1. www.wn.de
  2. >
  3. Münsterland
  4. >
  5. Horstmar
  6. >
  7. Zeichen gegen das Vergessen

  8. >

Ukrainische Fahne und Foto im XXL-Format in den Fokus gerückt

Zeichen gegen das Vergessen

Horstmar

„Vergessenes und Aktuelles. . .“ – so heißt es unter anderem in dem Flyer „KunstRadroute Paste Up History“ des Künstlerduos Maria Vill und David Mannstein aus Berlin, soll in den Fokus des Betrachters rücken. Das Haus in der Stadtstiege 22 eint dieses Vorhaben in doppeltem Sinne: Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine ist dort eine Flagge der Ukraine angebracht, als Zeichen der Solidarität mit den Menschen des überfallenen Landes.

Von Anna-Maria Vossenbergund

Seit Beginn des Kriegs ist am Haus von Frida Frey und Klaus Decker in der Stadtstiege 22 eine ukrainische Flagge angebracht. Damit Vergangenes, nämlich das Schicksal der ehemaligen jüdischen Hausbesitzer, nicht in Vergessenheit gerät, wurde vor einigen Tagen das Gebäude mit einem Foto im XXL-Format versehen. Foto: Anna-Maria Vossenberg

„Vergessenes und Aktuelles. . .“ – so heißt es unter anderem in dem Flyer „KunstRadroute Paste Up History“ des Künstlerduos Maria Vill und David Mannstein aus Berlin, soll in den Fokus des Betrachters rücken. Das Haus in der Stadtstiege 22 eint dieses Vorhaben in doppeltem Sinne: Seit Beginn des Kriegs in der Ukraine ist dort eine Flagge der Ukraine angebracht, als Zeichen der Solidarität mit den Menschen des überfallenen Landes.

Das ist aktuelles Geschehen. Damit Vergangenes, nämlich das Schicksal der ehemaligen jüdischen Hausbesitzer, nicht in vollends Vergessenheit gerät, wurde vor einigen Tagen das Gebäude mit einem Foto im XXL-Format versehen. Ein unübersehbares Zeichen gegen das Vergessen. Das Bild zeigt Grete Eichenwald mit ihren beiden Töchtern Edith und Helga im Garten des Wohnhauses in der Stadtstiege.

Die Künstler waren durch einen Bericht der Horstmarer Autorin im Kreisjahrbuch 2022 für den Kreis Steinfurt auf das Schicksal der jüdischen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner Horstmars aufmerksam geworden. Der Kontakt untereinander war schnell hergestellt, das Gebäude, das sich für die Kunstaktion anbot, ebenfalls schnell gefunden und das Einverständnis für die Realisierung des Vorhabens eine Selbstverständlichkeit für die Eigentümer Frida Frey und Klaus Decker.

Ernst Eichenwald war 30 Jahre alt, ein junger und erfolgreicher Geschäftsmann, als er im Jahr 1926 die 22-jährige Grete Hertz aus Beckum heiratete. Das Haus Stadtstiege 22 bauten die Eheleute Ende der 20er Jahre. Dort wollten sie ihre Kinder großziehen und den Eltern von Ernst, Selma und Levi Eichenwald, einen Altersruhesitz bieten. Nur rund zwei Jahre konnte Levi Eichenwald diesen Ruhesitz genießen. Er starb 1931 plötzlich an einem Schlaganfall. Seine letzte Ruhestätte ist ein Familiengrab auf dem Friedhof an der Hagenstiege.

Noch im Jahr 1932 plante Ernst Eichenwald, das Nachbarhaus seines Geschäftslokals zu kaufen. Die Zeiten für jüdische Geschäftsleute verschlechterten sich jedoch dramatisch schnell, sodass sich dieses Vorhaben zerschlug. Karl Eichenwald (nicht verwandt oder verschwägert), der gegenüber dem Geschäft von Ernst Eichenwald mit seiner Familie wohnte, wurde die Konzession für den Viehmarkt in Burgsteinfurt entzogen. Und auch die Familie Nathan, wohnhaft in der Neustraße, die vornehmlich einen Pferdehandel betrieb, bekam den langen Arm der Nazis zu spüren.

Treue Kundinnen und Kunden, die sich trotz Verbot im Manufakturwarengeschäft von Ernst Eichenwald mit Kinderkleidung, diversen Stoffen oder Aussteuer für junge und zukünftige Hausfrauen eindeckten, wurden bei den örtlichen NSDAP-Größen angeschwärzt und fanden in der nächsten „Stürmer“-Ausgabe ihre Namen veröffentlicht.

Grete Eichenwald hatte ihren Mann bereits lange vor der Pogromnacht gewarnt und gebeten, Deutschland zu verlassen. Ernst war jedoch unentschlossen und weigerte sich unter anderem zu glauben, dass ein ausgezeichneter Soldat des Ersten Weltkriegs in Deutschland etwas zu befürchten habe. Er konnte oder wollte sich vielleicht auch nicht vorstellen, dass ehemalige Kunden, Nachbarn oder vielleicht auch Freunde ihm und seiner Familie Unrecht zufügen würden.

Aber das Schicksal nahm auch für die Familie Eichenwald seinen Lauf. Sie mussten ihr Haus weit unter Wert verkaufen. Am 1. April 1939 wurden Grete, Ernst und die beiden Kinder, bepackt mit einigen wenigen Habseligkeiten, die sie selbst tragen konnten, auf der Ladefläche eines Lkw nach Münster, wo sie in einem sogenannten „Judenhaus“ einquartiert wurden, abtransportiert.

Ernst und Grete konnten sich und das Leben ihrer Kinder glücklicherweise retten. Über England gelang ihnen die endgültige Flucht in die Freiheit: Am 29. Juni 1940 verließen sie mit der „Samaria“ den Hafen von Liverpool mit Ziel New York.

Selma Eichenwald, die Mutter von Ernst, war 77 Jahre alt, als die Nazis sie von Düsseldorf aus in das Ghetto Theresienstadt verschleppten. Am 21. September 1942 wurde sie, zusammen mit 2020 anderen jüdischen Menschen, in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und dort ermordet.

Startseite
ANZEIGE