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Das Lengericher Vereinsleben unter Corona-Bedingungen

Soziale Kontakte brechen weg

Lengerich

Ein Jahr ohne Schützenfest, fast ohne sportliche Aktivitäten in Gruppen, ohne Grünkohlessen und Weihnachtsfeiern: Die Vereine haben die Corona-Auflagen hart getroffen. Vieles liegt brach. Doch es gibt auch den einen oder anderen positiven Aspekt – zum Beispiel einen digitalen Modernisierungsschub. Wie es in den Vereinen aussieht, erläutern Friedrich Prigge, Alois Thomas, Frank Neumann und Silke Bauer.

Michael Baar und

Frank Neumann und Silke Bauer befürchten Langzeitfolgen durch den Lockdown für den Verein und die Gesellschaft. Foto: Paul Meyer zu Brickwedde

Nachdem Friedrich Prigge im Herbst 2015 den Bürgermeisterschreibtisch in der Stadtverwaltung geräumt hatte, gab er auch zahlreiche weitere Ämter ab, die er seinerzeit inne hatte. Eines der wenigen, das er weiter wahrnahm, war und ist das des Präsidenten des Heimatschützenbundes Tecklenburger Land. Es zeigt, wie sehr der 72-Jährige dem Schützenwesen verbunden ist. Und das seit Jahrzehnten. Er erzählt, dass es in Antrup 1949 das erste Schützenfest nach dem Krieg gegeben habe. Seitdem sei jedes Jahr gefeiert worden – bis Corona kam. Die Pandemie sorgte dafür, dass weder in Antrup noch irgendwo sonst in Lengerich 2020 die Schützen etwas zu feiern hatten. Mit ihnen litten auch die anderen Vereine unter den Folgen, die das tödliche Virus mit sich brachte. Stellvertretend haben die WN außer mit Friedrich Prigge auch mit dem Heimatvereinsvorsitzenden Dr. Alois Thomes sowie Silke Bauer und Frank Neumann vom TV Lengerich gesprochen.

„Natürlich fehlt einem etwas“, sagt Prigge mit Blick auf die zurückliegenden Monate. Sein Sohn Andreas wurde 2019 König bei den Antrupern – und ist es immer noch, weil es ja keinen neuen gibt. Zusammenkünfte seien, wenn überhaupt, nur in einem sehr kleinen Kreis möglich gewesen. Ein Kranz am Ehrenmal sei natürlich niedergelegt worden. Bier und eine Grillwurst habe es mit Vorstandskollegen auch mal gegeben.

Friedrich Prigge

Und dann ist da noch das Heimatschützenfest, das 2020 eigentlich in Püsselbüren gefeiert werden sollte. „Fast alles war geplant“, erzählt der Präsident, „wir waren in der Endstufe.“ Doch dann machte Corona einen Strich durch die Rechnung. Schweren Herzens sei die Entscheidung getroffen worden, es komplett zu streichen und nicht 2021 nachzuholen. Inzwischen ist Friedrich Prigge darüber „ganz froh“. Denn ob die Großveranstaltung im neuen Jahr hätten stattfinden können, „davon bin ich nicht überzeugt“.

Gerade in Gegenden wie seiner Heimat Antrup, betont er weiter, hätten die Schützen nach wie vor einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Für den Zusammenhalt und die Kommunikation in der Bauerschaft sei der Verein einfach wichtig. Gerade auch deshalb sei es traurig, wenn Grünkohlwanderung und anderes ersatzlos ausfalle. Gleichzeitig glaube er aber auch, dass eben aufgrund der Bedeutung der Schützen die Vereine ohne größere Blessuren aus der Krise hervorgehen – sei es finanzieller Art, sei es bei den Mitgliederzahlen. „Die Älteren sind ja vielleicht etwas vorsichtiger, aber der Nachwuchs wartet doch darauf, dass es endlich wieder losgehen kann.“

Den Turnverein Lengerich (TVL) hat der erste Lockdown im März hart getroffen. Alle Angebote mussten von heute auf morgen eingestellt werden. „Anschließend hatten wir dann einen Riesenzulauf“, blickt Frank Neumann zurück. Gerade Kinder und Jugendliche habe der Verein zuhauf als neue Mitglieder begrüßt. „Die Eltern haben wohl gemerkt, dass die Kids Bewegungsdrang haben“, schmunzelt Silke Bauer. Der TVL hat darauf reagiert, auch neue Kurse mit Kindern und Eltern ins Programm genommen.

Das ist ein halbes Jahr her. Erneut ist es sehr still im Sport- und Gesundheitszentrum (SuG) an Hollenbergs Weg. Keine Kurse, keine Trainingszeiten im Fitness-Studio. Das sei nun noch schwerer zu verkraften als die Zeit im Frühjahr, sagt Frank Neumann. Was zum Teil auch mit den Mitglieder-Struktur zusammenhängt.

Es gibt die klassischen TVLer. Die zahlen den Grundbeitrag und jeweils eine Gebühr für die Sparte, in der sie aktiv sind. „Das staffelt sich je nach Aufwand“, macht Silke Bauer an einem Beispiel deutlich. Wer Nordic Walking mache, benötige weniger Ausrüstung als ein Mitglied, dass im Fitness-Studio etwas für seine Gesundheit tut.

