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Situation von Arbeitsmigranten

Abzocke an der Tagesordnung

Lengerich

Das im Januar in Kraft getretene Arbeitsschutzkontrollgesetz in der Fleischindustrie reicht nicht aus, um Arbeitsmigranten vor Ausbeutung zu schützen. Das machte Pfarrer Peter Kossen bei einem Treffen im Gemeindezentrum St. Margareta mit 20 Teilnehmern deutlich. Immer noch würden viele Menschen mittels überteuerter Wohnungen abgezockt.

Von Michael Baar

Auch vor der Parteizentrale der CDU in Berlin war Pfarrer Peter Kossen in Sachen Arbeitsschutzkontrollgesetz im vergangenen Herbst öffentlichkeitswirksam aktiv. Foto: privat

Seit 1. Januar gilt das Arbeitsschutzkontrollgesetz in der Fleischindustrie. Damit soll der Ausbeutung von Arbeitsmigranten, vornehmlich aus Osteuropa, ein Riegel vorgeschoben werden. Wirkliche Verbesserungen seien dadurch nicht eingetreten, sagt Peter Kossen. „Das Gesetz greift nur bei Arbeitskräften, die in der Schlachtung und Zerlegung tätig sind“, erläutert der katholische Pfarrer bei einem Treffen im Gemeindezentrum St. Margareta.

Dort haben sich am rund 20 Frauen und Männer getroffen, die um die schwierige Lage der Arbeitsmigranten wissen und helfen wollen, diese zu verbessern. Einige von ihnen sind Mitglied im Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“, den Peter Kossen vor gut zwei Jahren initiiert hat. Es ist ein Erfahrungsaustausch, der eines deutlich macht: Die Situation der Arbeitsmigranten hat sich tatsächlich nicht wirklich verbessert.

„Abzocke über prekäre Wohnverhältnisse“

„Wo nicht mehr über Löhne abgezockt werden kann, wird das jetzt über prekäre Wohnverhältnisse getan“, gibt der Pfarrer seine Eindrücke wieder. Eine Einschätzung, die von den Anwesenden geteilt wird. „Wo früher immer nur einer der Enkel bei den Großeltern über Nacht bleiben durfte, wohnen heute 18 Menschen in den Haus“, erzählt eine Frau. Zumindest würden so viele Namen auf dem Briefkasten stehen. Und sie habe das Gefühl, dass die Bewohner dort permanent wechseln.

Der Forderung aus der Runde, das Ordnungsamt müsste öfter kontrollieren, stehen gesetzliche Hürden im Weg. Eine Wohnung darf, vereinfacht gesagt, von Fremden nur betreten werden, wenn Gefahr im Verzug ist. Wobei sich nicht nur Peter Kossen die Frage stellt, ob denn bei 18 oder 35 Personen in einem Haus noch von Wohnung gesprochen werden könne, oder ob das nicht unter den Begriff „Beherbergung“ falle. Dann wären Kontrollen einfacher durchzuführen.

Wie die Fleischarbeiter abkassiert werden

Ein zweiter Bereich, in dem offenbar Abzocke an der Tagesordnung ist, sind beispielsweise Anmeldungen von Kindern für den Besuch einer Tagesstätte oder Schule. „Da werden bis zu 400 oder 500 Euro gezahlt“, berichtet Marion Jansen, Leiterin der AWO-Kindervilla. Ihre Vermutung, die Eltern wüssten nicht, dass solche Dinge in Deutschland kostenlos sind, wird von mehreren Anwesenden bestätigt.

Zwei oder drei Männer würden mit dem Argument „Ich helfe Dir“ die Eltern abkassieren. Nicht auszuschließen sei, dass den Erziehungsberechtigten schon in Rumänien erzählt wird, in Deutschland sei das so und koste Geld. Erschwerend komme hinzu, dass Abzocke nicht immer justiziabel sei, sprich dagegen geklagt werden könne.

Erfahrungsberichte, auf die entsprechend reagiert werden soll durch die Vermittlung von Deutschkenntnissen. Einige der Anwesenden sind auf diesem Feld bereits tätig, weitere sollen dazustoßen. Der Verein werde versuchen, dafür eine Plattform zu schaffen, setzt Peter Kossen auf die Vernetzung dieser Personen. Interessenten können sich beispielsweise in den Kindertagesstätten melden.

Probleme auch in anderen Branchen

Einigkeit besteht an diesem Nachmittag darüber, dass es Probleme nicht nur in der Fleischindustrie gibt, sondern auch im Pflegesektor und in der Logistikbranche, die beispielhaft genannt werden. „Wir müssen die Schlagzahl gegenüber Unternehmen, aber auch Behörden erhöhen, um denen klar zu machen, dass es sich nicht um Menschen zweiter Klasse handelt“, betont der Pfarrer.

Pfarrer Peter Kossen

Schon zu Beginn hat er festgestellt, das es nicht ausreiche, Probleme nur sichtbar zu machen. „Je tiefer man sich reinkniet, desto ratloser kann man auch werden“, warnt er vor übertriebenen Hoffnungen. Erfolge ließen sich nur mit beharrlicher Arbeit erzielen.

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