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Ingo Stahlhut über die Folgen der Pandemie für Grevens Schützenvereine

„Wir haben das Virus unterschätzt“

Greven

„Wir alle – ich ebenfalls – hatten das Virus und die Folgen zu Anfang unterschätzt“, sagt Ingo Stahlhut, Vorsitzender der Vereinigten Schützengesellschaften Greven 1923 e.V..

wn

Ingo Stahlhut ist Vorsitzender der Grevener Stadtschützengesellschaft. Foto: Privat

Ingo Stahlhut ist beruflich Fahrlehrer. Und im Ehrenamt Vorsitzender der Vereinigten Schützengesellschaften Greven 1923 e.V.. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

18 Schützengesellschaften gehören zu ihrem „Dachverband“. Wie viele Menschen in Greven sind in Schützenvereinen organisiert?

Stahlhut: Zu uns gehören die Schützengesellschaften, -vereine und Bruderschaften. Aber es gibt noch einige Sportschützengruppen, zum Beispiel von der ehemaligen Cordima und der Landjugend. Minimum sind das 4000 bis 4500 Mitglieder.

Und wenn Feste sind, werden dann noch mehr Menschen auf die Beine gebracht?

Stahlhut: Natürlich. Man darf ja auch nicht vergessen, dass in vielen Vereinen nur die volljährigen Mitglieder zählen, weil statutenmäßig man erst mit 18 Mitglied werden kann. Hinzu kommen übrigens die fünf Spielmannszüge und die Sportschützen.

In diesem Jahr gab es den Totalausfall. Wie erleben Sie das?

Stahlhut: Schon vor der traditionellen Schützenfestsaison war die Stadtmeisterschaft der Sportschützen betroffen. Da mussten wir vor dem allgemeinen Shutdown die ganze Saison absagen. Da waren mir anfangs einige böse. Wir alle – ich ebenfalls – hatten das Virus und die Folgen zu Anfang unterschätzt.

Schützenfeste sind ja typische Spreaderereignisse.

Stahlhut: In der Festhalle definitiv. Das gleiche gilt für den Schießstand für die Sportschützen. Da stehen bis zu zehn Sportler in einem engen Raum nebeneinander. Das geht heute nicht mehr.

Außerdem sind Schützen eine altersmäßig sehr gemischte Gruppe?

Stahlhut: Wir haben wirklich alle dabei, vom 80-Jährigen bis zum 16-Jährigen. Es gibt kaum eine ähnliche Vereinigung, die so viele Altersgruppen vereint. Man kann nicht immer nachvollziehen, wo die Leute jeweils herkommen. Das könnte ganz fürchterliche Folgen haben.

Veranstaltungen wie das Stadtkaiserschießen 2019 locken Hunderte von Menschen an.

Stahlhut: Ja, da waren 1500 Menschen am Niederort dabei. Außerdem besuchen sich die Schützen gerne untereinander, das alles können wir jetzt nicht machen.

Ist da in diesem Jahr viel zerbrochen?

Stahlhut: Schwer zu sagen. Tatsache ist, dass wichtige Veranstaltungen weggefallen sind. Auch die, die man in der Öffentlichkeit nicht sieht. Zum Beispiel Treffen mit Senioren und Seniorenfahrten. Viele Vereine machen etwas zu Lamberti oder zu St. Martin für die Kinder. Da ist schon einiges Negatives passiert, was die Gemeinschaft betrifft. Derzeit treffen sich oft nur noch kleine Cliquen aus den Vereinen.

Könnte ja sein, dass die Leute nach Corona nachholen müssen?

Stahlhut: Das könnte sein. Viele Schützenvereine sind auch im Karneval aktiv, da merkte man schon, dass der Ein oder Andere etwas beleidigt war. Einige schicken ihre Spielmannszüge los, haben Fußtruppen und Wagen – dass das alles weggefallen ist, fanden sie doch sehr unschön.

So ein Jahr ist durchstrukturiert, wenn man im Verein ist. Das fehlt jetzt?

Stahlhut: Das ist so. Alle haben in irgendeiner Form Ausfallerscheinungen. Alle wollen was machen. Wir haben statt der Grevener Nacht der Majestäten eine Veranstaltung mit allen Vorsitzenden der Grevener Vereine gemacht. Dafür haben wir das Ballenlager gemietet – für 50 Personen. Und alle fanden es schön, sich wiederzusehen.

Wie wird es im nächsten Jahr weitergehen?

Stahlhut: Ich denke, wir werden in Richtung Sommer draußen etwas machen können. Da haben sich die Vereine sehr gute Hygienekonzepte ausgedacht. Aber die ganzen Veranstaltungen in den Räumlichkeiten, die werden schwer.

Es bleibt schwierig, die Coronaschutzverordnungen zu befolgen?

Stahlhut: Ja, ein Beispiel: Einige haben sich überlegt, sie bauen ein Zelt auf und lassen die Wände weg, damit eine ausreichende Belüftung da ist. Aber das wäre immer noch nicht regelkonform.

Es hat ja schon einige fast rührende Ersatzveranstaltungen gegeben?

Stahlhut: Viele Ehrenmale gehören den Schützenvereinen selber. Die haben sich in Abordnungen zum traditionellen Gedenken an die Toten dort getroffen. Andere haben Tüten mit typischen Schützenfestutensilien verteilt, Wettbewerbe per Handy gemacht – und wenn sie nur die Fahne gehisst haben. Teilweise konnte man ja auch Fahrradtouren machen. Teilweise hat man sich auch per Videochat getroffen.

Was haben die Spielmannszüge Grevens gemacht?

Stahlhut: Einige haben sich unter der Autobahnbrücke mit großen Abständen getroffen und geübt. Einer hatt sich auch im großen Saal einer Gaststätte getroffen – aber das ging nur kurze Zeit.

Welche Folgen hat dieses Jahr?

Stahlhut: Das Schlimme an der Geschichte ist, dass auch eine Art von Vereinsmüdigkeit entsteht. Wenn wir keine Feste feiern, finden Schützenvereine in der Öffentlichkeit nicht statt. Sportvereine haben da immer noch ihre Profis, die weitermachen dürfen.

Und nächstes Jahr im Sommer?

Stahlhut: Eswird Schützenfeste geben, aber in anderer Form. Dazu sind die Räumlichkeiten zu klein und die Menschen zu viele. Auch wenn geimpft wird, wird es dauern. Frühestens 2022 wird es wieder normale Schützenfeste geben. Sehr schade ist es, dass der Schützenverein Wentrup im nächsten Jahr sein 200-jähriges Bestehen feiern würde.

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