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Schuldnerberatung mehr gefragt

Finanzielle Lage vieler verschärft sich

Lienen/Lengerich/Tecklenburg

Das Szenario, das Kathrin Rietbrock beschreibt, ist düster. Die Zahl der Beratungen, sagt die Schuldnerberaterin des Kreises, habe zuletzt bereits erheblich zugenommen. Und 2023 werde es weiter nach oben gehen, ist sie überzeugt.

Von Paul Meyer zu Brickweddeund

Die Anzahl der Beratungen habe zuletzt „erheblich zugenommen“, sagt Kathrin Rietbrock, Schuldnerberaterin des Kreises (rundes Foto). Und sie rechnet damit, dass sich der Trend fortsetzt. Foto: Colourbox

Das Szenario, das Kathrin Rietbrock beschreibt, ist düster. Die Zahl der Beratungen, sagt die Schuldnerberaterin des Kreises, habe zuletzt bereits erheblich zugenommen. Und 2023 werde es weiter nach oben gehen, ist sie überzeugt. Das besonders Prekäre: Die stark steigenden Preise für Energie, Lebensmittel und andere Dinge führen ihrer Einschätzung nach dazu, dass einige Haushalte einfach nicht über die Runden kommen können – selbst wenn alle Einsparpotenziale voll ausgeschöpft und alle zur Verfügung stehenden staatlichen Leistungen wie etwa das Wohngeld genutzt würden.

Die 45-Jährige ist seit 2014 für den Kreis tätig und betreut unter anderem Menschen in Lengerich, Lienen und Tecklenburg. Sie schätzt, dass bis Ende 2022 rund 500 Kurz-, Schulder- und Insolvenzberatungen geleistet werden. Ein klares Indiz, dass sich für manche Bürger die finanzielle Lage verschärft, sei auch die Zahl der Bescheinigungen für Pfändungsschutzkonten.

93-mal seien die 2021 ausgestellt worden, im zu Ende gehenden Jahr kommen über 130 Bescheinigungen zusammen. Das Pfändungsschutzkonto ist ein Girokonto, bei dem ein besonderer Pfändungsschutz für das dort verwahrte Geld besteht. Der von einer Pfändung betroffene Kunde kann mit dem Konto somit weiter über bestimmte Beträge etwa für Miete und Strom verfügen. Es gilt ein monatlicher Freibetrag von mindestens 1340 Euro. Wer mit einem solchen Anliegen bei der Schuldnerberatung auftauche, werde manchmal auch ein Fall für die eigentliche Beratung, stellt Rietbrock fest.

Momentan ist ihren Worten zufolge auch auffällig, dass sich vergleichsweise viele Menschen bereits prophylaktisch melden. Noch kommen diese Personen also mit dem zur Verfügung stehenden Geld klar. Doch sie haben beispielsweise Sorge, dass sie demnächst einen Kredit nicht mehr abbezahlen können, wenn Nachzahlungen für Strom und Gas kommen oder die Abschläge erhöht werden.

Mehrheitlich seien es Menschen mit geringem Einkommen, die Rat suchen, berichtet die Finanzexpertin weiter. „Das können Rentner sein, Alleinerziehende, Familien mit mehreren Kindern.“ Nicht selten spielten auch Faktoren wie Unfälle oder Erkrankungen eine Rolle, wenn es um die Gründe für die schwierige Finanzlage eines Haushaltes gehe.

Die Erfahrungen der Schuldnerberaterin zeigen, dass viele, die knapp bei Kasse sind, dennoch erst einmal versuchen, ihren laufenden Zahlungsverpflichtungen etwa für Ratenzahlungen oder Kredite nachzukommen. Dabei, so Rietbrock, stünden eigentlich erst einmal die Wohnraumsicherung, Energie und Lebensmittel oben an. „Wir können nicht mehr Geld beschaffen“, so die Beraterin, aber diese Grundregeln würden während der Gespräche vermittelt und daraus dann Rückschlüsse gezogen.

Das können Gespräche mit den Gläubigern sein, aber auch das Aufstellen eines Haushaltsplans mit allen Ausgaben und Einnahmen sei oft hilfreich. Bei denen, die trotz aller Sparsamkeit ins Minus rutschen, entstehe so vielleicht die Einsicht, dass eine Privatinsolvenz als Perspektive infrage kommt. Bei denen, die ein falsches Konsumverhalten an den Tag legen und etwa durchs zu ungezügelte Online-Shopping über ihre Verhältnisse leben, „öffnet es möglicherweise die Augen“.

Zur Seite stehen den Ratsuchenden gegebenenfalls auch Ehrenamtliche. Es gebe einen Kreis von etwa 20 Helfern, die bei Bedarf in die Haushalte gehen und schauen, wo dort Sparpotenziale schlummern, oder die Klienten zu Gesprächen bei Banken begleiten, erzählt Kathrin Rietbrock.

Kommt das Gespräch auf die Option Privatinsolvenz, wird klar, dass das für Betroffene kein einfacher Weg ist. Aber, das versichert die 45-Jährige, es könne Existenzängste nehmen, die immer wiederkehrende Sorge, Raten nicht zahlen zu können, Pfändungsandrohungen zu bekommen und ähnliches. Drei Jahre dauert das gesamte Verfahren. Unter anderem müssen Einkommen und Vermögen offengelegt werden. Wer Schmuck, ein wertvolles Auto oder hochwertige technische Geräte hat, muss sich davon in der Regel trennen. Kathrin Rietbrock sagt, dass „sehr individuell“ geschaut werde, was verwertbar ist, um Gläubiger zu bedienen. Doch nach Ablauf der Frist stünden die Menschen ohne Schulden da und das könne sehr befreiend sein.

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