz uns mitteilt.

Im Jahre 1855 wurde die Grevener Baumwoll-Spinnerei, 1874 die Firma Gebrüder Schründer. 1876 die Firma Franz Halstrup (bereits 1892/3 erweitert), 1888 die Firma J. Schründer Söhne eröffnet, außerdem erlebten in dieser Zeit viele kleine Betriebe, vor allem im Textilbereich, im Dorf einen raschen Aufschwung.

Reichten dafür zunächst die Arbeitskräfte aus Greven, wurden schon bald Arbeitskräfte aus der Umgebung angeworben. Deshalb musste für die auswärtigen Arbeiter/innen Wohnraum geschaffen werden. Diese wurden in der Nähe der Fabriken in Neubauten angesiedelt.

Mitte der 1930er Jahre und in den 1950er Jahren reichten die Arbeitskräfte aus Greven und der Umgebung wieder nicht mehr aus, so dass erneut von außerhalb Grevens weitere Arbeitskräfte angeworben wurden, für die ebenfalls Wohnraum geschaffen werden musste.

Im Jahre 1878 feierte der Schützenverein Eintracht von der Emsstraße sein erstes Schützenfest. Schützenkönig wurde der Vorsitzende Josef Terfloth, wie in der Festschrift „100 Jahre Eintracht Nord“ berichtet wird.

„Emsstraße“ hieß, laut Urkatasterkarte von 1828, die Straße von der Kirche über den Niederort bis zur Emsbrücke, laut Karte von 1891 die Straße zwischen dem Niederort und der Emsbrücke. Auf der Karte des Verkehrsvereins von 1910 ist diese Bezeichnung dort verschwunden, „Emsstraße“ hieß nun die heutige Friedrich-Ebert-Straße.

Schon bald war der Schützenverein der wichtigste Verein auf dem Hügel. Im Jahre 1906 wurde sein Name in „Eintracht Nord“ geändert, um auf den Zusammenhalt im Verein hinzuweisen. 1908 wurde das 30-jährige, 1928 das 50-jährige, 1953 das 75-jährige und erst recht das 100-jährige Bestehen des Vereins im Jahre 1978 festlich gefeiert.

Beide Weltkriege waren schwere Zeiten für die Hügelaner, nicht nur wegen der im Kriege gefallenen Bewohner. Der zweite Weltkrieg und die Zeit danach bis 1950 traf sie besonders schwer. Am 7. Februar 1945 fielen nachts Bomben auf den Hügel, nicht wie gewohnt auf den Dortmund-Ems-Kanal östlich Grevens. Die Hochwasser führende Ems war von den Bomberbesatzungen für den Kanal gehalten worden. Viele Häuser des Hügels wurden durch die Bomben zerstört, viele Menschen verletzt, zehn Menschen getötet.

Kurz nach Kriegsende wurde in Greven ein Displaced-Persons-Lager geplant, das im Grevener Nordviertel von 6. April 1945 bis zum 10. Mai 1950 bestand. Dafür wurde am 4. April durch Aschkes Jans, den Ausrufer des Dorfes, bekannt gemacht, dass der gesamte Nordteil des Dorfes geräumt werden müsse. Die fast 3000 Bewohner/innen des Grevener Nordens, die zunächst an eine baldige Rückkehr glaubten, konnten ihre Habe mitnehmen, soweit ihnen dies möglich war, mussten aber für eine neue Unterkunft selbst sorgen.

Displaced Persons (DPs), also frei gewordene Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter/innen und geflüchtete Balten/innen, bewohnten fortan diese Häuser.

Im Norden Grevens wurden im Mai 1945 fast 8000 DPs registriert, in Reckenfeld (Blöcke A und B) weitere 2000 polnische DPs. Zum Vergleich: In Greven lebten zu dieser Zeit ca. 15-17500 Deutsche und ca. 8-10000 DPs. Für den Grevener Norden lassen sich DPs aus zehn verschiedenen Staaten nachweisen. Das Lager, dessen Verwaltungssitz das Kolpinghaus war, war ein Durchgangslager auf dem Weg der DPs ins jeweilige Heimatland oder zur Auswanderung nach Australien, Kanada oder in die USA.

Anfang Mai 1947 wurde eine Kommission unter der Leitung von Dr. Hans Lauscher ins Leben gerufen, um den Evakuierten des Nordviertels bei der Rückgabe ihres Eigentums und bei Entschädigungszahlungen zu helfen. Im Sommer 1947 wurden die ersten 125 der 375 beschlagnahmten Häuser geräumt. Erst am 13. Mai 1950 wurden die letzten 110 Gebäude des DP-Lagers im Nordviertel endgültig freigegeben, das letzte beschlagnahmte Haus in Greven, in dem eine britische Familie lebte, Anfang Juli 1953.

