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Familie aus Georgien fürchtet die Rückkehr in die Heimat

Drohungen, Schläge, Schüsse

Lengerich

Die Asylanträge einer Familie aus Georgien, die in Lengerich lebt, sind bereits Ende 2020 endgültig abgelehnt worden. Der Kreis gibt ihr nun Zeit bis Anfang April, freiwillig auszureisen. Doch der Ehemann und Vater sagt, eine Rückkehr käme einem „Todesurteil“ für ihn gleich. Denn in dem Kaukasus-Staat trachteten ihm Kriminelle nach dem Leben. Noch gibt es offenbar eine Hoffnung.

Paul Meyer zu Brickwedde

Mikheil Geladze* will unerkannt bleiben. Der 39-Jährige sagt, er fürchte, dass die Kriminellen selbst in Deutschland aktiv werden könnten, sollten sie ihn ausfindig machen. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Vor genau 22 Jahren, am 19. März 1999, starb der Vater von Mikheil Geladze*. Die mit dem Tod verbundenen folgenden Ereignisse haben dazu geführt, dass der Georgier mit seiner Frau und den vier Kindern derzeit ein Leben voller Angst und Sorge in Lengerich führt. Am 2. März haben sie Post von der Ausländerbehörde des Kreises bekommen. Die Asylanträge der Eltern waren im November vergangenen Jahres abgelehnt worden. Nun wird der Familie bis zum 2. April Zeit gegeben, Deutschland freiwillig zu verlassen. Sollte das nicht passieren, „wird die Abschiebung eingeleitet“, heißt es in dem Schreiben aus Steinfurt. Mikheil Geladze sagt dazu mit ruhiger, leiser Stimme ein paar Worte zum anwesenden Dolmetscher. Der übersetzt: „Die Rückkehr in die Heimat wäre wie ein Todesurteil.“

Das, was Mikheil Geladze erzählt, hört sich an wie ein lange währender Krimi, sei aber, wie er immer wieder versichert, alles wahr.

Zuhause war er einst in einer Kleinstadt im Kaukasus, nicht weit entfernt von der russischen Grenze. Sein Vater sei dort Polizist gewesen und habe 1998 mehrere Personen ins Gefängnis gebracht, die einem mafiaartigen Milieu angehörten. Der 39-Jährige ist überzeugt, dass diese Geschehnisse zum einen mit dem Tod seines Vaters zusammenhängen und zum anderen dazu führten, dass er und seine Familie in der Folge zum Ziel von Drohungen und Angriffen wurden.

In einem Brief seines Anwalts, der während des Asylverfahrens an das Verwaltungsgericht Münster ging, ist zu lesen, dass Mikheil Geladze am 20. April 1999 von mehreren Personen überfallen und zusammengeschlagen worden ist. Der Georgier wertet das als Racheaktion für die Festnahmen, die sein Vater vorgenommen hatte. Wenige Woche später, am 18. Mai 1999, so schildert es sein Rechtsbeistand weiter, wurde auf den 39-Jährigen sogar geschossen. Eine Kugel traf sein linkes Bein, in dem sie heute noch steckt. Mikheil Geladze zeigt die dazugehörigen Röntgenbilder und berichtet, die Ärzte hätten damals gesagt, dass es sehr gefährlich wäre, das Geschoss zu entfernen.

2012 beginnt eine neue Phase: Im Oktober seien damals die Männer, die sein Vater dingfest gemacht hatte, nach einem Regierungswechsel und einer Amnestie aus der Haft entlassen worden. Bald darauf hätten seine Frau und er bemerkt, dass Fremde ihr Haus überwachten, rekapituliert Mikheil Geladze die weiteren Ereignisse. Im folgenden Frühjahr sei schließlich der Entschluss gefasst worden, Haus und Heimat zu verlassen. Eine Entscheidung, die getroffen worden sei, nachdem ihn am Grab seines Vaters Fremde angesprochen und bedroht hätten. „Ich musste vom Friedhof fliehen.“

Zunächst ging die Familie in die Hauptstadt Tiflis. Eine Zeit lang habe dort wie erhofft Ruhe geherrscht. Doch im Herbst 2016 habe sich ein ehemaliger Kollege seines Vaters gemeldet und gewarnt, dass die Geladzes gefährdet seien. Nun habe nur noch die Möglichkeit bestanden, dass Land zu verlassen. Einen Tag vor der Ausreise hätten schließlich noch Uniformierte ohne ersichtlichen Grund ihr Auto angehalten, führt Mikheil Geladze weiter aus. Dabei sei ihm ein Kamerachip abgenommen worden, auf dem Bilder von jenen Leuten zu sehen gewesen sei, die ihr Haus observiert hätten.

