Sparkassen-Chef zur Situation der Unternehmen im Kreis Steinfurt

Krise? Ja – aber mit Perspektiven

Kreis Steinfurt

Rainer Langkamp ist seit gut sechs Jahren Chef der Kreissparkasse Steinfurt. Wenn einer weiß, wie es in Corona-Zeiten der Wirtschaft hier geht, dann er. Wir haben ihn gefragt. Analyse, Einschätzung, Perspektiven.

-wam/Redaktion-

Natürlich hat die Wirtschaft, haben die produzierenden Betriebe wie auch Handel und Gastronomie im Kreis unter der Corona-Krise gelitten. Doch es gibt auch positive Signale. Foto: Oberheim

Bei ihm geht‘s um Geld. Soll und Haben. Kredite, Sparbücher, Aktien, Wertpapiere. Immer darum. Jeden Tag. Immer wenn Rainer Langkamp arbeitet.

Er kennt sich aus mit Geld. Mit Firmen- und Privatkunden. Langkamp (53; Greven) ist seit gut sechs Jahren Chef der Kreissparkasse Steinfurt. In 20 von 24 Städten im Kreis ist „seine“ Sparkasse mit mehr als 50 % Marktanteil deutlich Marktführer. „Ja klar, ich werde aktuell sehr oft gefragt, wie die Lage der Wirtschaft ist“, sagt Langkamp. 10.000 Firmenkunden hat die Sparkasse, Marktdurchdringung 70 %, davon 7000 kleinere Betriebe, 3000 mit mehr als zehn Beschäftigten. Wenn einer weiß, wie es in Corona-Zeiten der Wirtschaft hier geht, dann der Chef der Kreissparkasse. Wir haben ihn gefragt. Analyse, Einschätzung, Perspektiven.

Umsätze fielen drastisch

Erstmal gibt‘s Komplimente. Einen „breiten und sehr guten Branchenmix“ bescheinigt Langkamp dem Kreis: „Die Wirtschaftsstruktur ist optimal, es gibt keine Abhängigkeit von Großkonzernen oder Branchen. Hier gibt es einen ausgeprägten Mittelstand. Unter Risikoaspekten ist das sehr gut. Und die wirtschaftliche Stabilität ist hoch!“ Hinzu kommt, dass die Unternehmen etliche wirtschaftlich fette Jahre hinter sich haben. „Bei Eigenkapital und Guthaben sieht es prima aus. Bei vielen Firmen ist die Kasse voll. Gott sei dank“, kommentiert er.

Rainer Langkamp hält die milliardenschweren Konjunkturpakte von Land, Bund und EU für sehr sinnvoll.

Dennoch hat sich Corona bemerkbar gemacht: Touristik, Reisebüros, Gastronomie, Hotels oder der Einzelhandel hatten es über Wochen hinweg sehr schwer. Bei vielen, weiß Langkamp, fielen die Umsätze drastisch, teils sogar auf Null. „Diese Krise ist also sehr ernst zu nehmen, es gibt einige wirtschaftliche Probleme. Was nicht nur für Unternehmen gilt: 60.000 Menschen im Kreis waren oder sind noch in Kurzarbeit und haben weniger Geld.“

Dennoch: „Den ganz großen Kahlschlag hat es nicht gegeben, die befürchtete Pleitewelle ist bis jetzt ausgeblieben“, sagt Langkamp. Das liegt daran, „dass die richtigen Instrumente eingesetzt worden sind, um zu helfen.“ Kurzarbeit hat viele Betriebe von Kosten entlastet, schnelle Soforthilfen durch das Land NRW haben besonders kleinere Firmen gerettet, erklärt er. Und weiter: „Ich kenne keinen einzigen Fall von einer ausschließlich corona-bedingten Insolvenz in unserem Geschäftsgebiet. Es gab einige wenige Fälle von Firmen, die vorher schon Probleme hatten und für die es durch Corona eng wurde.“

Zins-und Tilgungsleistungen auszusetzen

Seit Mitte März ist Corona zum Top-Thema bei der Sparkasse geworden: „Wir hatten sehr viele Anfragen von unseren 10 000 Firmen- und auch von den über 150.000 Privat-Kunden“, sagt Langkamp. Beim Mitarbeiterteam „standen die Telefone nicht still“. Und so freut sich der Chef, dass man richtig reagiert und auf Kurzarbeit verzichtet hat: „Wir waren und sind mit voller Besetzung an Bord.“

So konnten zuerst die zahllosen Informationsfragen beantwortet werden: Welche Hilfen gibt es, was sind die Voraussetzungen – „der Info-Bedarf war enorm“. Zweiter Schritt war, Zins-und Tilgungsleistungen zunächst für drei Monate auszusetzen und so Liquidität zu ermöglichen. „Bei etwa 400 Firmen- und bei 600 Privatkunden konnten wir so helfen“, sagt Langkamp. Reine Liquiditätskredite für Unternehmen sind in „nur“ 100 Fällen und mit einem Volumen von 30 Millionen Euro vergeben worden. „Wir haben alles möglich gemacht, was ging“, sagt Langkamp. Und die relativ geringe Zahl der nötigen Liquiditätskredite deutet er als – siehe vorne – Zeichen dafür, dass die Unternehmen wirtschaftlich/finanziell gut dastehen.

