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Artem Kalinnik und sein Nachbar Dirk Philipp holen Ukraine-Flüchtlinge ab

Familien in Laer vereint

Laer

Dirk Philipp hat seinem Nachbarn Artem Kalinnik geholfen, ukrainische Angehörige ins Ewaldidorf zu holen. Auf ihrem Weg haben die beiden Männer, die sich gut verstehen, einiges erlebt. Dank der Unterstützung von vielen Seiten ist der Familienverbund sicher vor Ort angekommen.

Von Sabine Niestertund

Gemeinsam mit seinem Nachbarn Dirk Philipp (l.) hat Artem Kalinnik (r.) seine Schwiegereltern, die Schwägerin und andere Verwandte ins Ewaldidorf nach Deutschland geholt. Von der Gemeindeverwaltung ist der Familienverbund bereits registriert worden. Foto: Sabine Niestert

Kaum in Laer angekommen, haben sie schon ihren ersten Termin im örtlichen Rathaus. Dafür hat Matthias-Holger Reher gesorgt, der nicht nur mit der Corona-Krise, sondern jetzt verstärkt auch mit der Registrierung, Unterbringung und Betreuung von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine befasst ist. An diesem Donnerstagmorgen empfangen der Fachbereichsleiter und sein Mitarbeiterteam gleich neun Menschen, die ihre Heimat verlassen haben, um in der „Fremde“ in Sicherheit leben zu können.

In der Gruppe befinden sich drei Kinder, fünf Frauen und ein Mann. Sie alle gehören zum Familienverbund von Artem Kalinnik, der ebenfalls aus der Ukraine stammt und mit seiner Mutter und Frau schon lange im Ewaldidorf lebt. Die drei wollen den Verwandten unbedingt helfen. Doch weil das Trio das alleine nicht stemmen kann, bittet Artem Kalinnik seinen Nachbarn Dirk Philipp um Hilfe. Dieser und seine Frau erklären sich sofort bereit, eine flüchtige Mutter mit zwei Kindern vorübergehend in der eigenen Wohnung unterzubringen, was natürlich auch der Erlaubnis des Vermieters bedarf. Glücklicherweise sagen auch Kollegen und Freunde aus Pinneberg, die Polnisch sprechen, ihre Unterstützung zu. Unter diesen günstigen Voraussetzungen beginnt ein abenteuerliches Unterfangen, dessen Ende von Erfolg gekrönt ist.

So macht sich Artem Kalinnik am Nachmittag des 5. März, einem Samstag, mit dem Auto nach Prag auf, um die Mutter mit ihren zwei Kindern, die über Rumänien geflüchtet sind, vom Bahnhof abzuholen. Wegen der sich ständig ändernden Ankunftszeiten der Flüchtenden muss der 1988 Geborene eine Nacht in seinem Wagen verbringen. Durchgefroren und übernächtigt ruft er am Sonntag gegen 10 Uhr bei Dirk Philipp an, der verspricht, ihm entgegen zu kommen. Nahe der deutsch-tschechischen Grenze wollen sich die beiden Nachbarn treffen. Dort soll Dirk Philipp die Mutter mit den beiden Kindern übernehmen. Was dann geschieht, grenzt an ein kleines Wunder. „Es war unglaublich – wir beide haben uns auf die Minute genau am vereinbarten Treffpunkt eingefunden – und das von zwei Seiten kommend“, beschreibt Dirk Philipp die wunderbare Begegnung der Helfer, die mehr als eine Nachbarschaft verbindet.

Das Herz wird ihm schwer, als er die von den Strapazen der Flucht gezeichnete Frau mit ihren Kindern sieht, die völlig eingeschüchtert und übermüdet sind. Von ihrem Schicksal berührt und bewegt drückt der Laerer die drei erst einmal, um dann mit ihnen die Rückreise ins Ewaldidorf anzutreten. „Wir fanden sofort einen Draht zueinander“, erinnert er sich an die gemeinsamen Stunden im Auto. Gegen 23 Uhr erreichen sie Laer. „Jetzt heißt es für die Familie erst mal zur Ruhe kommen und hoffen, dass ihr Mann beziehungsweise Vater noch lebt“, gibt Dirk Philipp zu bedenken. Während er am Sonntagabend wieder zuhause ist, fährt Artem nach Polen weiter. Dort will er seine Schwiegereltern und die Schwägerin von der Grenze abholen. Die drei hatten sich auf den Weg nach Lwiw begeben, wo sie zwangsläufig drei Tage auf dem Bahnhof verbringen müssen, da die Züge überfüllt sind. Ursprünglich wollten die beiden Helfer sie direkt abholen, um die Strapazen der Flucht zu verkürzen, doch davon wurde ihnen auf Nachfrage ihrer Freunde aus Pinneberg beim polnischen Grenzamt dringend abgeraten.

Parallel, auf einer weiteren Route, macht sich eine weitere nahe Verwandte der Mutter von Artem mit ihrer Schwiegertochter und Enkelin mit dem Zug in Richtung Deutschland auf. In Laer können sich dann alle erleichtert in die Armen schließen. Dort beginnt nun ein neuer Abschnitt ihres Lebens, den sie gerne im Frieden verbringen würden. Unendlich dankbar sind die Familien allen, die ihnen so uneigennützig und unbürokratisch geholfen haben.

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