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Bedarfsplanung zu dünn

Engpass bei Kinderärzten – Familien müssen lange Wege in Kauf nehmen

Lengerich

In ländlichen Regionen herrscht Ärztemangel. Eltern von kranken Kindern bekommen dies gerade besonders während der Grippewelle zu spüren.

Kinderarzt Dr. Jost Knippenberg aus Lengerich übernimmt rund 75 Prozent der Patientinnen und Patienten von Frau Dr. Susanne Möllmann, die ihre Praxis in Tecklenburg schließt. Foto: Nicolas Armer/dpa

Immer weniger Mediziner sind bereit, sich als Arzt in ländlichen Gebieten, niederzulassen. Die Folge: Einige Praxisinhaberinnen und Inhaber haben große Schwierigkeiten, einen Nachfolger zu finden. So auch Kinderärztin Dr. Susanne Möllmann, die aufgrund einer Erkrankung zum 23. Dezember ihre Praxis in Tecklenburg aufgibt. Die Leidtragenden sind die Eltern mit ihren kranken Kindern.

Rund 75 Prozent der Patientinnen und Patienten von Dr. Susanne Möllmann können jetzt aufatmen. Sie kommen ab dem 1. Januar beim Lengericher Kinderarzt Dr. Jost Knippenberg unter. Die übrigen 25 Prozent sollen bei wohnortnahen Kinderärzten behandelt werden. Der 40-Jährige, der seit November 2015 in Lengerich praktiziert, erklärt auf WN-Nachfrage, dass er die Patienten, die aus den Orten Ladbergen, Lengerich, Lienen und Tecklenburg stammen, aufnimmt. Kein leichtes Unterfangen, denn seine Praxis an der Bahnhofstraße 13, die er bisher gemeinsam mit Dr. Nina Tast betreibt, hat besonders jetzt während der Krankheitswelle, die gerade voll zuschlägt, viel um die Ohren.

U-Untersuchungen bei Kindern werden verschoben

„Die Bedarfsplanung finde ich hier auf dem Land zu dünn“, kritisiert Knippenberg. Hier müsse sich dringend etwas tun. Tatsächlich passiert etwas. Die Kinderarztpraxis in Lengerich bekommt zum 1. Januar Zuwachs. Dr. Focke aus Hasbergen, der bislang im Christlichen Kinderkrankenhaus in Osnabrück tätig war, verstärkt das Team. Die Unterstützung wird sehnsüchtig erwartet, denn vor allem in Zeiten von Krankheitswellen und Urlauben, komme es schnell zu Engpässen. „Jetzt, wo Frau Dr. Möllmann nicht mehr da ist und die Kinder- und Jugendärztin Frau Reitenbach im Urlaub ist, sind wir die einzige Kinderarztpraxis für 50.000 Einwohner“, stellt Knippenberg fest.

Weil so viele Kinder krank sind, kümmere man sich gerade nur noch um die schweren Fälle, wie etwa Kurzatmigkeit bei Säuglingen. Er selbst habe seine Sprechstunde auch auf den Mittwochnachmittag ausgedehnt, um sich um so viele Patienten wie möglich zu kümmern. U-Untersuchungen, die sich schieben ließen, würden auf den Sommer verlegt. „Bei Kleinkindern und Neugeborenen sind wir im Grenzbereich, aber hier halten wir die Fristen bei den U-Untersuchungen weiterhin ein“, betont der Mediziner.

Kinderarzt Dr. Jost Knippenberg aus Lengerich hat selbst drei Kinder im Alter von vier, sieben und neun Jahren. Foto: Kinderarztpraxis Dr. Jost Knippenberg

Fiebersaft mit Ibuprofen ist Mangelware

Eltern von Kindern und Jugendlichen ab 13 Jahren bittet der Lengericher Kinderarzt, bei kleineren Krankheitsfällen den Hausarzt aufzusuchen. Dies sei mit den Kollegen so abgesprochen worden. „Da muss man wirklich auch mal die Eltern loben. Ich kenne Familien, die jetzt in dieser schwierigen Phase bis nach Osnabrück für eine Behandlung gefahren sind“, sagt der 40-Jährige.

Improvisieren und flexibel sein müsse man zurzeit aber nicht nur bei der Schichtverteilung, sondern auch bei den Arzneimitteln, denn mehrere Medikamente werden knapp. Da man in Lengerich und Umgebung keinen Fiebersaft mit Ibuprofen mehr bekommt, werden Tabletten aufgelöst, um diese den kranken Patienten zu verabreichen. Dies werde, so der Kinderarzt, schon seit Längerem in vielen Apotheken und von Eltern so praktiziert. 

Flächendeckende Rund-um-die-Uhr-Versorgung in Gefahr

Mit Blick auf die Krankheitswelle sagt Knippenberg: „Ich fand die Worte eines Kollegen aus Rheine ganz passend, der vor ein paar Tagen sagte: ‚Dann müssen wir jetzt ein paar Wochen einfach mal die Pobacken zusammenkneifen, um durch diese Zeit zu kommen‘. Auch diese Phase gehe vorüber.“ Doch das grundsätzliche Problem des Ärztemangels bereitet nicht nur ihm weiterhin große Sorgen.

Immer weniger Mediziner sind bereit, sich als Arzt in ländlichen Gebieten, niederzulassen. Die Folge: Einige Praxisinhaber haben große Schwierigkeiten, einen Nachfolger zu finden. Die flächendeckende Rund-um-die-Uhr-Versorgung sei in Gefahr, so die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Sie prognostiziert, dass die Nachfrage nach ärztlicher Versorgung bis zum Jahr 2030 moderat ansteigen, das ärztliche Angebot jedoch sinken werde. Der Kinderärztemangel ist längst auch ein politisches Thema und der Kreis Steinfurt ist darum bemüht, die kinderärztlichge Versorgung in der Region zu sichern.

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