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Wie die Pandemie die Jugendarbeit im Hansaviertel verändert

Greven

Sozialarbeit bedeutet Nähe. Die Realität ist im Moment das glatte Gegenteil. Weil das Gebot der Stunde Distanz heißt, sehen sich Sozialarbeiter neuen Herausforderungen gegenüber. Diesen Widerspruch aufzulösen, darin versuchen sich Christina Tenger und Jan Kattner.

Sven Thiele

Per Smartphone halten Christina Tenger und Jan Kattner Kontakt zu den Jugendlichen im Hansaviertel. Foto: Sven Thiele

Ihre Profession ist es, den persönlichen Kontakt zu Jugendlichen zu suchen, ihnen Hilfestellungen anzubieten und im Viertel präsent zu sein. Oder ganz grundsätzlich formuliert: Sozialarbeit bedeutet Nähe. Die Realität ist im Moment das glatte Gegenteil. Weil das Gebot der Stunde Distanz heißt, sehen sich Sozialarbeiter neuen Herausforderungen gegenüber. Diesen Widerspruch aufzulösen, darin versuchen sich Christina Tenger und Jan Kattner. Im Hansaviertel, wo wie sonst nirgendwo in Greven Menschen auf verhältnismäßig kleiner Fläche leben, sind sie weiterhin für ihre Jugendlichen da. Wenn auch im Moment ganz anders als sonst üblich.

Christina Tenger (26) und Jan Kattner (37) sind seit Ende 2018 als Jugendsozialarbeiter im Hansaviertel tätig. Dort, im städtischen Begegnungszentrum, betreuen sie normalerweise Cliquen, laden ins eigene Café ein oder besuchen Jugendliche im Viertel. An keinem anderen Ort der Stadt ist Sozialarbeit so nah dran an jungen Menschen. „Wir betreuen vier Cliquen. Zwei davon haben einen eigenen Raum bei uns im Haus“, berichtet Christina Tenger. Sie und ihr Kollege treffen sich regelmäßig mit den Cliquen, laden sie ein in die Begegnungsstätte und besuchen sie im Viertel. Normalerweise.

Es braucht Mutmacher

Seit Mitte März ist auch im Hansaviertel alles anders. Die Begegnungsstätte geschlossen, der persönliche Kontakt zu den Cliquen untersagt. Auch im Viertel selbst sind die städtischen Sozialarbeiter nicht mehr anzutreffen. „Wir wollen die Jugendlichen nicht animieren, sich mit anderen zu treffen“, erklärt Christina Tenger, warum es im Moment keine aufsuchende Jugendarbeit gibt.

Abgetaucht sind die beiden Sozialarbeiter trotz der massiven Einschränkungen nicht. Genauso wenig wie die Jugendlichen. Nur hat sich der Austausch auf eine andere Ebene verlagert. Der Digitalisierung sei Dank. Oder, wie es Christina Tenger formuliert: „Ein Hoch auf das Handy.“ An die Stelle der Treffs sind Telefonate, Chats und Videobotschaften getreten. Auch haben sich die Themen der Jugendlichen verändert.

„Ein Riesenthema ist die Langeweile“, meint Kattner. Schule, Sport, Freunde treffen: Seit mehr als fünf Wochen ist nichts mehr so, wie es einmal war. Die Sozialarbeiter versuchen, Abhilfe zu schaffen. „Wir entwickeln im Gespräch Ideen, was man machen könnte“, so Tenger, die auch von Ängsten der Jugendlichen mit Blick auf die bevorstehenden Abschlussklassen berichtet. Dann brauche es Mutmacher. Und nicht zuletzt seien sie und ihr Kollege Nachrichten-Übermittler. „Es kursieren viele Fake-News zu Corona“, weiß Kattner. Das Problem: „Auf Nachrichten wie die Tagesschau haben viele Jugendliche kein Bock.“ Daher übernehmen die Sozialarbeiter die Aufgabe, zu erklären und aufzuklären.

Spagat zwischen Distanz und Nähe

Das Smartphone dient mehr denn je als Kommunikationsmedium Nummer eins. „Wir reagieren, wenn die Jugendlichen uns brauchen, egal zu welcher Zeit“, umreißt Tenger die veränderten Anforderungen an ihren Arbeitsalltag. Schon bald soll es Cliquen-Treffs in virtuellen Räumen geben. Das Credo: Sich mit Freunden verabreden und doch zuhause bleiben.

„Trotz der extremen Distanz merken wir, dass ein Bezug da ist“, stellt Kattner zufrieden fest. Gleichwohl betont er: „Alles, was wir im Moment machen, ist nur temporär angelegt.“ Denn: Tenger und Kattner üben sich zwar im Spagat zwischen Distanz und Nähe. Am Ende betonen sie, seien persönliche Kontakte aber nicht zu ersetzen. „Reale Treffen machen allen auch einfach mehr Spaß“, meint Tenger und ergänzt: „Ich vermisse die Jugendlichen.“ Kattner ist um eine andere Erkenntnis reicher geworden: „Die Situation zeigt mir, dass unsere Arbeit nicht komplett digitalisierbar ist.“

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