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Podiumsdiskussion der Caritas-Ortsgruppen zum Thema „Mit Mut aus der Krise“

Ungeahnte Kräfte frei gesetzt

Horstmar-Leer

Die Erfahrung, dass man in Krisenzeiten wachsen kann, haben Krankenhaus-Seelsorgerin Andrea Wesselmann und Unternehmer Stefan Kappelhoff gemacht. Während einer Podiumsdiskussion, zu der die Gemeindecaritas in die Pfarrkirche Ss. Cosmas und Damian nach Leer eingeladen hatte, haben sie darüber berichtet. Zu den Gesprächspartnern gehörte auch Professor Dr. Michael Beintker. Alle drei befragte Prädikant Alexander Becker, der als Moderator fungierte und sich auch über Fragen aus dem Publikum freute.

Von Sabine Niestertund

Prädikant Alexander Becker (2.v.l.) fungiert als Moderator der Podiumsdiskussion in der Leerer Pfarrkirche und befragt Unternehmer Stefan Kappelhoff, Krankenhaus-Seelsorgerin Andrea Wesselmann und Professor Dr. Michael Beintker (l.).Foto: Sabine Niestert Foto: Foto: Sabine Niestert

Ihre Beispiele sind beeindruckend und bewegend zugleich. In völlig neuen, besonders herausfordernden Situationen haben sie ungeahnte Kräfte entwickelt. Davon berichten Andrea Wesselmann und Stefan Kappelhoff am Mittwochabend während einer Podiumsdiskussion. Zu dieser haben die Caritas-Ortsgruppen Horstmar und Leer im Rahmen ihrer Aktionswoche zum Thema „Mit Mut aus der Krise“ in die Pfarrkirche Ss. Cosmas und Damian eingeladen. Neben der Krankenhaus-Seelsorgerin und dem heimischen Unternehmer begrüßt Moderator Prädikant Alexander Becker auch den Theologen Professor Dr. Michael Beintker als Gesprächspartner. Die drei Experten aus Borghorst, Leer und Horstmar sind den meisten der Besucher, die auch Fragen stellen, bereits bekannt.

Andrea Wesselmann hat ihre Ausbildung zur Pastoralreferentin in der Kirchengemeinde St. Gertrudis absolviert und diese 2007 wieder verlassen. Heute arbeitet sie als Seelsorgerin im Borghorster Marienhospital und hat die verheerenden Auswirkungen der Corona-Pandemie dort hautnah miterlebt und die Betroffenen begleitet. „Das war eine große Not, denn es fehlte anfangs an allem“, erinnert sich die Kirchenfrau noch genau an den März vor eineinhalb Jahren, als die schwer erkrankten Menschen nicht besucht werden durften und alleine gestorben sind.

Wie auch das pflegende Personal sei sie den Covid-Patienten nur in Schutzkleidung – dazu gehören Kittel, Haube, Handschuhe, Maske und ein Visier – begegnet. „Natürlich habe ich auch Angst gehabt, mich oder meine Familie anzustecken“, räumt die Krankenhaus-Seelsorgerin ein, die sich inzwischen sicherer fühlt, weil sich die Lage schon durch die Impfungen entscheidend verbessert hat. Zu ihren Kraftquellen gehöre der Glaube, der ihr Handeln trage und es ihr ermögliche, „von Mensch zu Mensch“ unterwegs zu sein und der Kirche ein Gesicht zu geben.

„Ich habe immer einen im Hinterkopf, der mir sagt, ‚Mach es‘. Das ist der Glaube“, begründet Stefan Kappelhoff sein Engagement im Hochwassergebiet. Weil einer seiner Mitarbeiter aus Ahrweiler stammt und ihn um Hilfe gebeten hat, ist der Landschafts- und Gartenbauer kurz nach der Flutkatastrophe mit zwölf Pumpen, 200 Meter Schläuchen und Notstromaggregaten an mehreren Wochenenden ins Ahrtal gefahren, um mit vereinten Kräften und tatkräftigen Mitstreitern zu helfen (wir berichteten mehrfach).

Zudem hat der Unternehmer erhebliche Geld- und Materialspenden gesammelt, die das Leid und die Not der Betroffenen, die an diesem Abend auch anhand zahlreicher Bilder dokumentiert werden, lindern soll. „Die Menschen haben auf einen Schlag ihr gesamtes Hab und Gut verloren und stehen vor dem Nichts“, zeigt sich der Helfer noch immer betroffen vom Schicksal der Opfer, die auch weiterhin viel Unterstützung von außen bräuchten.

„Wir machen weiter“, verspricht Kappelhoff, der auch Tote gesehen hat und diese schrecklichen Bilder wohl nie vergessen wird.

Als eindrucksvolle Beispiele, die dafür stehen, wie man in der Krise Vertrauen entwickelt und sich für Beistand und Menschlichkeit entscheidet, beschreibt Moderator Becker die beiden Helfer, die nach dem Friedrich Nietzsche-Zitat „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ gehandelt haben. Dabei haben sie auch erfahren, dass der Mensch an seinen Aufgaben wächst. Ein Phänomen, dass auch Michael Beintker gut kennt. Als systematischer Theologe beschäftigt er sich quasi von Amtswegen seit Jahrzehnten mit der Frage, wie Krisen Menschen verändern und wie solche Katastrophen mit Gott und Glauben zusammengedacht werden können. Betrachte man die „Entscheidungssituation“ als Chance, könnten sich aus dieser auch Zuversicht, Vertrauen und Hoffnung entwickeln. Rezepte dafür gebe es allerdings keine, meint der Theologe, der bedauert, dass in der Kirche zu wenig getröstet wird. Dabei sei der Trost die intimste Form des Beistands.

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