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Vierter Ukraine-Hilfsgütertransport unter größten Sicherheitsvorkehrungen

Brisante Fracht und zwei Pannen

Lengerich

Mit handsignierten Boxhandschuhen haben sich die Gebrüder Klitschko bei den Fahrern der Hilfsgütertransporte aus Lengerich bedankt, als diese jetzt mit dem vierten Transport in Sokal eintrafen. Der Transport sei der bislang aufreibendste gewesen, berichtet Hermann Lütkeschümer.

Von Joke Brockerund

Soldaten sicherten den Transport auch auf dem Weg durch die Ukraine, so dass die Helfer Rettungs- und Krankentransporte direkt zu den Kliniken bringen konnten Foto: privat

„Das war der bislang aufreibendste Transport“, blickt Hermann Lütkeschümer auf den nunmehr vierten Ukraine-Hilfstransport der Lengericher Hilfsorganisationen „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ und „Stützpfeiler.org“ zurück. In einem riesigen Konvoi, bestehend aus zwei voll ausgestatteten Rettungswagen, drei Krankentransportwagen, einem Transit, gespendet von den Feuerwehren Münster, Delmenhorst, Wiesbaden, dem DRK Karlsruhe und dem VW-Werk Wolfsburg, sowie acht Leihfahrzeugen, ging es für Maik Menke und seine Mitstreiter am Samstag von Paderborn aus einmal mehr gen Westukraine.

Dass fünf ukrainische Soldaten, die qua Sondergenehmigung nach Paderborn hatten ausreisen dürfen, diesmal den humanitären Transport sicherten, hatte natürlich einen Grund. An Bord der Fahrzeuge befand sich brisante Fracht: Morphium, Valium, rezeptpflichtige Schlafmittel, zur Verfügung gestellt vom Uniklinikum Bonn und, wie Jutta Schulte, Vorsitzende von „Stützpfeiler.org“, betont, verplombt. Fahrzeuge und Medikamente waren bestimmt für Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen in Irpin, Butcha, Kharkiv, Sokal und Kiew.

Die Ab- und Umladearbeiten in Sokal, etwa 70 Kilometer hinter der polnisch-ukrainischen Grenze, sowie den Transport zwischen dem Versorgungspunkt und den Zielen innerhalb der Ukraine sicherten 50 ukrainische Soldaten, darunter auch Kriegsverletzte.

Wenige Stunden, bevor der Konvoi in Paderborn starten sollte, hatte es in Lengerich übrigens eine Panne gegeben, die Hermann Lütkeschümer Blut und Wasser schwitzen ließ: „Wir hatten den Transit beladen und schon auf der Waage gehabt, da platzte die Kupplung.“ In höchster Not half das Autohaus Weeke und reparierte den Schaden, so dass Claudia und Hermann Lütkeschümer den Wagen höchstpersönlich nach Paderborn fahren konnten.

Ein massives Problem mit einem der Leihfahrzeuge, das die ehrenamtlichen Helfer wieder in die Heimat bringen sollte, gab es schließlich ausgerechnet in der Ukraine. „Im Motorraum des Wagens hat es gebrannt“, berichtet Jutta Schulte, die, genau wie Claudia Lütkeschümer, mit den Fahrern in ständigem Austausch stand. „Das Auto steht jetzt in Sokal in der Werkstatt und wird repariert.“

Doch es gab auch eine schöne Überraschung für die Fahrer. Oksana Yurynets, die rechte Hand des Kiewer Bürgermeisters Vitali Klitschko, war nach Sokal gekommen und überreichte Maik Menke ein paar Boxhandschuhe, die Vitali und Wladimir Klitschko signiert hatten, um den Helfern zu danken. „Die Boxhandschuhe bleiben bei Maik Menke“, verrät Jutta Schulte. Der Paderborner, der jeden der Transporte begleitet und sich immer weit ins Landesinnere vorwagt, hatte die Organisatoren des Hilfstransports stets auf dem Laufenden gehalten und berichtet, was er unterwegs sah: Patrouillen, die die Straßen sicherten, Scharfschützen, die sich hinter Gräben und Mauern verschanzten.

Nachdem das Gros der Fahrer in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch wohlbehalten in die Heimat zurückgekehrt war, machte die Nachricht die Runde, dass eine Rakete im ukrainischen Gebiet Chervonohradskyi, das an Polen grenzt, eingeschlagen war. Wasil Senkiw, ein in Bielefeld lebender Ukrainer mit deutschem Pass, der mehrere Sprachen spricht und den Konvoi auf dem Weg in die Ukraine begleitet hatte, zeigte sich erschüttert: „Vor nicht einmal 36 Stunden, sind wir durch genau dieses Gebiet gefahren.“

„Die Lage spitzt sich dramatisch zu“, berichtet Hermann Lütkeschümer und erzählt, dass die Hilfsorganisationen schon wieder 1000 Dosen Lebensmittel, 400 Rollen Toilettenpapier, Brot, Verbandsmaterial, Desinfektionsmittel, Duschgel und Hygieneartikel für Frauen, Hilfsgüter im Wert von 4000 Euro, zusammengetragen haben. Bestimmt für den Bruder eines jener ukrainischen Soldaten, die den vierten Konvoi begleitet hatten. „Er ist Befehlshaber einer Kompanie vor Odessa“, weiß Lütkeschümer. Die Soldaten und Soldatinnen an der Front hätten nichts.

Einen weiteren Hilfsgütertransport planen „Stützpfeilerorg.“ und „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ in etwa acht Wochen. Dann sollen unter anderem Feldbetten, Schlafsäcke, warme Decken und Medikamente auf die mehr als 1300 Kilometer lange Reise geschickt werden.

Nach inzwischen fünfmonatigem Engagement für die Menschen in der Ukraine hat Hermann Lütkeschümer, selbstständiger Kaufmann, einen vorläufigen Kassensturz gemacht. Für Leihfahrzeuge, mit denen die Helfer nach erfolgreicher Mission nach Deutschland zurückkehren, seien bislang etwa 17 000 Euro ausgegeben worden. Für die Unterbringung und Verpflegung der Fahrer 10 000 Euro, für Benzin – allein ein RTW schluckt auf 100 Kilometern rund 20 Liter – mindestens 25 000 Euro. „Im Durchschnitt kostet der Liter Sprit 2,23 Euro“, weiß Jutta Schulte, „da ist das Tanken in Deutschland noch geradezu günstig.“

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