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Lennard Kleine Niesse wandert aus

Als digitaler Nomade in der Welt

Lengerich

Ursprünglich wollte Lennard Kleine Niesse für sechs oder sieben Jahre die Welt erkunden, als er im vergangenen März Lengerich verließ. Inzwischen hat er 23 von 194 Ländern besucht und beschlossen, Deutschland für immer goodbye zu sagen.

Von Joke Brocker

Mit der PassportCard ist Lennard Kleine Niesse, der gerade auf Heimatbesuch bei seiner Familie war und auch in Zukunft mehrfach im Jahr zu Besuch nach Deutschland kommen wird, auf der ganzen Welt krankenversichert Foto: Joke Brocker

Als Lennard Kleine Niesse Anfang vergangenen Jahres seine Zelte in Deutschland abbrach, um in den nächsten sechs oder sieben Jahren mit 9,5 Kilo leichtem Gepäck die Welt zu bereisen, war von Auswandern nicht die Rede. Doch nachdem er mittlerweile 23 Länder besucht hat, steht für den „materialistischen Minimalisten“ fest, dass er seiner Heimat dauerhaft den Rücken kehren wird.

In den sozialen Medien wurde er, als er im März 2021 zu seiner Weltreise aufbrach, die ihn in alle 194 Länder der Erde führen sollte, als „verwöhntes Blag“, das sich auf Kosten seiner Eltern ein schönes Leben mache, gescholten. Auf Instagram habe es sogar Morddrohungen gegeben, erzählt er. Inzwischen habe sich die deutsche Befindlichkeit aber offenbar gewandelt. Seine Ankündigung, nunmehr auszuwandern, werde mit Kommentaren wie „Ich kann‘s verstehen, aus diesem Drecksland abzuhauen“ quittiert.

Er wisse es durchaus zu schätzen, in Deutschland, einem der sichersten Länder der Welt, aufgewachsen zu sein, stellt der 23-Jährige klar, der aus Kattenvenne stammt, am Lengericher Hannah-Arendt-Gymnasium sein Abi gemacht, danach bei B & K eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolviert und schließlich als Wirtschaftsfachwirt bei Windmöller & Hölscher gearbeitet hat. Doch schon als Kind sei er vom Reisen fasziniert gewesen, habe sich Dokus über fremde Länder angesehen und als 16-Jähriger mit Freunden in Spanien entdeckt, dass es da draußen mehr gibt als Österreich oder die Ostsee, die Reiseziele seiner Familie.

Lennard Kleine Niesse

Freudenschreie habe seine Ankündigung auszuwandern bei Familie und Freunden zwar nicht ausgelöst, wohl aber Akzeptanz. „Für meine Eltern war es nicht mehr so ein großer Step“, glaubt er. Sie hätten sich ja ohnehin schon darauf eingestellt, dass er sechs oder sieben Jahre unterwegs sein würde und im Übrigen „vor einigen Jahren gelernt, dass man mich einfach machen lassen muss.“

Die Sorge, dass ihr Sohn, wie viele der Abenteurer, die der Sender Vox in der Doku-Soap „Goodbye Deutschland“ begleitet, scheitern könnte, müssen die Kleine Niesses gewiss nicht haben. Lennard, dessen Tante Agnes von Helmolt sich übrigens regelmäßig mit Karawanen durch die Wüsten dieser Welt schlägt, weiß genau, was er will und ist kein bisschen blauäugig unterwegs.

Als digitaler Nomade, ausgestattet mit Laptop und Handy, könne er überall arbeiten, ist er überzeugt. Gerade hat er in Tallin, der Hauptstadt Estlands, eine eigene Firma gegründet. Er berät kleine Unternehmen in Sachen Machine Learning (intelligente Automatisierung) und bei dem Versuch, Papier einzusparen und digitaler zu arbeiten. Ein EU-Firmenstandort sei ihm wichtig gewesen, erzählt er. „Estland ist Deutschland mindestens 20 Jahre voraus, was die Digitalisierung betrifft“, begründet er seine Entscheidung für Estland, wo er nun als digitaler Staatsbürger gilt.

Lennard Kleine Nieße

„Die Steuererklärung dauert dort nur zwei Minuten“, schwärmt er. Das Steuermodell sei einfach und Unternehmen müssten dort keine Körperschaftssteuer zahlen.