Die Schäden an den Gebäuden im Nordviertel waren enorm, fast das gesamte Mobiliar war nicht mehr da oder zerstört, die Gärten verwüstet, die Obstbäume vernichtet. Eine Instandsetzungskommission beriet das Grevener Bauamt bei der Verteilung der geringen Darlehn für die Betroffenen.

Vergessen war jetzt, dass es im ehemals russischen Lagerbereich eine „Stalinstraße“ und eine „Moskauer Straße“ gegeben hatte.

Bereits im April 1951 las man in den WN: „Damals wurde in einem kleinen Kreis die Hoffnung ausgesprochen, daß sich das Nordviertel recht bald wieder zu einem blühenden Stadtteil entwickeln möge. Heute, nach einem Jahr, kann man feststellen: Es ist geschehen. Die Anerkennung hierfür gebührt in erster Linie den Einwohnern des Nordviertels selbst. Trotz ungenügender Mittel … gingen sie an die Renovierung und Instandsetzung ihrer Häuser und Gärten. Wo vor einem Jahr noch Schmutz und Verfall herrschten, leuchten heute frische Häuserfronten, gestrichene Fenster und Türen und kultivierte Gartenflächen. Mancher Neubau ist inzwischen entstanden, mancher Altbau wurde erweitert.“

Die Gedenkstätte an der Friedrich-Ebert-Straße soll an die Gefallenen des Schützenvereins Eintracht Nord, an die Bombenopfer des Nordviertels und auch an die Opfer der Displaced Persons, die nach dem letzten Kriege im Nordviertel untergebracht waren, erinnern. Ganz besondere Verdienste um das Ehrenmal erwarb sich damals Wilhelm Ottenjann.

Diese Gedenkstätte ist vor eine alte Prozessionskapelle gesetzt worden, die ursprünglich die „Bertling‘sche Segenskapelle“, die erste Station der Fronleichnamsprozession war. Sie wurde um 1900 im neugotischen Stil errichtet. Die Stifter waren die Eheleute Georg und Gertrud Bertling (Marktstraße).

Im Mai 1953 meldete die Grevener Presse: „Wenn der Schützenverein ‚Eintracht‘ Nord Pfingsten sein 75jähriges Bestehen feiert, wird er gleichzeitig den Bewohnern des Nordviertels eine Gedächtnisstätte übergeben, wie man sie sich kaum würdiger denken kann. … An der zum Ehrenhof gelegenen Seite der Sandsteinmauern werden die Namen der 184 Gefallenen und der zehn durch Bomben Umgekommenen des Nordviertels auf Metallplatten festgehalten. Und da diese Gedächtnisstätte nicht nur an die Gefallenen und Vermissten des Krieges, insgesamt 134 und Bombenopfer, sondern auch an die Räumung erinnern soll, werden auch die betreffenden Jahreszahlen angebracht. Sechs schöne Leuchter werden zur weiteren Ausschmückung der Gedächtnisstätte beitragen.“

Die Einweihung der Gedenkstätte erfolgte am 25. Mai 1953 (Pfingstmontag) durch Pfarrer Wilhelm Hackfurth.

Im Januar 1959 übertrug die Familie Bertling dem Verein „Kriegsopfer-Ehrung-Eintracht e.V.“, Vorsitzender war Tonius Arning, auf dessen Bitte hin auch das Schmücken des Kapellchens und des Ehrenmals zum Fronleichnamstag. Damit hatte der Verein auch die Verantwortung für das Kapellchen übernommen. Im Mittelpunkt einer Feierstunde im Mai 1959 stand die Segnung der neuen Christusstatue durch Dechant Wilhelm Hackfurth. Erstellt wurde die Christusstatue durch den münsterischen Bildhauer Albert Mazzotti.

Und im Juli 1983 las man in den WN: „Aus dem einstigen Stiefkind ist eine attraktive Tochter der Stadt geworden. Dieses Ereignis soll heute besonders gefeiert werden. … Die Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung, die im vergangenen Jahr durchgeführt wurden, brachten ein – geplantes – weiteres Ergebnis: Die Straßen des Nordviertels sind schöner geworden, sie gleichen großen Freiluft-Wohnzimmern, in denen man sich wohlfühlen kann. Sie wurden phantasievoll gepflastert, mit viel Grün bepflanzt und „möbliert“.

Das i-Tüpfelchen ist der gepflasterte preußische Adler auf der Kreuzung der Friedrich-Ebert-Straße / Josefstraße: Er hat bis zur Stadtkernsanierung auf dem Marktplatz gelegen.

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