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Nach Tod des Mannes

Wie eine junge Witwe zu neuem Lebensmut fand

Kreis Steinfurt

Kerstin Lappe ist durch die Hölle gegangen. Als ihr Mann Dennis im Mai 2018 nach einem Schlaganfall verstarb, war für die Familie über Nacht nichts mehr wie vorher. Drei Jahre später rollen der Emsdettenerin Tränen übers Gesicht, wenn sie davon erzählt. Und doch hat sie inzwischen neuen Lebensmut gefasst.

pbm/gun

Wie geht das Leben nach einem schweren Verlust weiter? Die ökumenische „Woche für das Leben“ stand diesmal unter dem Motto „Leben im Sterben“. Foto: dpa (Symbolbild)

Die „Woche für das Leben“ ist eine Initiative der katholischen und evangelischen Kirche. Sie wollen damit für den Wert und die Würde menschlichen Lebens sensibilisieren. Die Aktion wurde 1991 von der Deutschen Bischofskonferenz und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken begründet. 1994 schloss sich die Evangelische Kirche an. An der Aktion beteiligen sich Hunderte Gemeinden, Einrichtungen und Verbände. In jedem Jahr wird ein anderes Thema behandelt, wie etwa der Schutz des ungeborenen Lebens, Leben im Alter oder menschenwürdige Pflege. Vom 17. bis 24. April lautet das Motto „Leben im Sterben.“ Es ist beispielgebend für die folgende Geschichte.

Kerstin Lappe ist durch die Hölle gegangen. Als ihr Mann Dennis im Mai 2018 einen Schlaganfall erlitt, war für Familie Lappe über Nacht nichts mehr wie vorher. Mit dem Krankenwagen wurde der sportliche 40-Jährige zuerst nach Ibbenbüren, dann ins Klinikum Osnabrück gebracht. Obwohl die Ärzte von Anfang an ehrlich waren und der Mutter von zwei Mädchen, damals fünf und acht Jahre alt, wenig Hoffnung machten, wollte sie nicht wahrhaben, welche Folgen der Kleinhirninfarkt für ihren Mann hatte: „Ich war zu allem bereit: Egal, wie er nach Hause kommt, ich würde mich kümmern.“ Von diesem Plan ließ sie sich 19 Tage nicht abbringen. Von niemandem. Dann der Anruf aus dem Krankenhaus: „Ihr Mann macht sich auf den Weg.“ Um genau 11.31 Uhr ist er am 21. Mai gestorben.

Hilfe kam vom Hospiz

Drei Jahre später rollen Kerstin Lappe Tränen übers Gesicht, wenn sie davon erzählt. Und jetzt, nach Ostern, erwartet die Emsdettenerin ihr drittes Kind. Dass sie mit ihrem neuen Partner Nico Weßel und bald drei Töchtern noch mal wieder glücklich werden kann – sie hat nicht daran geglaubt. Geschafft hat sie es mit Unterstützung von Evy Billermann vom Hospiz Haus Hannah. Sie war drei Tage nach dem Schlaganfall das erste Mal bei der Familie, hörte zu, begleitete sie später in ihrer Trauer. „Leben im Sterben“ – das Thema der ökumenischen „Woche für das Leben“, bestimmt immer wieder neu und anders jeden Tag von Kerstin Lappe und ihren Töchtern Nea und Fenna.

Das Wochenende vor dem Mittwoch, an dem ihr Mann abends nach dem Fußballtraining auf dem Sofa den Schlaganfall bekam, war vollgepackt mit Schönem: „Freitags ist er seinen ersten Halbmarathon gelaufen, samstags haben wir mit Freunden deren Hochzeit gefeiert, und sonntags war die Erstkommunion unseres Neffen.“ Niemand konnte ahnen, dass ihre Welt wenige Tage danach stillstehen würde.

Die Familie, der Freundeskreis und Evy Billermann fingen die junge Frau auf – und sie haben ihr nicht nur geholfen, die Beerdigung vorzubereiten. Dankbar ist die Physiotherapeutin, die sich viele Jahre ehrenamtlich in der katholischen Kirche engagiert hat, auch Norbert Weßel, Pfarrer von St. Pankratius Emsdetten, der die Familie immer wieder besuchte – und den Kontakt zu Evy Billermann vermittelte.

Kerstin Lappe freut sich mit ihren beiden Töchtern Nea und Fenna auf das Baby. Vater ist ihr Lebensgefährte Nico Weßel. Foto: privat

Warum wir?

Die ist froh, dass sich Kerstin Lappe helfen lassen konnte und wollte: „Sie ist mit ihrem Schmerz sehr offen umgegangen, hat sich nie selbst geschont“, erinnert sich Billermann. „Wir sind ein brutal langes Stück marschiert, durch ein verdammt tiefes Tal gegangen“, atmet die Hospiz-Mitarbeiterin kräftig durch, wenn sie daran denkt, wie sehr die junge Mutter unter dem plötzlichen Tod ihres Mannes litt. Dass sie nicht alleine damit ist, gab und gibt Kerstin Lappe zusätzliche Kraft. Auf ihr Drängen hat Billermann mit einer Kollegin eine Gruppe für jung Verwitwete gegründet.

Jemals wieder Freude am Leben zu haben, das konnte sich die Emsdettenerin nicht vorstellen. Viele Gedanken kreisten in ihrem Kopf, auf die sie keine Antwort bekam: Warum trifft es ausgerechnet uns? Warum nimmt Gott ihn mir weg? Warum lässt er zu, dass die Kinder ohne Vater aufwachsen?

Ein neuer Partner

Gut tat ihr und den Mädchen eine Trauerkur. Und im Nachhinein der Kneipenbesuch an Karneval, zu dem sie eine Freundin überreden musste: „Meine Schwiegermutter hat die Kinder zu sich genommen – und mich mit dem Satz losgeschickt: Du bist noch jung...“ Eher widerwillig ging Kerstin Lappe mit. An der Theke traf sie einen Bekannten aus früheren Zeiten: Nico Weßel. Sie kamen ins Gespräch, verabredeten sich. Alles ging schnell – zu schnell? Kerstin Lappe hatte plötzlich 1000 Fragen – die entscheidendsten: „Lasse ich mich darauf ein? Darf ich das überhaupt? Nicht einmal ein Jahr nach Dennis´ Tod? Was sagen andere?“

Fest stand für das Paar: „Wir spielen mit offenen Karten.“ Auch gegenüber der Familien und den Freunden. Alle machten ihnen Mut. Die Mädchen lernten den neuen Partner der Mutter behutsam kennen. Ihr Vater ist selbstverständlich weiter im Leben der Familie präsent. Geschichten, Fotos, viele kleine Details – und die Kerze, die bei der Beerdigung auf dem Altar brannte, lassen ihn nicht vergessen.

Es gibt Tage, da überkommt Kerstin Lappe bei aller Freude über ihr neues Glück große Trauer: „Dann brechen die vernarbten Wunden wieder auf.“ Familie und Freunde können damit umgehen. Sie geben der Witwe Zeit und Abstand.

Dass sie künftig zu fünft sein werden – für die Emsdettenerin selbst ist ihr Leben manchmal unwirklich: „Die zurückliegenden Monaten waren wie auf der Überholspur.“

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