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Vortrag über Martin Niemöller: Experte legt dem Theologen antisemitische Einstellungen zur Last

„Lichtgestalt“ bekommt Risse

Lengerich

Professor Benjamin Ziemann ist Autor einer Biografie über den evangelischen Theologen Martin Niemöller. Am Dienstagabend war der Historiker zu Gast in der Hohne Kirche. In seinem Vortrag erklärte er, warum er Niemöller Antisemitismus vorwirft.

Von Brigitte Striehn

Im Familiengrab auf dem Alten Friedhof in Lotte-Wersen wurde Martin Niemöller bestattet Foto: Brigitte Striehn

„Bekenner des Glaubens – Kämpfer für den Frieden“ steht auf dem Grabstein von Martin Niemöller auf dem Alten Friedhof in Lotte-Wersen. Benjamin Ziemann, Professor für neuere deutsche Geschichte an der University of Sheffield in der englischen Grafschaft South Yorkshire, hat sich eingehend mit dem Leben und Wirken Niemöllers befasst und eine faktenreiche Biografie („Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition.“, Deutsche Verlagsanstalt 2019) verfasst. Auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde und des Heimatvereins Lengerich hielt er am Dienstagabend in der Kirche in Hohne einen Vortrag zum Thema „Martin Niemöllers Antisemitismus. Rekonstruktion einer Verdrängung“. Pfarrer Harald Klöpper begrüßte dazu etwa 40 Besucher.

Nach kurzen biografischen Notizen erklärte Ziemann, warum er sich in dem Vortrag auf Niemöllers Antisemitismus fokussiert. Das Problem sei bisher in der Literatur nicht gründlich behandelt worden, was an der Leichtgläubigkeit der Medien und der Historiker gelegen habe, stellte er fest.

Als Beispiel führte er ein Fernsehinterview vom 30. Oktober 1963 mit Günter Gaus an, in dem Niemöller seinen Antisemitismus heruntergespielt und seine Vorfahren im Tecklenburger Land dafür verantwortlich gemacht habe. „Nichts von dem, was Niemöller damals antwortete, stimmt “, betonte der Referent. Es sei jedoch unkritisch weiter verbreitet.

Martin Niemöller ist in der Erinnerungskultur nicht nur des deutschen Protestantismus als „Lichtgestalt“ festgeschrieben. Ziemann hat hingegen zahlreiche Belege zusammengetragen, die diesem Bild gravierende Risse hinzufügen. Während seines Theologiestudiums in Münster ab 1919 gehörte Niemöller mehreren Verbänden und Parteien an, die offen einen rassistischen Antisemitismus vertraten, erfuhren die Zuhörer in der Hohner Kirche.

n einem Aufsatz vom November 1933 hatte er demnach offenbart, dass sich seine Haltung dem Judentum gegenüber nicht geändert hatte, auch wenn er im „Pfarrernotbund“ gegen die Herausdrängung evangelischer Pfarrer jüdischer Herkunft aus der Kirche protestiert hatte. Die Deutschen sah er als Opfer des zersetzenden Einflusses des jüdischen Volkes. Er war allerdings nicht der Einzige, der die Verleugnung und Beschwichtigung des Antisemitismus vehement betrieb. Auch nach 1945 ließ Niemöller bei öffentlichen Auftritten und in Publikationen erkennen, dass ihn die Vorstellungswelt des Antisemitismus und Antijudaismus weiterhin prägte.

„Er malte die Not der Deutschen in der Nachkriegszeit stets anschaulich aus, in starkem Kontrast zu den wenigen, verharmlosenden Worten, die er zum Leiden und Sterben der Juden im Machtbereich des NS-Regimes fand“, erklärte der Redner. Die These vom „lernbereiten“ Martin Niemöller verwies er in den Bereich der historischen Legendenbildung, selbst unter Einbeziehung dessen Aktivitäten in der Friedensbewegung ab 1958.

In einer regen Diskussion stellten die Gäste, die sich zu Wort meldeten, fest, dass der Wissenschaftler am „Denkmal Niemöller“ gewackelt habe. Fragen beantwortete der Biograf mit detaillierter Sachkenntnis zu möglichen antisemitischen Ressentiments im Elternhaus, den Gründen für die Inhaftierung, neuen Denkströmungen nach dem Zweiten Weltkrieg oder Niemöllers Verhältnis zu Amerika. „Ich habe das ‚Heiligenbild‘ kritisch hinterfragt, charakterliche Schwächen Niemöllers waren nicht das Thema“, legte der Professor dar.

„Der Vortrag hat die Sinne geschärft“, resümierte Pfarrer Klöpper. Am Ende gab es Beifall für eine neue Sicht auf eine Person, die in der Region verankert ist. Niemöllers Vater Heinrich war evangelisch-lutherischer Pfarrer und stammte aus Lotte-Wersen. Dort, auf dem Alten Friedhof, befindet sich das Familiengrab, in dem auch Martin Niemöller bestattet wurde.

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