Der 39-Jährige erklärt, dass natürlich nicht alle Polizisten in Georgien korrupt seien und Verbindungen ins kriminelle Milieu hätten – „mein Vater war ja auch einer“. Aber es gebe solche Beamten. Das sei neben der Angst vor den eigentlichen Kriminellen ein weiterer Grund, warum die Familie große Furcht vor einer Rückkehr nach Georgien habe.

Es sind aber keine Gründe, die im deutschen Asylrecht angeführt werden. Im Gesetz wird als Voraussetzung für eine Anerkennung die Verfolgung wegen der Rasse, Religion, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe genannt. Die Aussicht auf Asyl dürfte somit von vornherein kaum gegeben gewesen sein. Zudem ist Georgien vor gut zwei Jahren zu einem „sicheren Herkunftsland“ erklärt worden. Eine solche Einstufung soll schnellere Asylverfahren und Abschiebungen ermöglichen.

Andreas Kuhn kennt den Fall der Familie Geladze. Miheil Geladze ist ein Parteifreund des Vorsitzenden der SPD-Ratsfraktion. Der Georgier sagt, er finde das Programm der Sozialdemokraten gut, vor allem in Sachen Wirtschaft. Deshalb sei er in den Ortsverein eingetreten. Kuhn hält die Schilderungen Miheil Geladzes für „absolut glaubwürdig“. Es sei ja auch in Deutschland durchaus bekannt, dass es in dem Kaukasus-Staat derartige kriminelle Strukturen gebe.

Kuhn ist Rechtsanwalt und verweist auf Paragraf 60 des Aufenthaltsgesetzes. Dort wird erläutert, unter welchen Umständen ein Abschiebung auszusetzen ist. Krankheit ist ein Grund, soweit die belegt ist.

In einem Schreiben vom 8. März von der LWL-Klinik ist zu lesen, dass bei wird Miheil Geladze eine schere depressive Episode und eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert worden sei. „Die schwere Erkrankung ist zurückzuführen auf die traumatischen Erlebnisse in seinem Heimatland Georgien, wo er von politischen und kriminellen Strukturen verfolgt wurde, dort auch misshandelt und angeschossen wurde.“ Attestiert wird dem 39-Jährigen auch, dass die Symptomatik in den vergangenen Wochen nochmals zugenommen habe. An Medikamente bekommt er laut LWL-Klinik unter anderem Antidepressiva und angstlösende Beruhigungsmittel. Zum Schluss wird festgestellt: „Aufgrund der Schwere der Erkrankung ist Herr Geladze weiterhin behandlungsbedürftig. Bei angekündigter Abschiebung droht derzeit eine akute Verschlimmerung seiner Erkrankung, auch Suizidalität ist nicht auszuschließen.“

Seitens des Kreises heißt es auf Anfrage der WN, dass man sich zum konkreten Fall nicht äußern dürfe. Grundsätzlich sei es aber so, dass, wenn ein Krankheitsbefund vorliege, das natürlich überprüft werde. Sollten die in Paragraf 60 festgelegten Voraussetzungen erfüllt sein, werde die Abschiebung zunächst nicht realisiert.

Miheil Geladze offenbart sein Innenleben mit den Worten „Ich kann nicht mehr“. Die Situation belaste ihn inzwischen derart, dass es ihm einfach nur noch schlecht gehe und er so gut wie nicht mehr schlafe.

Es scheint gleichwohl so, als ob Anlass zur Hoffnung besteht, dass er zumindest vorerst mit seiner Familie in Deutschland bleiben darf,

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

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