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Kalksteinabbau im Teuto

18 Jahre alter Interessenkonflikt

Lengerich/Lienen

Am Montagabend findet in der Gempt-Halle eine Info-Veranstaltung zum „Sachlichen Teilplan Kalkstein“ des Regionalentwicklungsplans statt. Vertreter des Unternehmens Dyckerhoff und der Bürgerinitiative Pro Teuto erläutern ihre Standpunkte.

Michael Baar

Vor 145 Jahren wurde das erste Zementwerk in Lengerich gegründet. Heute Abend werden in der Gempt-Halle Vertreter der Firma Dyckerhoff (Bild: Blick aus dem Steinbruch aufs Werk) und des Naturschutzes Argumente für und gegen eine Verlängerung der Abgrabungserlaubnis vortragen. Foto: Michael Baar

Angefangen hat alles vor 145 Jahren. Damals gründete der Recklinghäuser Adolf Wicking das Zementwerk Lengerich. Es war das erste Kalkwerk in der Stadt, das über einen Bahnanschluss verfügte. Seit 1872 hat sich vieles verändert. Was einst nur als sicherer Arbeitsplatz gesehen wurde, ist Ende der 1970er Jahre in den Fokus des Umweltschutzes gerückt. Heute Abend gibt es in der Gempt-Halle einen Informationsabend zum Thema Kalkabbau im Teutoburger Wald. Hintergrund: Es geht darum, ob die Genehmigung zum Abbau des Kalksteins in Lengerich und Lienen verlängert wird oder nicht.

So richtig in Fahrt gekommen ist die Diskussion Anfang der 1990er Jahre: Die Bezirksregierung Münster erkennt damals den sich abzeichnenden Interessenkonflikt zwischen Naturschutz und abgrabender Industrie. Das Landes-Umweltministerium wird um Unterstützung bei der Entscheidungsfindung gebeten.

Am 9. November 1993 bildet sich ein „großer Arbeitskreis“. Mitglieder sind Vertreter der Kommunen, der Industrie, des Naturschutzes und von Fachbehörden. Etwas später sitzt auch der Deutsche Gewerkschaftsbund mit am Tisch. Aufgabe des Arbeitskreises: Begleitung eines Gutachtens zur Zukunft des Kalksteinabbaus im Teuto. Es gliedert sich in einen bundesweiten und landesweiten Vergleich sowie einen regionalen Teil, „der die konfliktärmeren Bereiche im Teutoburger Wald aufzeigt“.

Interessant ist der Lösungsansatz 6, der zusätzliche Junktims vorsieht: Untersuchungsprogramm Tieferlegung; Untersuchungsprogramm Thieberg (Rheine); Runder Tisch – Struktur 2025. Im Gebietsentwicklungsplan werden gleichzeitig Abgrabungsbereiche und Bereiche zum Schutz der Natur dargestellt. Dieser Vorschlag – basierend auf der im Landesentwicklungsplan NRW geforderten 25-jährigen Versorgungssicherheit – findet breite Zustimmung im Arbeitskreis. Nur die Naturschutzverbände lehnen den Vorschlag ab.

Am 24. Juli 1998 wird der GEP-Teilabschnitt Teutoburger Wald genehmigt. Die Firma Calcis (damals noch Schencking) in Lienen erhält am 19. Oktober 1998 die Genehmigung für die Erweiterung ihres Steinbruchs in Lienen um 17 Hektar auf Grundlage des Kalkgutachtens. Im Rahmen des Verfahrens erfolgte auch eine FFH-Prüfung (Flora Fauna Habitat).

Vier Monate später, am 25. Februar 1999, erhält das Unternehmen Dyckerhoff die Genehmigungen für die Abgrabungsbereiche Hohne (Erweiterung um etwa 20 Hektar) und Höste (Erweiterung um circa zehn Hektar). Auch in diesem Fall werden die FFH-Kriterien beachtet, Widerspruch gibt es nicht. Vorgegeben wurden Ersatzmaßnahmen für den betroffenen Wald: Für ein Hektar in Anspruch genommenen Wald müssen drei Hektar neu gepflanzt werden.

Der Stand der Junktims (laut Duden die Verknüpfung von zwei oder mehreren vertraglichen Abmachungen, die nur zusammen beschlossen werden oder Gültigkeit haben können) zu diesem Zeitpunkt: Probebohrungen am Thieberg ergaben eine Abbaumenge von rund 150 Millionen Tonnen Cenomankalk.

Zum Thema Tieferlegung wird ein mehrjähriger Dauerpumpversuch angeregt mit dem Ziel nachzuweisen, ob die Auswirkungen einer Vertiefung räumlich eng begrenzt wären. Die Firma Dyckerhoff weist auf Unverständnis bei den Bürgern für einen mehrjährigen Pumpversuch hin. Mit Blick auf geplante 55 Aufschlüsse und zwölf Grundwassermessstellen für ein Grundwassermodell könne es auch Probleme beim Betreten privater Grundstücke geben.

Aber da ist ja noch das dritte Junktim, der „Runde Tisch 2025“. Den haben Naturschutz, Kommunen und Gewerkschaft gefordert. Die Runde soll im kontinuierlichen Dialog den Interessenkonflikt im Teutoburger Wald aufbereiten und Entwicklungsperspektiven aufzeigen. Am 12. Juli 1999 heißt es, die Bezirksregierung werde in Kürze zum „Runden Tisch 2025“ einladen. Er hat bis heute nicht stattgefunden.

„Seitens des Naturschutzes besteht die Zielvorstellung, dass es nach 25 Jahren keiner Erweiterung der bestehenden Abgrabungen mehr bedarf. Diese Vorstellung trifft auf Gegenrede bei Industrie und Kommunen.“ An dieser knapp 18 Jahre alten Feststellung hat sich nichts geändert. In der Gempt-Halle sitzen heute Vertreter von Unternehmen und Naturschutz im Podium.

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