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Gertrud Stab und Ursula Wiethaup seit 40 Jahren Musiklehrerinnen

„Talentfreie“ brauchen mehr Zeit

Lengerich

Zwei Lehrerinnen sind jetzt an der Musikschule für ihre langjährige Tätigkeit geehrt worden – und eine von ihnen, Gertrud Stab, wurde zugleich in den Ruhestand verabschiedet.

Von Michael Baar

Gertrud Stab und Ursula Wiethaup sind seit 40 Jahren als Lehrerinnen in der Musikschule tätig. Dafür gab es unter anderem Blumen von Musikschulleiterin Stefanie Bloch und Bürgermeister Wilhelm Möhrke (von rechts). Foto: Michael Baar

Zum Ende des Gesprächs entdecken die drei Frauen, dass sie eine Gemeinsamkeit über den Unterricht in der Musikschule hinaus verbindet: Ursula Wiethaup war als Teenager Kindermädchen der damals eineinhalbjährigen Tochter Ilga von Gertrud Stab. Just diese Ilga ist gut 15 Jahre später die erste Schülerin, die Stefanie Bloch an der Musikschule unterrichtet.

In Erinnerungen schwelgen, das passt gut zum Grund des Treffens. Stefanie Bloch dankt in ihrer Funktion als Leiterin der Musikschule den beiden Lehrerinnen für 40-jährige Tätigkeit. Eigentlich 41 Jahre, „aber im vergangenen Jahr konnten wir das ja nicht feiern“, präzisiert sie. Und dann ist da noch ein dickes Dankeschön für Gertrud Stab, die in den Ruhestand geht.

„Es ist schon eigenartig“, sinniert die 77-Jährige, „eigentlich dachte ich, durch die Pandemie auf diesen Schritt vorbereitet zu sein, aber es fällt mir schwer.“ Und so ganz weg ist sie denn doch nicht. Ehrenamtlich wird sie weiter im Projekt „Deutsch-Erwerb über Musik“ mitmachen. „Die Flüchtlingskinder waren traurig als ich sagte, dass ich nicht mehr kommen werde.“ Die 77-Jährige hält einen Moment inne, holt Luft. „Ich mache weiter, weil es ja gewachsene Beziehungen sind.“

Es ist wohl diese Empathie, die in ihren Worten sichtbar wird, die sie in den vier Dekaden als Musiklehrerin ausgezeichnet hat. Dabei spricht in ihrem Elternhaus nichts für das Erlernen eines Instruments. „Das Geld war nicht da, aber wir haben immer gesungen“, erinnert sie sich. Mit zwölf Jahren erhält Gertrud Stab dann doch ein Instrument – die abgelegte Blockflöte einer Bekannten ihrer Mutter. Auf der spielt sie bei jeder Gelegenheit, kommt ins Schulorchester. „Auf meinen Wunsch, Musik zu studieren, haben meine Eltern nur ‚brotlose Kunst‘ geantwortet.“ Damit war das Thema durch. Vorerst.

Gertrud Stab wird Erzieherin, macht ein Aufbaustudium, „weil Lehrer damals knapp waren“. Sie arbeitet, als die Tochter größer ist, stundenweise an einer Grundschule. Und dann nimmt sie Unterricht für Altblockflöte in der damals jungen Musikschule bei Norbert Britzwein. Was ihrem musikalischen Leben eine Wende geben wird. „Nach zwei, drei Unterrichtsstunden fragte mich der damalige Musikschulleiter Ulrich Grosser, ob ich nicht unterrichten wolle.“ Ihre Bedenken wegen eines fehlenden Examens wischt er beiseite, vertraut ihr. Sie ist mit Feuereifer bei der Sache, auch wenn es zunächst eine Umstellung ist, mit größeren Kindergruppen zu arbeiten. „Ich habe meinen Beruf im Sinn von Berufung gefunden“, sagt sie 41 Jahre später.

Ein leises Lächeln zeigt sich bei Ursula Wiethaup, als sie diese Geschichte hört. Auch ihr Weg zur Musikschule war ungewöhnlich. Ihr Vater hatte in einer Kneipe ein altes Klavier erstanden. Als das zu Hause stand, fing sie an mit dem Klavierspielen. „Das hat Spaß gemacht.“

Sie studierte Lehramt auf Musik, hatte aber Probleme, einen Klavierlehrer zu finden. „Meine Mutter ist dann kurzerhand in die Musikschule gegangen und hat mich angemeldet“, schmunzelt sie. Wenig später unterrichtet Ursula Wiethaup ihre ersten Eleven, insgesamt zehn Stunden neben dem Studium. Zum Referendariat soll sie nach Bonn – was sie mit Blick auf ihre gerade geborene Tochter ablehnt. „Ich hab‘s dann später in Ledde nachgeholt.“

Da ist die heute 62-Jährige schon längst an der Musikschule tätig. Ja, räumt sie ein, es gebe ab und an schon mal eine Schülerin oder einen Schüler, bei dem der erste Eindruck „talentfrei“ sei. „Denen muss man einfach nur Zeit geben, sich selbst dann auch, und dann wird das schon was“, beschreibt sie den Umgang mit dieser Klientel.

Wobei sie in den vergangenen Monaten mit dem Online-Unterricht gute Erfahrungen gemacht hat. „Aus Gruppen habe ich jeden Schüler einzeln 15 Minuten unterrichtet“, beschreibt sie ihr Pandemie-bedingtes Vorgehen. „Für den musikalischen Fortschritt jedes Einzelnen war das gut“, zieht Ursula Wiethaup ein Fazit.

Nach fast 41 gemeinsamen Jahren in der Musikschule werden die Wege der beiden Lehrerinnen etwas auseinander laufen. Ursula Wiethaup wird weiter in der Musikalischen Grundausbildung, beim Gitarren-Unterricht und der Leitung des Elementarbereichs tätig sein.

Gertrud Stab wird das tun, was sie in der Vergangenheit im Urlaub schon getan hat: ihre Flöte überall mit hinnehmen. Vielleicht wird sie ja noch einmal auf dem Dach eines Tempels in Ägypten sitzen und ihr Instrument spielen.

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