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Ehrenamtliche Ukraine-Helfer: Engagement aus Nächstenliebe

„Ich habe Demut erfahren“

Lengerich

Der Krieg in der Ukraine bewegt und beschäftigt seit Monaten auch die Menschen in Deutschland. Viele engagieren sich für Flüchtlinge oder helfen, Hilfsgüter in das gebeutelte Land zu bringen. Claudia und Hermann Lütkeschümer, Jutta Schulte, Jürgen Fetkenhauer und Ulrich Schlüter gehören dazu.

Tauschten sich jetzt bei Kaffee und Kuchen über den jüngsten Hilfsgütertransport in die Ukraine aus (v. l.) Claudia und Hermann Lütkeschümer (Aktion Würde und Gerechtigkeit), Jutta Schulte (Aktion Stützpfeiler.org) sowie die Fahrer Jürgen Fetkenhauer und Ulrich Schlüter. Foto: Joke Brocker

„Das war ein Höllenritt“, fällt Ulrich Schlüter gleich mit der Tür ins Haus, pardon in den Garten der Familie Schulte in Ringel. Der Fleischermeister, Theologe und Sozialpädagoge hat nur eine Mütze voll Schlaf bekommen, seit er in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch aus der Ukraine zurückgekehrt ist.

Auch unterwegs hat er wenig geschlafen. Nachts, erzählt er, habe er oft wach gelegen, ergriffen von den Eindrücken des Tages. „Die Folgen des Krieges sind überall sichtbar“, berichtet der Leiter des Don-Bosco-Hofes in Lienen, einer stationären Jugendhilfe-Einrichtung, der mittlerweile zwei Konvois der Lengericher Hilfsorganisationen „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ und „Stützpfeilerorg“ in die Ukraine begleitet hat. Panzersperren, Barrikaden aus Sandsäcken hat er gesehen, Frauen, die in Tarnkleidung auf dem Fahrrad nach Hause fahren, aber auch Soldaten in Militärfahrzeugen, die den Helfern aus Deutschland zuwinkten.

Nachhaltig beeindruckt hat Schlüter eine alte Frau, die in Polen an ihrem Gartenzaun mit beiden Armen aufgeregt winkte, als der Konvoi aus Deutschland vorüberfuhr; und damit unmissverständlich ausdrückte, was sie von der Hilfsaktion für die ukrainischen Nachbarn hält.

Schon während der Fahrt und während der vier- bis fünfstündigen Wartezeit an der polnisch-ukrainischen Grenze habe er immer wieder überlegt, wie viele Menschenleben der Rettungswagen, den er im Namen der Hilfsorganisationen „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ und „Stützpfeiler.org“ nach Sokal brachte, wohl retten wird? Für Schlüter ist es keine Frage, dass er auch ein drittes Mal mitfahren würde, um den Menschen in der Ukraine zu helfen.

Auch Jürgen Fetkenhauer, der erst seit wenigen Wochen zum Team auf dem Don-Bosco-Hof gehört, war mit in der Ukraine. Für ihn war es die erste Fahrt ins Kriegsgebiet. „Ich bin froh und beseelt, etwas tun zu können“, sagt der gelernte Polsterer, der sein Geld auch schon als Kraftfahrer verdient hat und 25 Jahre lang bei der Freiwilligen Feuerwehr aktiv war. Wie ein Zeitsprung in die 1930er-Jahre sei ihm die Tour vorgekommen, erzählt er und findet, dass das Land, obwohl es „ärmlich“ wirke, doch seinen ganz eigenen Charme habe.

Wie Schlüter berichtet er von dem ergreifenden Moment, in dem sie die Fahrzeuge dem Krankenhauspersonal übergaben und von der großen Herzlichkeit und Dankbarkeit der Menschen in der Ukraine. Auch die Soldaten, so sein Eindruck, hätten die Hilfsgüter „bitter nötig“.

Wer so einen Transport begleite, müsse bereit sein, an Grenzen zu gehen, sind sich die Fahrer mit Claudia und Hermann Lütkeschümer (Aktion Würde und Gerechtigkeit) und Jutta Schulte (Stützpfeiler.org), die sich um die Organisation hinter den Kulissen kümmern, einig. „Es ist kein Urlaub“, sagt Fetkenhauer, der gerne bereit ist, Opfer zu bringen. „Wenn ich sehe, dass ich eine Bude habe, die safe und warm ist und dass ich ins Krankenhaus kann, wenn ich krank bin – da kann ich schon mal etwas von meiner Zeit investieren.“

Dankbar sind die Fahrer den Organisatoren hinter den Kulissen. Jutta Schulte, die in den vergangenen fünf Monaten rund 1000 Arbeitsstunden für die Ukraine-Hilfsgütertransporte investiert hat und sich überdies seit über einem Jahr für die Menschen im Ahrtal einsetzt. Claudia Lütkeschümer, die ebenfalls mindestens vier Stunden täglich in Sachen Ukraine unterwegs ist und dafür sorgt, dass die Fahrer in den polnischen Hotels selbst zu nachtschlafender Zeit noch beköstigt werden. Sie ist voll des Lobes für ihre Gesprächspartner in den polnischen Hotels, die versichert hätten, dass es ganz egal sei, wann die Fahrer einträfen, selbst wenn es mitten in der Nacht sei: „Sie haben gesagt, wir sind doch da.“ Hermann Lütkeschümer, der sich mit den manchmal etwas behäbigen Behörden herumschlägt, etwa um die gespendeten Krankenwagen anzumelden, und sich unter anderem auch um die „Care-Pakete“ für die Fahrer kümmert.

Dass Jutta Schulte und die Lütkeschümers, die sich ehrenamtlich auch intensiv um die Unterstützung ukrainischer Familien in Lengerich kümmern, für die Fahrer der Transporte immer erreichbar sind, gibt diesen offenbar ein gutes Gefühl.

Warum sie sich derart engagieren, ohne auch nur einen Cent dafür zu erhalten? Hermann Lütkeschümer muss nicht überlegen: „Weil wir Christen sind. Wir wollen helfen, das ist der Leitgedanke.“ Seine Frau setzt hinzu: „Gemeinsam geht mehr.“

Und Jürgen Fetkenhauer, der sich auf der Reise in die Ukraine vor allem von Helfer Wasil Senkiw „getragen“ fühlte, einem in Bielefeld lebenden Ukrainer mit deutschem Pass, der für die Fahrer übersetzte, erklärt: „Ich habe Demut erfahren. Und das ist doch das, was Menschen zu Menschen macht.“

Wer die Hilfsorganisationen unterstützen möchte, kann auf folgende Konten spenden: „Aktion Würde und Gerechtigkeit“, IBAN DE84 4015 4476 0001 1578 17; „Stützpfeiler.org“, IBAN DE45 4036 1627 0052 0153 00

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