Tatsächlich zahlen Unternehmen in dem baltischen Staat 20 Prozent Steuern, aber nur auf tatsächlich ausgeschüttete Gewinne. Privatpersonen zahlen 20 Prozent Steuern auf Einkommen, nicht auf Dividendeneinkünfte. Ausländische Gewinne müssen im Inland nicht besteuert werden. „Die Esten“, sagt Kleine Niesse, haben das fairste Steuermodell der Welt.“

Dass er aus der deutschen Rentenversicherung herausfalle, finde er nicht schlimm. Was die Rente für Menschen seiner Generation angehe, mache er sich keine Illusionen: „Ich sorge seit meinem 17. Lebensjahr privat vor.“ Wichtig dagegen sei ihm die Krankenversicherung gewesen. Er habe lange gesucht, bis er auf das Startup Passport Card gestoßen sei. Passport Card ist Teil einer internationalen Reise- und privaten Krankenversicherung. Die kleine rote Karte, über die er weltweit versichert sei, habe er schon einmal in Mexiko benötigt, als er sich wegen Salmonellen in einer Privatklinik behandeln lassen musste: „Ich habe nie eine bessere Klinik erlebt.“

Obwohl ihm Tallin gut gefalle, dauerhaft leben will Lennard Kleine Niesse dort nicht. Vor allem im Winter sei es ihm einfach zu kalt. Obwohl: „Gestern waren wir im „Fabula“. Das nasskalte Wetter kam mir kälter vor als minus 15 Grad in Estland.“ In Panama-City zu leben, könne er sich dagegen sehr gut vorstellen. „Ein zweites Dubai. Super amerikanisch, super modern, ein Dreh- und Angelpunkt, von dem aus man schnell in allen Teilen Amerikas ist und auch nach Europa fliegen kann“, schwärmt Lennard. Interessant sei auch der Westen der USA. Wapakoneta, Lengerichs Partnerstadt, reize ihn allerdings weniger: „Zu viele Trump-Anhänger und Verschwörungstheoretiker.“ Vielleicht, überlegt er, werde er sich ja in Australien niederlassen, das eine sehr junge Bevölkerung habe.

Nächste Station ist nun erst einmal für drei Tage die Ukraine. Natürlich nicht Donezk, sondern Kiew und Tschernobyl. Am 13. Februar fliegt Lennard Kleine Niesse mit seiner Freundin Marie nach Thailand. „Ich möchte künftig Slow Travel machen, langsamer und bewusster reisen, um mehr Kontakt zu den Einheimischen und einen Eindruck von deren Leben zu bekommen“, hat sich der 23-Jährige vorgenommen, mindestens 14 Tage in Phuket zu verbringen.

Lennard Kleine Niesse

Eigentlich wollte der vegan und vegetarisch lebende junge Mann ab diesem Jahr auch umweltfreundlicher reisen. Bei Flügen habe er zwar auf Flykompensation geachtet und kürzlich einen KLM-Flug mit Biokerosin gehabt, aber künftig wolle er möglichst auf das Fliegen verzichten und nur noch per Bus, Bahn oder Boot reisen. „Die Zugreise nach Thailand hätte zwei Wochen gedauert. Aber wegen Covid fahren die Züge zurzeit nur bis St. Petersburg“, bedauert er.

Zur Hochzeit seines Gastbruders in Wapakoneta im nächsten Oktober werde er aber auf jeden Fall von Hamburg aus mit einem Containerschiff reisen.

Apropos Container: In Wapakoneta war er über Container mit der Aufschrift „Niese“ gestolpert. Der Verdacht, dass deren Besitzer Calvin Niese deutsche Vorfahren haben könnte, bestätigte sich auf Nachfrage. Calvin Niese, der im amerikanischen Glandorf lebt, hat Vorfahren, die aus Glandorf im Landkreis Osnabrück stammen und mal Niesse hießen. Neben Anekdoten wie diesen möchte Lennard Kleine Niesse künftig in seinem Blog, auf Instagram und Youtube mit einem „behind the Scene“ verstärkt zeigen, „dass es gar nicht so schwer ist, auf Reisen Geld zu verdienen.“

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