1. www.wn.de
  2. >
  3. Münsterland
  4. >
  5. Lengerich
  6. >
  7. Spendenbereitschaft lässt spürbar nach

  8. >

Ukraine-Hilfstransport

Spendenbereitschaft lässt spürbar nach

Lengerich

Unermüdlich engagieren sich Aktive der Lengericher Vereine „Stützpfeiler.org“ und „Aktion Würde & Gerechtigkeit“ darum, Spenden für die Ukraine zu sammeln und Hilfstransporte auf den Weg zu bringen. Inzwischen mache sich aber bemerkbar, dass die Spendenbereitschaft nach über acht Wochen Krieg nachlässt, heißt es.

Von Joke Brocker

Jutta Schulte sowie Hermann und Claudia Lütkeschümer (v.l.) bereiten derzeit die nächsten Hilfstransporte in die Ukraine vor. Foto: Joke Brocker

57 Tage nach Kriegsausbruch in der Ukraine lässt die Spendenbereitschaft in Lengerich spürbar nach. Das zumindest stellen Jutta Schulte von der vor einem Jahr gegründeten Hilfsorganisation „Stützpfeiler.org“ und Claudia und Hermann Lütkeschümer vom seit drei Jahren bestehenden Verein „Aktion Würde & Gerechtigkeit“ fest, die sich seit Tag eins des Krieges mit aller Kraft dafür einsetzen, den Menschen in dem umkämpften Land, aber auch den Geflüchteten in Lengerich und Paderborn zu helfen. „Die Preise steigen und steigen, die Leute haben Angst und halten ihr Geld zusammen“, sucht Hermann Lütkeschümer eine Erklärung für die rückläufigen Spenden.

In drei Transporten haben die beiden Hilfsorganisationen inzwischen 120 Tonnen Hilfsgüter, acht Rettungstransportfahrzeuge, von denen zwei nach nur 14 Tagen in Kiew durch Bomben zerstört wurden, einen Krankentransportwagen, zwei Mercedes Sprinter sowie einen VW Touran und einen Ford Transit, bei deren Kauf ihnen die Autohäuser Bäumer und Knells aus Ibbenbüren preislich sehr entgegengekommen seien und auch das Anmelden der Fahrzeuge übernommen hätten, in die Ukraine bringen lassen. Von Ehrenamtlichen, darunter der Paderborner Maik Menke, denen es wichtig war, Fahrzeuge und Hilfsmittel direkt in die Ukraine zu fahren. Transparenz sei ihnen allen wichtig, betont Jutta Schulte. Die Spenden sollten die Hilfsbedürftigen auch tatsächlich erreichen.

Nach diversen Gesprächen mit Kontaktpersonen im Kriegsgebiet steht das Trio unter dem Eindruck, dass das bei den Spenden großer Wohlfahrtsverbände nicht unbedingt gewährleistet ist. Auch die Tatsache, dass der Kiewer Bürgermeister Wladimir Klitschko die vergleichsweise kleine Hilfsorganisation um Hilfe ersucht hat, nährt diese Vermutung. „Wo bleibt das Geld?“, fragt sich da nicht nur Hermann Lütkeschümer.

Auch wenn die Umstände, unter denen während der Osterferien der dritte Transport ablief, für alle Beteiligten strapaziös waren – wegen des Oster-Reiseverkehrs habe sich die Aktion „wie Kaugummi gezogen“, ungeplante Übernachtungen und lange Wartezeiten an der Grenze inklusive – lassen sich die Lengericher nicht beirren und planen bereits die nächsten Hilfskonvois in die Ukraine, in deren östlichem Teil eine Hungersnot droht. „Die Menschen dort müssen schon jetzt Regenwasser trinken“, berichtet Jutta Schulte. Wie Claudia Lütkeschümer hängt auch sie viele Stunden am Tag vor dem PC oder am Telefon, um Spenden zu akquirieren. Die Feuerwache in Wiesbaden habe einen Rettungswagen gestiftet, der am Freitag im Beisein des Oberbürgermeisters der Stadt Wiesbaden dem Paderborner Maik Menke übergeben wurde. Menke, den Jutta Schulte im Zuge der Hilfsaktionen für das Ahrtal kennenlernte, die sie, nicht zuletzt angesichts der schweren Regenfälle vom Montagabend, die erneut zu überfluteten Kellern führten, weiterhin „schwerst beschäftigen“, wird auch den vierten Transport in die Ukraine zwischen dem 10. und 15. Juni begleiten. Auch VW in Osnabrück habe einen RTW gespendet, berichtet Schulte weiter.

Durch einen Brief des Bürgermeisters von Sokal in der Region Lviv wissen die Lengericher Helfer, dass seit Kriegsbeginn in der Ukraine mehr als 300 Mediziner gestorben sind. „Sehr oft wird die medizinische Notfallversorgung von Ärzten unter ständigem Beschuss geleistet“, schreibt Bürgermeister Serhii Kasian in einem langen Brief, in dem er sich für die Hilfe aus Deutschland bedankt und die Helfer zu einem Besuch einlädt. Politiker in der Ukraine hätten bereits eine Auszeichnung für die beiden Hilfsorganisationen aus Lengerich angekündigt, wissen Jutta Schulte und die Lütkeschümers.

Bürgermeister Kasian hat seinem Brief eine lange Liste dringend benötigter medizinischer Hilfsgüter beigelegt. Gebraucht würden Nadeln zum Nähen, künstliche Haut, steriles Verbandsmaterial, alle Arten von Arzneimitteln, darunter Diclofenac, Insulin und Jodtabletten, Beruhigungs- und Schlafmittel, ferner medizinisches Gerät, darunter Defibrillatoren, EKG-und Ultraschallgeräte. Eine Lengericher Ärztin habe bereits angekündigt, ein Ultraschallgerät spenden zu wollen. Von den Alexianern in Münster und Rheine gespendete Beruhigungs- und Schlafmittel sowie zwei Defibrillatoren seien bereits per Express direkt in die Ukraine geschickt worden, erzählen Jutta Schulte und Claudia Lütkeschümer.

Benötigt werde das medizinische Material einerseits im Krankenhaus von Sokol, das über eine Kinderstation mit 30 Betten verfügt und ständig Vertriebene medizinisch versorgt, andererseits sorge der medizinische Leiter des Hauses für die Verteilung der Hilfsgüter in der Region. Jutta Schulte macht sich schon jetzt Gedanken über Bedarfslisten für die „ferne Zukunft“ und sucht im Internet nach Minibaggern für kleines Geld. „Schließlich“, gibt sie zu bedenken, „muss ja alles wieder aufgebaut werden.“

Die Kontoverbindungen: „Aktion Würde und Gerechtigkeit“, IBAN DE84 4015 4476 0001 1578 17; „Stützpfeiler.org“, IBAN DE45 4036 1627 0052 0153 00.

Startseite
ANZEIGE