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Wie der Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ Arbeitsmigranten hilft

Im Einsatz gegen Ausbeutung

Lengerich

Besucher tauchen überraschend auf. Ihre Probleme sind vielschichtig, vom verlorenen Arbeitsplatz bis zur verkommenen Wohnung. Dorina Ghiletchi, Claudia Lütkeschümer und Klaus Körner kümmern sich in der Geschäftsstelle des Vereins „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ um diese Menschen.

Paul Meyer zu Brickwedde

Die Zustände in der Fleischindustrie sind in den vergangenen Monaten stark in den öffentlichen Fokus gerückt. Foto: dpa

Plötzlich steht der Mann vor Tür. Er spricht kein Deutsch, hat, wie sich bald herausstellt, seinen Job verloren und ist obdachlos. In seinen Händen hält er außer seiner Habseligkeiten einen Flyer vom Lengericher Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“. Weil die Informationen auf dem Stück Papier auch auf Rumänisch und Bulgarisch abgedruckt sind, findet der Fremde zur Geschäftsstelle an der Rahestraße. Er ist verzweifelt und hofft nun, Hilfe zu finden.

Vor fast zwei Jahren, Anfang Januar 2019, wurde der Verein gegründet. Das Ziel: Arbeitsmigranten aus Südost- und Osteuropa über ihre Rechte auf dem deutschen Arbeitsmarkt aufklären und ihnen helfend zur Seite zu stehen, wenn es konkrete Probleme gibt. Vorrangig ist das immer wieder in der Fleischindustrie der Fall, in der Baubranche, auf Werften und bei Erntehelfern. Vorsitzender und öffentlichkeitswirksamer Vorkämpfer ist Peter Kossen, Pfarrer in der katholischen Kirchengemeinde Seliger Niels Stensen. Er erlangte durch sein Engagement bereits bundesweite Aufmerksamkeit und erhielt im August den Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen. Die tägliche Arbeit in der Geschäftsstelle leistet indes seit ein paar Monaten ein Trio: Dorina Ghiletchi, Claudia Lütkeschümer und Klaus Körner.

Klaus Körner

Sie sind es auch, die sich um den Besucher kümmern, der so überraschend aufgetaucht ist. Dorina Ghiletchi Hauptaufgabe ist das Übersetzen, weil sie Rumänisch spricht. Claudia Lütkeschümer kümmert sich primär um organisatorische Dinge. Klaus Körner ist Jurist mit reichlich Erfahrung vor allem im Arbeitsrecht. Er stieß am 1. November dazu, die beiden Frauen haben ihre Tätigkeiten am 1. September aufgenommen.

Der Fall des obdachlosen Mannes erweist sich als ein Beispiel dafür, dass Unterstützung nicht immer in einem Umfang erfolgen kann, wie es sich das Team des Vereins wünscht. Der Rumäne berichtet, dass er einen Arbeitsunfall gehabt habe und dann entlassen worden sei. Im Zuge dessen sei ihm auch Lohn vorenthalten worden. Claudia Lütkeschümer versichert, dass die Aussagen glaubwürdig seien. Doch der Mann verfügt weder über einen Arbeitsvertrag noch über sonstige relevante Unterlagen. Exakte Angaben, wo er tätig war, kann er auch nicht machen.

Der Mann ist ohne Arbeit, spricht kein Deutsch und ist obdachlos

Mit Hilfe von Ehrenamtlichen und der Stadt wird der Rumäne mit Essen versorgt und eine Unterkunft für die Nacht besorgt. Was letztendlich bleibt, ist der Kauf eines Bustickets, mit dem er in seine Heimat zurückkehren kann.

Ein Beschäftigter, der keinen Arbeitsvertrag hat? Klaus Körner antwortet, dass das bei den Arbeitsmigranten, mit denen es der Verein zu tun hat, keine Seltenheit sei. „Manche Arbeitgeber melden sie auch nicht bei der Berufsgenossenschaft an.“ Wenn dann etwas passiert, werde der Unfall einfach verschwiegen. Dem Arbeitsmigranten drohe zusätzlich zu möglicherweise gravierenden gesundheitlichen Folgen der Jobverlust – wie dem Rumänen anscheinend widerfahren.

Claudia Lütkeschümer

Dorina Ghiletchi erzählt, dass die meisten Menschen, die der Arbeit wegen nach Deutschland kommen, wenig oder gar nichts wissen über den Arbeitsmarkt und das Arbeitsrecht. Die 31-Jährige weiß, wovon sie spricht. Sie stammt aus der Republik Moldau und ging 2011 nach Deutschland. Sie lebt mit Mann und Kindern in Melle, ihre Eltern sind noch länger hier, „mein Vater bereits seit 1995“. Die Familie gehört zu jenen Bürgern aus der kleinen ehemaligen Sowjet-Republik, die auch einen rumänischen Pass haben, somit EU-Bürger sind und die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der Europäischen Union genießen.

