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Trauer-Gesprächsrunde für Flüchtlinge und Asylbewerber aus Afghanistan

Die Hoffnung geht verloren

Lengerich

Es ist ein neues und sicher auch eher ungewöhnliches Angebot, das Barbara Markaj und Katharine-Marie Schmidt vom Verein Lernen fördern machen. Sie laden Flüchtlinge und Asylbewerber aus Afghanistan ein, über ihre Trauer zu sprechen. Trauer über den Tod von Familienangehörigen und Freunden, aber beispielsweise auch Trauer über den Verlust von Heimat und Perspektivlosigkeit.

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Kinder leiden besonders unter der katastrophalen Versorgungslage in Afghanistan. Foto: Felipe Dana/AP/dpa

Der Tod von Angehörigen und Freunden, die Trennung von der Familie und die Sorge um Eltern und Geschwister, der Verlust der Heimat, fehlende Perspektiven für das eigene Leben, traumatische Erfahrungen, die während der Flucht gemacht wurden – Barbara Markaj führt einiges an, als sie erklärt, worüber am kommenden Samstag gesprochen werden könnte. Die Sozialpädagogin vom Verein Lernen fördern lädt dann zusammen mit ihrer Kollegin Katharine-Marie Schmidt erstmals Afghanen ein, über ihre Gefühle und ihre Trauer in einer Gruppe zu sprechen.

Seit 2015 arbeitet sie mit Flüchtlingen und Asylbewerbern aus dem Land am Hindukusch. Nachdem die radikalislamischen Taliban Mitte August die Macht in dem Staat übernommen haben, wuchs bei Barbara Markaj die Idee zu dem neuen Angebot. Denn, so begründet sie die Initiative, die Entwicklung habe auch Spuren bei den Afghanen hinterlassen, die in Lengerich und den benachbarten Kommunen leben.

Einige von denen, die sie und Katharine-Marie Schmidt erwarten, sind bereits seit fünf, sechs Jahren hier, andere kamen erst vor etwa einem Jahr. Entsprechend unterschiedlich ist die jeweilige Situation. Manche, erzählt die Lernen-fördern-Mitarbeiterin, seien bereits berufstätig, andere hätten noch ihre Probleme mit dem Erlernen der Sprache. Und auch die Tatsache, dass Afghanistan ein Vielvölkerstaat ist, spiegele sich vor Ort wider. Doch, das betont Barbara Markaj, das Gefühl der Ohnmacht angesichts der Entwicklungen in dem seit Jahrzehnten von Krieg und Gewalt geprägten Land verbinde die Menschen.

Ob es ihnen nicht schwer falle, Trauer und Ängste in Worte zu fassen und in einer Gruppe darüber zu reden? Die Initiatorin sagt, das glaube sie nicht. „Es ist sehr gängig, über seine Gefühle zu reden.“ Durch ihre Arbeit hat sie im Lauf der Zeit tiefere Einblicke in die afghanische Kultur bekommen und erzählt, wie wichtig beispielsweise Musik und Essen seien und wie herzlich und gastfreundschaftlich man sei. Die Flüchtlinge und Asylbewerber betonen ihren Worten zufolge, dass mit dem Erfolg der Taliban nicht nur die Freiheit verloren gegangen sei, sondern auch die unterschiedlichen Kulturen unterdrückt würden. Der Glaube, dass sich an der Situation etwas ändern könnte, sei so gut wie nicht vorhanden.

Umso wichtiger sei es, den Betroffenen in Deutschland eine Perspektive zu geben. Entsprechend appelliert Barbara Markaj, weg vom System der immer wieder neu ausgesprochenen Duldungen zu kommen. Das sei etwas, was den Menschen, die es ohnehin schwer genug hätten, noch mehr die Zuversicht nehme. Und es fehle bislang an ausreichend Angeboten, das Erlebte zu verarbeiten, etwa durch die Hilfe von Trauma- und Verhaltenstherapeuten.

Die Sozialpädagogin erklärt, dass unter den Afghanen viele junge Männer seien. Und das aus einem einfachen Grund: Die Familien, die sie losschickten, hätten bei ihnen die größte Hoffnung, dass sie die lange und oft gefährliche Flucht nach Europa schaffen. Aber, ergänzt Barbara Markaj, am Samstag kämen vielleicht auch zwei Familien zu dem Treffen.

Wie es in der Einladung heißt, soll die „Möglichkeit zum Schweigen, zum Reden, zum Weinen, aber auch zum Lachen“ gegeben und „Trost und Kraft“ gespendet werden. Ob es danach weitergeht, bleibt abzuwarten. „Schritt für Schritt“ sollen die Menschen aus Afghanistan machen. Barbara Markaj und Katharine-Marie Schmidt wollen dabei an ihrer Seite sein. Mit größeren Verständigungsproblemen rechnen sie nicht, mit einem Mix aus Deutsch, Englisch und Persisch – Markaj spricht das ein wenig – werde es schon gehen.

Das Treffen findet am Samstag, 16. Oktober, ab 14 Uhr im Haus des Vereins Lernen fördern statt, Bahnhofstraße 108. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

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