Versuchter Totschlag: Zum Prozessauftakt viele Ungereimtheiten

Mehr Fragen als Antworten

Lengerich/Münster

Was genau passierte in der Nacht vom 14. auf den 15.Juli 2018 in Lengerich in einer Kneipe und anschließend in der Innenstadt? Die Rekonstruktion der damaligen Ereignisse stand im Mittelpunkt des Prozessauftakts vor dem Landgericht Münster wegen versuchten Totschlags. Verantworten muss sich ein 40-jähriger Lengericher.

Von Eva-Maria Landmesser

Der Bereich um den Tatort in der Lengericher Innenstadt wurde im Juli 2018 von der Polizei abgesperrt. Foto: Mareike Stratmann

Seit Montag muss sich ein 40-jähriger Mann aus Lengerich wegen versuchten Totschlags vor der 22. Großen Strafkammer des Landgerichts Münster verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, in den frühen Morgenstunden des 15. Juli 2018 vor einer Lengericher Gaststätte einen heute 25 Jahre alten Mann mit einem Messer zunächst Schnittverletzungen am Hals und an den Händen zugefügt sowie später einen Messerstich in die rechte Lunge versetzt zu haben. Dabei soll er den Tod seines Opfers in Kauf genommen haben. Als Motiv gab der Lengericher ein missglücktes Drogengeschäft an. Dies wurde vom Geschädigten jedoch bestritten.

Am ersten Prozesstag wurden der Angeklagte, der Geschädigte sowie zwei Zeugen zu Tatumständen und -hergang ausführlich befragt. Nach einer Sitzungsdauer von etwa sieben Stunden blieben gleichwohl viele Fragen offen. Die grundlegendste lautet dabei: Wer sagt die Wahrheit?

So verstrickten sich alle vier Männer in Ungereimtheiten und Widersprüche, die die Schwurgerichtskammer diesen anhand ihrer Angaben im Rahmen der polizeilichen Vernehmung immer wieder vorhielt.

Der Angeklagte schilderte den Tathergang so, dass er am frühen Abend des 14. Juli begonnen hatte Alkohol zu trinken und mit 200 bis 300 Euro Bargeld in der Tasche gegen 20 Uhr eine Spielothek aufsuchte. In der Nacht sei er dann noch in die Gaststätte eingekehrt. Dort traf er einen Bekannten, von dem er erfahren habe, dass der ebenfalls anwesende 25-Jährige Kokain verkaufe.

„An diesem Abend hätte ich fast alles konsumiert“, schilderte der Angeklagte seinen Drang zu dem illegalen Stoff. Er habe den jungen Mann daher nach zwei Gramm gefragt, bestand jedoch darauf, die Qualität anhand einer kleinen Menge zunächst zu testen. Der 25-Jährige habe eingewilligt und auf der Herrentoilette zwei „Lines“ auf dem Toilettendeckel gezogen. Der Angeklagte gab an, diese konsumiert und dem Geschädigten dafür 160 Euro gegeben zu haben.

Allerdings ging der 40-Jährige eigenen Angaben zufolge nicht davon aus, dass es sich dabei bereits um die vereinbarten zwei Gramm handelte. Stattdessen erwartete er die Übergabe von weiterem Kokain. Dazu kam es jedoch nicht. Laut der Aussage des Angeklagten habe der 25-Jährige einen Anruf bekommen und die Gaststätte daraufhin verlassen. Als er ihm folgte und sein Geld zurückforderte, sei es zu einem Gerangel gekommen. Wie es zu den Verletzungen beim Geschädigten kam und dass dabei ein Messer eingesetzt wurde, daran, so der Lengericher, könne er sich aufgrund seiner starken Alkoholisierung nicht mehr erinnern.

Der Vorsitzende Richter hielt dem Angeklagten entgegen, dass bei dessen Verhaftung 211 Euro sichergestellt wurden, beim Geschädigten hingegen nur 90 Euro. So scheint weder das Vermögen des 40-Jährigen an diesem Abend um 160 Euro geschmälert noch das des Opfers entsprechend gewachsen zu sein. Dennoch bestand der Angeklagte darauf, dass der Geldtransfer stattgefunden hat.

Der 25-Jährige bestritt hingegen jemals Kokain verkauft zu haben. Er gab an, in der Kneipe Alkohol getrunken zu haben und vom Angeklagten nach einer Zigarette gefragt worden zu sein. Dieser habe ihn anschließend beschuldigt, Geld von ihm genommen zu haben. Als er die Gaststätte verlassen habe, um sich um eine Mitfahrgelegenheit zu bemühen, sei es zu dem Gerangel und den Verletzungen gekommen.

Diese Aussage wurde durch Angaben eines Zeugen in Zweifel gezogen. Dieser erklärte, dass der 25-jährigen sein Dealer sei, von dem er auch in der Tatnacht Kokain kaufen wollte. Bei dem 41-jährigen Zeugen handelt es sich jedoch um einen früheren Kompagnon des Angeklagten. Da letzterer selbst wegen falscher, uneidlicher Aussage vorbestraft ist, stellte die Kammer die Möglichkeit einer Falschaussage des Zeugen zugunsten des Angeklagten in den Raum.

Der weitere Zeuge hatte bei der Polizei zunächst angegeben, gesehen zu haben, dass der Angeklagte mit einem aufgeklappten Taschenmesser auf den Geschädigten zugegangen sei. Dies widerrief der 32-Jährige nun jedoch und erklärte stattdessen, kein Messer gesehen zu haben. Dieser Sinneswandel dürfte dem Angeklagten zugute kommen. Dieser hatte ausgesagt, vom Geschädigten angegriffen worden zu sein und sich gegen diesen nur gewehrt zu haben.

Zur weiteren Aufklärung sollen am zweiten Prozesstag am 18. Juni weitere Zeugen vernommen werden.

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