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„Müssen unser Niveau steigern“

Hajo Gerdemann über die Entwicklung der Fahrradrouten im Münsterland

Lengerich/Tecklenburger Land

Hajo Gerdemann kümmert sich beim Münsterland e.V. um das Qualitätsmanagement der touristischen Rad- und Reitwege und deren begleitende Infrastruktur. Dabei geht es auch um die Fragen, wie verlaufen die touristischen Radwege, wie viele Nutzer haben sie.

Hajo Gerdemann Foto: Günter Benning

Hajo Gerdemann (59) ist passionierter Radler. Jahrelang war der Münsteraner Geschäftsführer des ADFC-Bezirks. Seit zehn Jahren ist er beim Münsterland e.V. am Flughafen in Greven für das Qualitätsmanagement der Rad- und Reitwege sowie der begleitenden Infrastruktur im Radtourismus zuständig. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Sie sind heute von Münster mit dem Fahrrad zu ihrem Büro am FMO gefahren. Ist das nicht beschwerlich?

Hajo Gerdemann: Überhaupt nicht. Am Dortmund-Ems-Kanal entlang ist das super. Und schneller als mit dem Schnellbus – von Haustür zu Haustür betrachtet.

Jetzt soll der Weg am Kanal entlang asphaltiert werden. Sie dürften das begrüßen?

Gerdemann: Das ist perfekt. Der Weg wird für die Nutzung in Alltag und Freizeit deutlich aufgewertet. Es dient dem Tourismus, weil wir im Ballungsraum Ruhrgebiet viele Menschen erreichen, die über den von Dortmund aus ausgeschilderten Weg das Münsterland erreichen. Wenn man dieses Potenzial mit einer hochwertigen Infrastruktur nicht heben würde, machte man im Tourismus etwas falsch.

Das betrifft Sie als Pendler aber nicht?

Effekte für den Alltagsverkehr

Gerdemann: Es gibt Effekte für den Alltagsradverkehr, beispielsweise die Substitution des Autoverkehrs. Ich bin ein Beispiel dafür und die Kollegen, die ich morgens auf dem Fahrrad treffe. Wir zeigen, dass es heute schon geht, auf die Pkw-Fahrt zum Arbeitsplatz zu verzichten. Wenn man die Verhältnisse auf diesem Weg verbessert – zum Beispiel wird es in Münster auch ein innovatives Beleuchtungskonzept geben – , dann kann ich mir wahrscheinlich die maximal 20 Busfahrten im Jahr auch noch sparen, weil ich mich bei Dunkelheit und Schlechtwetter auf der Strecke nicht mehr unsicher fühle oder meine Kleidung nebst Fahrrad in Mitleidenschaft ziehe.

Was ist ihre Aufgabe beim Münsterland e.V.?

Gerdemann: Das Qualitätsmanagement der touristischen Rad- und Reitwege und deren begleitende Infrastruktur. Dabei geht es auch um die Fragen, wie verlaufen die touristischen Radwege, wie viele Nutzer haben sie. Das ist aktuell die Frage einer Untersuchung, die wir veranlassen.

Ich persönlich fange jeden Tag vor meinem Büro Radfahrer ab, die sich verfahren haben. Wie gut ist die Beschilderung noch im Münsterland?

Gerdemann: Wir sind guter Durchschnitt. Die Frage ist, ob das für eine renommierte Radregion ausreichend ist, ich finde nicht. Wir müssen unserem Anspruch gerecht werden und unser Niveau steigern.

Was sind die Projekte im Radtourismus?

Umstellung auf ein Knotensystem

Gerdemann: Wir sind dabei, ein Qualitätsmanagement aufzubauen für das touristische Radwegenetz, das auch die Baulastträger stärker mit in die Unterhaltung einbindet. Gerade läuft die Umstellung des im Jahr 2000 aufgebauten Wabensystems auf ein Knotenpunktsystem. Die ersten Kreise – Warendorf und Borken – haben die Beschilderung bereits. Der Kreis Steinfurt und Münster schreibt gerade aus. Im kommenden Frühjahr werden wir ein System haben, das die Orientierung stark vereinfacht.

Wo liegt der Unterschied zwischen Wabe und Knotenpunkt?

