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Blick in die wechselvolle Geschichte der Bodelschwingh-Realschule

Kollegium fordert Umwandlung

Lengerich

Im Sommer soll die Bodelschwingh-Realschule abgerissen werden. Der letzte Jahrgang der auslaufenden Schule wird dann im Schulzentrum an der Bahnhofstraße unterrichtet. Die Bodelschwingh-Realschule hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Die Vorläuferschule entstand vor über 350 Jahren.

Bernd Hammerschmidt

Die Bodelschwingh-Realschule steht am Ende einer über 350-jährigen Schulgeschichte. Im Sommer soll sie abgerissen werden. Foto: Michael Baar

Am 15. April berichteten die Westfälischen Nachrichten über den bevorstehenden Abriss der Bodelschwingh-Realschule. Diese Schule existierte im Lauf ihrer mehr als 350-jährigen Geschichte in verschiedenen Ausformungen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war sie eine Amtsrektoratschule, eine Schule in Trägerschaft der Amtsgemeinde Lengerich mit ‚evangelischem Charakter‘. Sie umfasste fünf Jahrgänge (Klassen 5-9) und bot eine im Vergleich zur Volksschule „gehobene“ Erziehung, so dass viele Absolventinnen und Absolventen anschließend ein Gymnasium oder eine andere weiterführende Schule besuchen konnten.

Während 1923 insgesamt 189 Schüler diese Schule besuchten, waren es 1929 nur noch 63. Die Gründe dafür lagen einerseits in der Konkurrenz durch benachbarte Schulen (Tecklenburg, Osnabrück, Münster), andererseits in der Tatsache, dass als Folge des Ersten Weltkrieges weniger Kinder angemeldet wurden. Zudem ermöglichte die Rektoratschule nach der fünfjährigen Schulzeit keinen anerkannten Schulabschluss wie die Mittlere Reife.

In dieser Situation ergriff das Lehrerkollegium im Januar 1929 die Initiative und beantragte die Umwandlung der Schule in eine Mittelschule mit sechs Jahrgängen. Der Lengericher Stadtrat stand dem Vorhaben zwar grundsätzlich positiv gegenüber, doch bedurfte es noch zahlreicher Beratungen und Versammlungen, bis die Stadtverordnetenversammlung am 6. August 1929 die Umwandlung der Rektoratschule in eine Mittelschule mit Wirkung des Ostern 1930 beginnenden Schuljahres beschloss. Die zuständige Behörde, die Abteilung für Kirchen- und Schulwesen bei der Regierung Münster, genehmigte diesen Beschluss schließlich am 5. Oktober 1929.

Von Interesse an den damaligen Vorgängen sind die Argumente, mit denen versucht wurde, die Umwandlung zu unterstützen oder zu verhindern. In seinem Antrag vom 12. Januar 1929 führte das Kollegium der Rektoratschule mehrere Gründe an, die für eine Umwandlung sprachen: die Ermöglichung der mittleren Reife nach sechs Jahren würde den Rückgang der Schülerzahlen stoppen; zudem würden zunehmend Absolventen gesucht, die für eine anspruchsvolle Tätigkeit in Handel, Handwerk und Verwaltung das Zeugnis der mittleren Reife vorweisen müssten.

„Auch den Interessen der Landwirtschaft würde sie in weitgehendem Maße Rechnung tragen,“ denn nach der Mittelschule wären Schüler „sicher gut befähigt, dem Unterricht an Ackerbauschulen, landwirtschaftlichen Winterschulen und in landwirtschaftlichen Kursen zu folgen,“ heißt es im Schreiben des Lehrerkollegiums. Darüber hinaus könnten Schüler anschließend ohne Probleme die Schule wechseln, um die Abiturprüfung abzulegen.

Die Lengericher Zeitung, die die Umwandlung von Beginn an befürwortete, konstatierte am 27. Februar 1929 die „Notwendigkeit einer zwischen der eigentlichen Volksschule und der höheren Schule stehenden Schuleinrichtung, die ihre Schüler befähigt, auch gesteigerten Anforderungen späterer Lebensberufe zu genügen. Eine solche Bildungsanstalt ist die sich auf der Grundschule aufbauende sechsstufige Mittelschule.“

Der Sozialdemokrat Schmidt, der die Argumente des Kollegiums unterstützte, sprach mit Blick auf die Rektoratschule von einer „veralteten Schule“, wollte die Umwandlung aber in Ruhe durch einen eigenen Ausschuss vorbereiten lassen. Dem stimmte der Volksschullehrer Schürmann von der Liste der Beamten und Angestellten prinzipiell zu, stellte aber die Frage, wohin es führen würde, wenn alle Jugendlichen studieren wollten – er sah sogar die Gefahr eines bereits bestehenden Akademikerproletariats.

Rektor Warnecke, der einerseits die Position seines Kollegiums vortragen musste, andererseits auch viel Sympathie für die bestehende Schulform zeigte, verteidigte die Rektoratschule gegen den Vorwurf des Stadtverordneten Schmidt und argumentierte, dass viele Absolventen später durch gute Leistungen an weiterführenden Schulen geglänzt hätten. Dieser Aspekt scheint auch der Grund gewesen zu sein, warum viele Eltern in Lengerich und Umgebung die Pläne zur Umwandlung skeptisch sahen.

Die Kernfrage der Diskussion brachte der Berater der Rektoratschule, Studiendirektor Dr. Franke aus Osnabrück, auf den Punkt – die Stadt Lengerich müsse eine Grundsatzentscheidung treffen. Wenn man Jungen und Mädchen eine bessere Vorbildung für die verschiedenen Berufe auf dem Gebiete des Handwerks, des Handels und der Industrie ermöglichen wolle, so sei nach seiner Überzeugung die sechs­klassige Mittelschule wohl die geeignete Form für Lengerich. Wolle man aber mehr Schüler auf den Übergang zur höheren Schule vorbereiten, so stehe er auf dem Standpunkt, dass die fünfklassige Rektoratschule die geeignetere Form ist. Dann hätten die Absolventen mehr Zeit (vier Jahre), sich auf der weiterführenden Schule zurechtzufinden.

Der Aspekt der Länge der Schulzeit spielte bei der Debatte also auch eine Rolle, denn Absolventen der Mittelschule gingen damals normalerweise in die Untersekunda des Gymnasiums, kamen also auf eine 14-jährige Schulzeit bis zum Abitur. Allerdings, so argumentierte das Lehrerkollegium, konnten begabte Schüler mit der mittleren Reife nach einer Aufnahmeprüfung gleich in die Obersekunda gehen – eine vergleichbare Regelung kennen wir auch heute noch.

Ausgehend von der Überzeugung, dass die Mittelschule die Schulform sei, die den Bedürfnissen und Wünschen des größten Teils der Lengericher Bevölkerung entspräche, wurde die Umwandlung in eine Mittelschule am 6. August 1929 beschlossen. 1951 wurde dann aus der Mittelschule eine Realschule – aber das ist ein eigenes Thema.

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