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Die Corona-Krise als reines Tal der Tränen, blanker Pessimismus, da würde Langkamp also ganz sicher nicht zustimmen. Nein, er würde lieber über den Monat April sprechen. Den historischen Monat: Nie zuvor wurden in einem Monat so viele Kredite vergeben. 110 Millionen Euro an Neukredit-Zusagen. „Und davon sind 90 Millionen Euro Investitionen“, sagt Langkamp und freut sich, „es ist ein sehr positives Zeichen, dass in der Krise investiert wird. Das schafft neue Jobs, sorgt für Wachstum!“ Und so soll es weitergehen, hofft er: Auch im Mai sind die Kredit-Neuzusagen hoch: 90 Millionen stehen schon in den Büchern. Die Krise bietet Chancen, sie eröffnet Perspektiven.

Düstere Worte

Apropos Kredite: „Geld ist günstig“, sagt Langkamp. Neu ist das nicht. Öffentliche KfW-Förderkredite für Investitionen inklusive Tilgungszuschüsse sind aktuell zu Negativ-Zinsen zu haben. Soll heißen: Wer sich Geld leiht, macht Gewinn! Liquiditätskredite kosten zwischen ein und drei Prozent. „Geld ist reichlich da, die Europäische Zentralbank sorgt dafür“, weiß Langkamp. Für Sparer jedoch hat er keine guten Nachrichten, keine Hoffnungssignale: „Das Zinsniveau bleibt nach meiner Meinung sogar auf Jahrzehnte hin so niedrig. Die Zinsen könnten auch gar nicht steigen, dann könnte die öffentliche Hand ihre Verbindlichkeiten nicht mehr bezahlen.“

Rainer Langkamp freut sich, dass in Corona-Zeiten eben nicht alles zusammengebrochen ist.

Positive Signale für die Wirtschaft im Kreis sieht Rainer Langkamp in einer Corona-Auswirkung bei den (leider zinslosen) privaten Sparern: „Allein im April sind bei uns bei der Kreissparkasse 60 Millionen Euro zusätzlich an Guthaben auf die Konten geflossen. Es ist Geld, dass die Kunden nicht ausgeben konnten.“ Aus heutiger Sicht ist das sehr gut. Sehr gut, weil das Geld offensichtlich nicht in Online-Shops ausgegeben wurde, sondern immer noch zur Verfügung steht: „Es ist wahnsinnig viel Geld für Konsum da“, solche Sätze hört man konservative Bankchefs eher selten sagen. Rainer Langkamp lächelt und sagt: „Gehen Sie doch mal in einen Garten- oder Baumarkt, kaufen einen neuen Grill, ein Fahrrad oder Dinge für die Freizeit.“ Ja, mancherorts klingeln die Kassen. Konsum ...

Zum Ende noch die Frage nach dem „wo sind wir in einem halben Jahr?“ Rainer Langkamp denkt und antwortet doppelt: „Corona im Griff, keine zweite Welle: Dann fasst die Wirtschaft schnell wieder Fuß, stabilisiert sich und wir haben ein gutes Jahr 2021.“ Den zweiten Teil seiner Antwort sollten Pessimisten jetzt lieber nicht mehr lesen: „Gibt es eine zweite Welle und noch einen Lockdown, wird das wirtschaftlich eine Katastrophe. Dann werden wir den Unternehmen noch intensiver helfen müssen als jetzt schon. Die Staatsverschuldung würde drastisch steigen, die Grenze der Belastbarkeit des Systems würde wahrscheinlich erreicht.“ Düstere Worte...

Das sagen andere Kreditinstitute

  • Die VR-Bank Kreis Steinfurt blickt in der Corona-Pandemie auf ähnliche Entwicklungen. „Nach anfänglicher Unsicherheit, teilweise auch Panik bei Firmen- und Privatkunden, nehmen wir aktuell eine deutliche Beruhigung wahr“, erklärt Vorstand Ulrich Weßeler.
  • Bei der Vergabe von Krediten hätten auch die Genossen einen starken April und Mai verzeichnet, aber nicht auf Rekordniveau. Was auch für die VR-Bank gilt: „Nachdem anfänglich die staatlichen Liquiditätshilfen nachgefragt wurden, geht es jetzt um echte Investitionskredite“, erklärt Weßeler. Im Privatkunden-Sektor habe es einige wenige Stundungen gegeben, „aber deutlich weniger, als man befürchten musste. Und alle im eher unkritischen Bereich.“
  • Kaum nachgefragt wurden von der heimischen Wirtschaft bei der VR-Bank bisher KfW-Kredite. Der Vorstand führt das auf eine überdurchschnittlich hohe Liquidität bei vielen Firmen zurück.
  • Viele Unternehmen in der Region begegneten dieser Krise und den Herausforderungen daher „aus einer Position der Stärke“ heraus. „Die Wirtschaft im Kreis Steinfurt ist breit aufgestellt, verfügt über einen guten Branchenmix, es gibt keine Klumpenrisiken“, sagt Ulrich Weßeler.
  • Die VR-Bank verzeichne bislang „keine nennenswerte Insolvenz oder kritische Fälle“. Sorgenfalten auf der Stirn habe Weßeler allenfalls mit Blick auf das zweite Quartal 2021. Dann nämlich beginne bei einem Großteil der Investitionskredite die Tilgungsphase, und das auf durchaus hohem Niveau. Bis dahin müsse der Motor also wieder rundlaufen.
  • Peter Hensmann, im Vorstand der Verbundsparkasse Emsdetten Ochtrup für das Firmenkundengeschäft verantwortlich, erklärte jüngst bei einem Bilanzgespräch, dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie auch dazu führten, dass vorhandene Probleme offensichtlicher und beschleunigt würden: „Wer zwei Wochen Krise nicht durchhält, war auch vorher schon gefährdet.“ -chb-
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