1. www.wn.de
  2. >
  3. Muensterland
  4. >
  5. Lengerich
  6. >
  7. Stimmung ist auf dem Tiefpunkt

  8. >

Gastronomen machen mit leeren Stühle auf ihre Notlage aufmerksam

Stimmung ist auf dem Tiefpunkt

Tecklenburg/Ladbe...

Als erste geschlossen werden und als letzte wieder öffnen dürfen – die Gastronomen fühlen sich von der Politik in der Corona-Krise im Stich gelassen. Die Reduzierung der Mehrwertsteuer von 19 auf sieben Prozent zielt nur auf Speisen und bis zum 30. Juni 2021. Das bringt ungefähr vier Milliarden Euro an Steuerersparnis. Im gleichen Zeitraum würden die Betriebe aber Verluste von 40 bis 50 Milliarden Euro machen, rechnet Olaf Kerssen, Kreisvorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands, vor.

Michael Baar

Die Ladberger Gastronomen haben sich am Freitag an der bundesweiten Aktion der Hotels und Gaststätten beteiligt. Foto: privat

„Gemeinsam für die Gastro!“ Das Transparent ist in der ersten Stuhlreihe befestigt und erregt Aufmerksamkeit. Genauso wie die weit über 100 Stühle auf dem historischen Marktplatz in Tecklenburg. „Wir wollen nicht demonstrieren“, betont Olaf Kerssen gleich mehrfach im Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten. „Wir wollen nur auf die Lage in der Gastronomie aufmerksam machen“, erläutert der Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga).

Olaf Kerssen

Trotz des strahlenden Sonnenscheins. Die Stimmung unter den Gastronomen ist auf dem Tiefpunkt. „Ohne Hilfe der Politik laufen viele Betriebe in die Insolvenzt“, sagt er und macht folgende Rechnung auf: Zehn Prozent aller Betriebe werden die Zwangsschließung aufgrund der Corona-Pandemie ohnehin nicht überleben. Steht der Staat den Wirten und Hoteliers nicht zur Seite, werde jeder dritte Betrieb schließen müssen. „In den nächsten fünf Jahren folgen dann weitere 30 Prozent.“

Die Auswirkungen, da ist Olaf Kerssen sicher, wären verheerend angesichts von rund 2,5 Millionen Beschäftigten in etwa 240 000 Betrieben bundesweit. „Wir mussten als erste schließen und dürfen als letzte wieder öffnen.“ Bitterkeit schwingt in seinen Worten mit.

Weit über 100 leere Stühle auf dem historischen Marktplatz Tecklenburg

Die von der Politik gewährte Reduzierung der Mehrwertsteuer von 19 auf sieben Prozent ist für ihn ein untaugliches Mittel. „Das gilt nur für Speisen. Die werden aber wegen der Schließung derzeit nicht verkauft. Zudem sind die Margen in der Gastronomie nicht so hoch, das die Firmen das auffangen können.“

Die bis zum 30. Juni 2021 gewährte Mehrwertsteuer-Reduzierung hat für ihn eine reine „Alibi-Funktion“. Das entspreche einer Steuerentlastung von rund vier Milliarden Euro im Jahr. „Dagegen stehen Verluste zwischen 40 und 50 Milliarden Euro im gleichen Zeitraum.“ Ein Ansatz wäre es für ihn, wenn die Mehrwertsteuer-Reduzierung über zehn Jahre laufen würde, die Betriebe die aus der Differenz zwischen 19 und sieben resultierenden Erträge für die Tilgung von Darlehen nutzen könnten.

Stefan Streit

An der Umsetzung entsprechender Vorgaben – Höchstzahl von Personen und so weiter – werde eine Öffnung nicht scheitern. Nach zwei oder drei Tagen Vorlaufzeit, so schätzt er, könnten die Betriebe wieder Gäste begrüßen.

Auf einen anderen Aspekt macht Tecklenburgs Bürgermeister Stefan Streit aufmerksam: „Den Einbruch bei den Gewerbesteuer-Einnahmen spüren wir jetzt schon.“ Er vermisste eine Perspektive für die Betriebe. Die Sieben-Prozent-Reduzierung ist für ihn „ein Placebo, das bringt nichts“.

Einbruch bei Gewerbesteuer-Einnahmen

Nicht nur in Tecklenburg haben die Gastronomen gestern auf ihre Lage aufmerksam gemacht. „Kreisweit sind einige Tausend Stühle aufgebaut worden“, erläutert Olaf Kerssen. So auch in Ladbergen. „Das Wasser steht allen Gastronomen bis zum Hals“, sagt Moraima Kipp im Gespräch mit den Westfälischen Nachrichten. Aber eigentlich ginge das ja allen Branchen so.

Startseite