Doch viele Nutzer des Studios übersehen, dass sie nicht in einem „normalen“ Studio angemeldet sind, sondern Mitglied in einem Verein und in dieser Sparte geworden sind. Da gibt es keinen Vertrag mit entsprechend kurzer Kündigungsfrist. „Zum Glück“, so Silke Bauer, „sagen viele, sie gehen aus dem Fitness-Studio raus, bleiben aber Mitglied im TVL.“ Und der darf als eingetragener Verein bestimmte Gelder – Stichwort Mitgliedsbeiträge – nicht einfach so zurückzahlen.

Frank Neumann

Dabei ist die Stimmung in den einzelnen Sparten differenziert zu sehen. „Die Schwimmer haben kaum Verständnis für die Vorgaben des Lockdowns, weder im Frühjahr noch jetzt“, nennt Frank Neumann ein Beispiel. „Wie soll man den Sportlern erklären, dass die Bäder unter Auflagen geöffnet sein, sie aber ihren Sport nicht ausüben dürfen? Wie soll man das den Eltern erklären?“ Und er sieht noch eine Spätfolge dieser ausgefallenen Angebote: „Es droht eine Generation von Nichtschwimmern heranzuwachsen.“

Wenn im nächsten Jahr die Einschränkungen fallen, „sind wir besser aufgestellt als im Frühjahr“, verweist Silke Bauer auf Lerneffekte aus dem ersten Lockdown. Das betrifft beispielsweise die Abläufe unter Einhaltung der sicher weiter geltenden AHA-Regeln. Und auch die Online-Angebote sind umfangreicher als vor gut einem halben Jahr.

Über Zoom gibt es acht Live-Angebote. Um da mitzumachen, ist kein umfangreiches sportliches Equipment erforderlich. „Wir nehmen Alltagsgegenstände wie Stuhl und Wasserflaschen“, nennt Frank Neumann einen wichtigen Aspekt. „Die Angebote kommen gut an, auch weil Korrekturmöglichkeiten durch die Übungsleiter möglich sind.“

Welche Folgen der zweite Lockdown für den Verein haben wird, „sehen wir beim Wettkampfsport frühestens Mitte 2021“, sagt Silke Bauer. Wobei einzelne Sparten ums Überleben kämpfen. Die Basketballer bemühen sich um sportliche Aktivitäten außerhalb von Sporthallen. Einen Verlust gibt es bereits: Die Landesturngruppe hat sich aufgelöst.

Alois Thomes

Für nicht-kommerzielle Vereine, da sind sich die beiden sicher, wird es schwer werden, die Selbstverständlichkeit, Angebote zu nutzen wie vor dem ersten Lockdown, wieder zu wecken. Langzeitfolgen für die Gesellschaft befürchtet Frank Neumann. „Gesundheitsfördernder Sport, auch für Kinder, liegt brach. Da brechen nicht nur soziale Kontakte weg, auch gesundheitlich wird der eine oder andere unter diesem Stillstand leiden.“

Von Stillstand spricht Alois Thomes beim Heimatverein nicht. Sicher, sagt der Vorsitzende, bei der Sing- oder Spielgruppe habe es kaum Aktivitäten gegeben seit dem Ausbruch der Pandemie, nennt er zwei Negativbeispiele. Und dass die Weihnachtsfeier ausfiel und das 125-jährige Bestehen nicht gebührend habe begangen werden können, sei für viele Mitglieder schlicht eine große Enttäuschung gewesen. Aber es gebe eben auch die andere Seite: Die Wandergruppe sei, als es keinen strengen Lockdown gab, einige Mal unterwegs gewesen. Die Spinn- und Handarbeitsgruppe habe Treffen auf Abstand abgehalten. Die Volkstanzgruppe sei in kleiner Besetzung zusammengekommen Der Arbeitskreis Stadtgeschichte habe sich relativ oft im Gemeindehaus St. Margareta getroffen. Der Garten am Heimathaus sei „auf Vordermann gebracht“ worden“. Und ein Highlight 2020 sei der plattdeutsche Gottesdienst im Oktober gewesen.

Das alles ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass im Heimatverein überwiegend ältere Menschen organisiert sind. Weit mehr als drei Viertel der rund 450 Mitglieder hätten die 60 überschritten, analysiert Thomes. Entsprechend verhielten sich einige vorsichtig mit Blick auf Corona, „manche sind aber auch mutiger“.

Positiv ist aus Sicht des Vorsitzenden, dass die Pandemie zu einem digitalen Modernisierungsschub geführt hat. Dank des Engagements einer neuen Gruppe, Glasfaseranschluss und finanzieller Unterstützung, die für den Kauf von Hardware genutzt worden sei, sei man nun „gut eingerichtet“. Vorstandssitzungen laufen seinen Worten inzwischen online, Dinge wie die Stolperstein-Aktion im Herbst würden häufiger ins Netz gestellt. Ein „tolle Sache“ kündigt Thomas in diesem Zusammenhang gleich mit an: Der Kaminabend, der sich in den vergangenen Jahren zu einem neuen Aushängeschild des Vereins entwickelt hat, muss diesmal zwar ohne Publikum auskommen, soll aber online zu sehen sein. „Jede Krise bietet eine Chance“, kommentiert dieses Projekt der Vorsitzende hörbar stolz.

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