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Unterschlagung: Ex-Anwalt sieht sich als eine Art moderner „Robin Hood“

Psychiater: zeitweiser Realitätsverlust

Lengerich/Tecklen...

Die Diskussion über Urteile und deren Auslegung nahm den Großteil des ersten Verhandlungstages ein. Vor dem Amtsgericht Tecklenburg muss sich ein ehemaliger Rechtsanwalt aus Lengerich verantworten. Ihm wird zur Last gelegt, Mandantengelder unterschlagen und den Titel „Rechtsanwalt“ zu Unrecht geführt zu haben.

Von Gernot Gierschner

Das Amtsgericht Tecklenburg. Foto: Michael Baar

Gleich mehreren Tatvorwürfen sah sich ein ehemaliger Rechtsanwalt aus Lengerich am Mittwoch vor dem Amtsgericht in Tecklenburg ausgesetzt. Einer davon lautete, den Titel „Rechtsanwalt“ zu Unrecht geführt zu haben. Deutlich schwerer wiegend die zwei Unterschlagungen, die dem 59-Jährigen von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen werden. Dabei geht es um Beträge von weit über 100 000 Euro.

Im Einzelnen soll der seit 2002 als Anwalt tätige Beschuldigte in den Jahren 2017 und 2018 Gelder, die er für seine Mandanten vor Gericht erstritten hatte, auf ein eigenes Konto umgeleitet haben. Die Geschädigten erhielten lediglich kleinere Beträge in Raten ausgezahlt. Den überwiegenden Teil – 45 306 Euro in dem einen und 60 000 Euro in dem anderen Fall – verwendete der Angeklagte für eigene Zwecke. Im Dezember 2019 hatte sich der Lengericher darüber hinaus im Schriftverkehr mit dem Landgericht Berlin als Anwalt ausgegeben, obwohl er seine Zulassung bereits verloren hatte. Ein Vergehen nach dem Strafgesetzbuch Paragraf 132a (Missbrauch von Titeln, Berufsbezeichnungen und Abzeichen), das mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft wird.

Von Beginn an war der Verteidiger bemüht, durch das Heranziehen höchstrichterlicher Entscheidungen, die Schuld seines Mandanten zu bagatellisieren. So versuchte er, ein Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) über die Untreue von Anwälten bei Treuhandgeldern zugunsten des Angeklagten zu interpretieren. Auch das „Führen eines Titels durch Unterlassen“, sei laut BGH nicht strafbar. Ein „aus Versehen“ benutzter alter Briefkopf und ein rachsüchtiger ehemaliger Kollege hätten zu den haltlosen Anschuldigen geführt.

Die Forderung des einen Geschädigten sei inzwischen vom Oberlandesgericht Hamm aus formalen Gründen abgewiesen worden – im Übrigen sei dieser Anspruch inzwischen verjährt. So nahm die Diskussion über Urteile und deren Auslegung einen großen Teil des ersten Verhandlungstages ein.

Der Angeklagte präsentierte sich vor Gericht als eine Art moderner „Robin Hood“. Sein ganzes Berufsleben lang habe er für die Rechte der einfachen Menschen gekämpft. Als Fachmann für Steuer- und Vermögensrecht habe er sich darauf spezialisiert, für Mandanten in Streitigkeiten gegenüber dem Finanzamt oder Banken einzutreten. Beispielsweise würden Banken bei Zwangsversteigerungen viel zu hohe Aufschläge berechnen, so würden die Geschädigten nicht nur um ihre Immobilie gebracht, sondern zahlten auch noch drauf.

„Ich bin ein Mensch, der an das Allgemeinwohl denkt“, so der Angeklagte. Ihn habe aber die Arbeit immer mehr belastet. Er sei unzufrieden mit der Rechtsprechung gewesen, seine Mandanten hätten ihm zustehende Honorare immer wieder verweigert, Außenstände seien ihm über den Kopf gewachsen, er habe eine regelrechte Justizphobie entwickelt.

„2018 ist dann alles über mir zusammengebrochen.“ Schwere gesundheitliche Probleme, die Situation im Beruf und eine psychische Erkrankung hätten in einem Suizidversuch geendet. Ob die diagnostizierte Depression schon zur Tatzeit bestand und so zu einer verminderten Schuldfähigkeit führte, muss das Gericht zu einem späteren Zeitpunkt klären. Der als Zeuge geladene Psychiater sprach von einem zeitweisen Realitätsverlust bei dem Angeklagten.

Der Verhandlungstag endete mit der Zeugenvernehmung der Geschädigten. „Man muss die Kuh erst zum Gras führen, bevor man sie melkt“, so ein 72-jähriger Rentner aus Bad König. Nach dieser alten Bauernweisheit habe er sich mit dem Angeklagten auf einen Deal geeinigt. In monatlichen Raten von 300 Euro soll der Angeklagte den Schaden wenigstens teilweise wiedergutmachen. Vor Gericht wurde aber schnell klar, dass man über die Gesamtsumme sehr unterschiedlicher Auffassung ist. Der Geschädigte forderte vom Angeklagten auch die entstandenen zusätzlichen Kosten wie Verzugszinsen, teure Kredite und Gebühren auszugleichen und sprach von 60 000 Euro Schaden. Der ehemalige Anwalt setzte die Summe deutlich niedriger an: „Ich habe gearbeitet und mir steht das Geld zu“, wiederholte er immer wieder.

Der geschädigte Mann aus Berlin – ein 74-jähriger Rentner – war deutlich ungehaltener über das Gebaren des Angeklagten: „Ab November 2018 war der Mann einfach nicht mehr zu erreichen. Er hat Gerichtsfristen verstreichen lassen und unser Geld einbehalten.“ Dadurch hätten er und seine Frau nicht nur ihre Wohnung verloren, sondern auch ihre Reputation. Es wäre schwer gewesen, eine neue Bleibe zu finden. Weitere gerichtliche Auseinandersetzungen mit dem Lengericher seien erfolgt und noch nicht abgeschlossen.

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