Dorina Ghiletchi sagt, dass sie, wie viele Landsleute, früher in der Fleischindustrie gearbeitet habe. Sie verfüge daher über Erfahrungen, die ihr nun helfen. „Auch wenn es längst nicht so schlimm war, wie bei einigen der Menschen, denen wir helfen.“

Eine Schwangere soll weiter in Nässe und Kälte in schwerer Schutzkleidung arbeiten

Was sie damit meint, lässt sich an den Erlebnissen einer Schwangeren nachvollziehen, die um Hilfe gebeten hatte. Diese Frau habe in Nässe und Kälte, bei Lärm und Qualm und in schwerer Schutzkleidung arbeiten müssen, obwohl der Arbeitgeber über den Zustand der Frau informiert gewesen sei, berichtet Claudia Lütkeschümer. Der Verein habe interveniert, es sei dann angeordnet und zugesagt worden, dass sie, wie es das Mutterschutzgesetz vorsieht, eine andere Tätigkeit bekommt. „Doch dann wurde sie wieder an ihrem alten Arbeitsplatz eingesetzt“, rekapituliert Klaus Körner das weitere Geschehen. Erneut wurde der Verein tätig – diesmal mit nachhaltigerem Erfolg. Inzwischen sei die Frau im Mutterschutz. „Sie war froh, dass wir für sie da waren“, betont Dorina Ghiletchi.

Claudia Lütkeschümer empören solche Vorkommnisse immer wieder von Neuem. Die Lengericherin kann nicht verstehen, warum in einigen Branchen und Bereichen des Arbeitsmarktes offenkundig zum Teil eklatante Missstände herrschen. Sie und ihr Mann – Herman Lütkeschümer ist Schatzmeister bei „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ – betreiben den Toto-Lotto-Laden im Kaufland. Von der anderen Seite der Ringeler Straße kommen einige ihrer Kunden. Darunter Arbeitsmigranten aus Bulgaren und Rumänen. Nach und nach habe man diese Menschen ein wenig kennengelernt und so das Gefühl bekommen, „dass da einiges im Argen ist“. Für beide der Anlass, im Verein aktiv zu werden.

Dorina Ghiletchi

Was „im Argen“ heißt, konkretisieren die drei Geschäftsstellenmitarbeiter. Klaus Körner nennt Lengerich einen „Umschlagplatz“. Längst bekannt ist, dass viele Arbeitsmigranten aus Südosteuropa in der Stadt leben. Viele von ihnen würden mit Bussen auf Betriebe in der Region verteilt, „teilweise bis in die Niederlande“. Weiter berichten die Fachleute des Vereins, dass „alles, was wir wissen, dafür spricht“, dass Unterkünfte oft überfüllt seien. Bis zu sechs Personen teilen sich demnach ein Zimmer. Betten werden teilweise im Schichtsystem belegt. Manche dieser Menschen flüchten sich in den Alkohol. Auch von Zwangsprostitution ist die Rede.

Die oft schwierigen Arbeits- und Lebensverhältnisse würden dadurch verschärft, dass Integration kaum oder gar nicht stattfinde. Die allermeisten Arbeitsmigranten kämen allein des Geldes wegen nach Deutschland und mit dem klaren Ziel, wieder in die Heimat zurückzukehren. Warum also die Sprache lernen – womöglich nach einem Zwölf- oder 13-Stundentag plus Hin- und Rückfahrt im Bus? So leben sie ihr Leben parallel zur Mehrheitsgesellschaft und sind besonders anfällig für Ausbeutung.

Laut Klaus Körner berichten die Hilfesuchenden davon, dass ihnen Lohn vorenthalten wird. Dass Überstunden nicht bezahlt werden. Und dass während des Urlaubs kein Geld kommt. Aber immer wieder gehe es auch um die Wohnsituation.

Immer wieder geht es um Vorenthalten von Lohn und die Wohnsituation

Kürzlich war es ein Paar, das vorsprach. Nach Angaben des „Aktion Würde und Gerechtigkeit“-Teams berichtete es von seiner massiv von Schimmel befallenen Mietwohnung. Ein Ortstermin habe die Schilderungen bestätigt. Das Paar wollte vorzeitig aus dem Mietvertrag, doch der Vermieter habe das abgelehnt. In diesem Fall, stellt der Jurist fest, habe ein Brief des Vereins sogleich zum erwünschten Erfolg geführt.

Ob die Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt oder wie bei dem Paar auf dem Wohnungsmarkt nicht zu Enttäuschungen bei den Arbeitsmigranten führen? Dorina Ghiletchi schätzt, dass das natürlich der Fall sei. Doch da die Situation in den Heimatländern meist noch schlechter sei, blieben die Menschen trotzdem. Und selbst wenn jemand gehe, „der Nachschub an billigen Arbeitskräften versiegt nicht“, konstatiert Klaus Körner.

Der Idealzustand, analysiert er, wäre es, wenn der Verein überflüssig würde. Doch daran glaubt er nicht, und daran ändere auch nichts, dass es ab Januar keine Werkverträge mehr geben soll, wie jüngst von der Bundesregierung beschlossen. Zu stark sei die Macht der Lobbyisten. Aber wenn es gelinge, Basiswissen zu vermitteln und die Menschen so stärker zu machen, wäre bereits eine Menge erreicht.

Dafür setzt sich der Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ ein, nicht nur in Lengerich und Umgebung, sondern von Hamburg bis München und in Kooperation mit anderen Akteuren.

Die Geschäftsstelle des Vereins, Rahestraße 29, ist dienstags und donnerstags jeweils von 9 bis 12 Uhr besetzt. Zudem ist der Verein telefonisch ( 0 54 81/30 89 904,  01 52/08 97 42 58) und per E-Mail (office@wuerde-gerechtigkeit.de) zu erreichen.

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