Gerdemann: Eine Wabe ist umgeben von Radrouten, die rot-weiß ausgeschildert sind. Die Waben hatten dreistellige Nummern. Man konnte damit 30, 40 Kilometer im Kreis fahren. Das war aber schwer zu vermitteln. Beim Knotenpunktsystem hat jeder Knoten eine Nummer, die lassen sich beliebig zu Rund- oder Streckentouren kombinieren. An den wesentlichen Punkten des Systems wird der Knotenpunkt noch durch eine Infotafel ergänzt, so dass man das umliegende Netz sehen und ohne große Vorbereitung seine Strecke planen und ändern kann.

Das gibt es schon in Belgien und den Niederlanden?

Gerdemann: Wir werden an diese Wege anschließen, übrigens stellt das Emsland auch auf Knotenpunkte um.

Plattform wird aufgebaut

Wer kontrolliert eigentlich, ob die Schilder richtig stehen?

Gerdemann: Wir sind dabei, eine Plattform aufzubauen, mit der wir die Netze abbilden können, um dann mit den zuständigen Akteuren in Kontakt zu treten. Das bedarf dann noch entsprechender Women- und Man-Power, um regelmäßig die Strecken zu befahren, damit wir nicht nur auf Reaktionen unserer Gäste angewiesen sind. Die meisten Gäste ballen nur die Faust in der Tasche – aber melden sich nicht. Wir brauchen aber Kontinuität und Regelmäßigkeit.

Viele Menschen orientieren sich an Apps. Machen Sie damit?

Gerdemann: Das machen wir. Wir hatten gerade in diesem Jahr mit Komoot eine Kooperation, weil wir dort große Reichweichen erzielen können. Die Nachfrage nach unseren Routen hat uns darin bestätigt. Wir wollen auf diesen Plattformen sichtbarsein.

Sind alle Radler digital versiert?

Gerdemann: Jeder hat das Handy in der Tasche. Gleichwohl zeigen uns Untersuchungen, dass gerade im Urlaub viele unserer Gäste gern darauf verzichten. Sie brauchen klassisches Kartenmaterial und die Beschilderung. Mit einem Navigator kombiniert ist das ein Rundum-Sorglos-Paket.

Viele der großen Radtouren verbinden Städte, aber führen nicht unbedingt zu Sehenswürdigkeiten oder in die Stadtmitte. Ist der Bedarf nicht da? Oder muss man da etwas ändern?

Gerdemann: Das wird mir häufig so gespiegelt, gerade auch von den Kolleginnen und Kollegen in den Touristinformationen. Die Radtouristen sind aber flexibler als wir denken. Wenn jemand rasten oder besichtigen möchte, dann fährt er auch vom Radweg ab. Man kann natürlich an markanten Kreuzungsstellen Hinweise aufstellen. Wir haben dafür Tafeln mit unserem neuen Münsterland-Design entwickelt.

Wenn man längere Fahrradtouren macht, ist die Übernachtungsfrage wichtig. Wie sind wir da im Münsterland ausgestattet?

Gerdemann: Am Emsradweg sind wir noch relativ gut ausgestattet. Schwieriger wird es, wenn wir in manchen Teilen des Münsterlandes in kleineren Kommunen unterwegs sind. Dann ist es nicht einfach, Unterkünfte zu finden. Vor allem dann nicht,wenn man mit Gruppen unterwegs ist. Das ist eine ureigene Aufgabe unseres Tourismus-Centers. Wir suchen Routen aus, buchen Hotels und wenn nötig wird auch ein Gepäckservice organisiert.

Corona hat ja ein wenig Furcht vor fremden Ländern produziert. Treibt das den Radtourismus an?

Gerdemann: In jedem Fall. Man muss aufpassen, dass es nicht in die falsche Richtung ausschlägt. Wir hatten im Sommer Hotspots in der Natur, die völlig überlaufen waren. Was das Rad angeht, haben wir zum Beispiel auf der 100-Schlösser-Route sehr attraktive Plätze. Entlastung kann hier die Bewerbung wenig bekannter Routenabschnitte oder Ausflugsziele bringen. Die Bürger entdecken insgesamt die Heimat neu. Und das mit Lust auf mehr..

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