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Das Thema Baugebiete in der Lokalpolitik

Expansion über den Südring?

Lengerich

In Lengerich gibt es Bedarf an zusätzlichem Wohnraum, daran lassen Politik und Verwaltung keinen Zweifel aufkommen. Doch wie der Bedarf in Zukunft gedeckt werden kann, ist noch nicht abzusehen. Die SPD spricht sich dafür aus, auch südlich des Südrings weitere Wohnbebauung zuzulassen.

Paul Meyer zu Brickwedde

Der Südring ist beim Thema Wohnen bislang eine Grenze. Geht es nach der SPD, könnte davon in Zukunft abgewichen werden. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Wenn die Frage gestellt wird, ob in Lengerich Bedarf an zusätzlichem Wohnraum besteht, ist die Antwort immer dieselbe, spricht man mit Verantwortlichen aus Verwaltung und Politik oder Immobilienexperten: Ja, es gibt Bedarf. Und das in einem erheblichen Maß. Doch wie kann es gelingen, diesen Bedarf zu decken? Und vor allem wo? Offenbar hört die Einigkeit bei den im Rat vertretenen Parteien derzeit bereits auf, sobald es konkret wird. Wie angesichts dieser Konstellation in der gerade begonnenen Legislaturperiode wichtige Weichen gestellt werden können, scheint unklar.

Nicht zuletzt der Südring dürfte eine wichtige Rolle spielen. Soll auch südlich der Verkehrsachse neue Wohnbebauung ermöglicht werden oder nicht? Die SPD ist dafür, diesen Schritt zu gehen. Fraktionschef Andreas Kuhn sagt, innerhalb der bislang geltenden Grenzen zwischen Teuto und Südring könne die Nachfrage nicht gedeckt werden. Zwar gebe es auf dem Papier einige Flächen, die für Neubaugebiete geeignet wären. Aber in den meisten Fällen sei nicht absehbar, dass die Eigentümer mitspielen. Kuhn räumt zwar ein, dass der Flächennutzungsplan als wichtiges Planungsinstrument momentan die Entwicklung von Wohngebieten südlich des Südrings nicht zulässt. „Aber das ist ja nicht in Stein gemeißelt.“

Anders die Grünen. Kuhns Pendant Anne Engelhardt warnt vor dem Flächenverbrauch, den ein expansiver Schritt nach sich ziehen würde. Und sie betont, dass es nach Ansicht der Grünen möglich ist, den Wohnraumbedarf innerhalb der Stadt zu decken. Als Beleg verweist sie auf Baulücken und viele Häuser, die nur von einer – meist älteren – Person bewohnt würden. Sie fordert über neue, alternative Formen des Wohnens nachzudenken. Gehe es um Wachstum, spiele „nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität“ eine Rolle.

Zwischen diesen beiden weit auseinander klaffenden Positionen bewegen sich CDU und FDP. Deren Fraktionsvorsitzende Hartmut Grünagel und Jens Kröger sagen fast synchron, dass zunächst einmal versucht werden solle, in den bestehenden Grenzen das Bauen zu forcieren. Angeführt werden beispielhaft das städtische Programm „Jung kauft Alt“ und eine gemeinsame Initiative der beiden Fraktionen, die vorsieht, in einem Teil der Bahnhofstraße in der Innenstadt die Umwandlung von Gewerbeflächen in Wohnraum zu vereinfachen.

Übereinstimmung besteht bei allen Parteien indes wieder in der Analyse, dass Lengerich das Potenzial zum Wachsen hat. Kröger verweist auf Osnabrück und Münster, wo sich nicht mehr jeder das Bauen und Wohnen leisten könne. Davon könne Lengerich profitieren. Kuhn blickt auf andere Kommunen in der Nachbarschaft, die wesentlich mehr Baugebiete auswiesen als Lengerich und die Bauplätze dann auch ohne Probleme vermarkten könnten. Zudem führt er den angespannten Mietmarkt an. Gemeinsam haben SPD, CDU, Grüne und FDP auch, dass sie in ihren Programmen für den Kommunalwahlkampf das Thema Wohnen und Bauen als wichtig für die Stadt erachtet und entsprechendes Handeln angekündigt haben.

Momentan ist davon noch wenig zu spüren. Kenner sagen, Angebot und Nachfrage ließen die Preise derzeit ziemlich stark steigen. Als Beleg für diese Aussage wird das neue Wohngebiet an der Straße Wüstenei angeführt, wo ein Niveau erreicht werde, das für Lengerich bemerkenswert sei.

An anderer Stelle wiederum herrscht anscheinend Stillstand. Bereits 2015 hatte die Lengericher Grundstücks- und Erschließungsgesellschaft (LGE), ein Tochterunternehmen der Stadt, 1,6 Hektar im Bereich Ackerstraße/Kleefeldstraße erworben, die für ein neues Wohngebiet genutzt werden sollten. Vor einem Jahr dann stand im Hauptausschuss ein Bebauungsplan für das Areal zur Abstimmung. Doch die Entscheidung wurde vertagt. Anwohner hatten zuvor dagegen protestiert, dass alte Eichen durch das Vorhaben bedroht sein könnten. Im Ausschuss war gesagt, worden, dass über das Thema in diesem Jahr wieder beraten werden sollte. Zumindest öffentlich ist das nicht passiert.

Widersprüchlich sind indes nicht nur die Positionen der Ratsparteien. Im November 2017 hatte Bürgermeister Wilhelm Möhrke bei der Vorstellung des gesamtstädtischen Leitbildes sowie des Innenstadtkonzeptes (Isek) von einer anvisierten Einwohnerzahl Lengerichs von 25 000 gesprochen, Stand 30. Juni 2020 waren es nach Angaben der Stadt 23 099. Der Bürgermeister setzt somit wie die Parteien auf Wachstum. Allerdings heißt es im von ihm präsentierten Konzept zu dem Thema: „In Anbetracht des demografischen Wandels wird die Bevölkerung Lengerichs ,weniger, älter und bunter‘.“ Ein „prognostizierter Bevölkerungsrückgang“ und ein „negatives natürliches Bevölkerungssaldo“ werden an anderer Stelle als „Risiken“ genannt.

Da stellt sich womöglich die Frage, ob das Konzept mit seinen Aussagen und Annahmen geeignet ist, zum Komplex „Bevölkerung, Demografie und Wohnen“ Entscheidungshilfen für die kommenden Jahre zu liefern. Die erste von insgesamt 23 Leitlinien heißt: „Innenentwicklung vor Außenentwicklung: Konzentration der Siedlungsentwicklung im Siedlungsband, Arrondierung im südwestlichen Stadtgebiet und keine Siedlungsentwicklung im Außenbereich.“ Zumindest die SPD stellt das in Frage.

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