Januar 2019: Geiselnahme in Lengerich

Täter bleibt in geschlossener Klinik

Lengerich/Münster

Das Ereignis ist vielen noch in (schrecklicher) Erinnerung: Ein 25 Jahre alter Mann aus Tecklenburg hat am 7. Januar 45 Menschen in der Turnhalle an der Bahnhofstraße in seine Gewalt gebracht. Jetzt hat das Landgericht zumindest juristisch einen Schlussstrich gezogen: Der schuldunfähige Täter wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Erhard Kurlemann

In der Zweifach-Sporthalle an der Bahnhofstraße hatte der 25-Jährige aus Tecklenburg am 7. Januar eine Trainingsgruppe der Radsportgemeinschaft „Teuto“ Antrup-Wechte in seine Gewalt gebracht und mit der Zündung von zwei Bomben gedroht. Foto: Jens Keblat

Die Geiselnahme vom 7. Januar in Lengerich ist zumindest juristisch beendet. Der Täter, ein 25 Jahre alter Mann aus Tecklenburg, wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Dieses Urteil hat die Achte Große Strafkammer des Landgericht Münster am Mittwoch gesprochen. Der Angeklagte lässt noch im Gerichtssaal über seine Verteidigerin erklären, dass er dem Urteil zustimme. Auch die Staatsanwaltschaft will auf Rechtsmittel verzichten.

Der Vorsitzende Richter sagt in seiner Begründung, durch seine Krankheit – eine paranoid-halluzinatorische Schizophrenie – stelle der Anklagte aktuell eine Gefahr für die Allgemeinheit dar. Die Kammer habe sich den Feststellungen der beiden Gutachterinnen angeschlossen. Zum Tatzeitpunkt im Januar 2019 seien Steuerungs - und Einsichtsfähigkeit des Tecklenburgers aufgehoben gewesen. Der Mann ist deshalb schuldunfähig.

Zuvor hatten sich die Staatsanwältin und die Verteidigerin des Angeklagten in ihren Plädoyers jeweils für die Unterbringung in der Forensik ausgesprochen. Die „krankhafte seelische Störung, die weiter fortbesteht“, lasse weitere Taten erwarten, führt die Staatsanwältin aus. Der Sachverhalt am Tattag sei unstreitig, stellt die Verteidigerin fest. Immer wieder habe sich ihr Mandant in der Vergangenheit in Alltagssituationen überfordert gefühlt, möglicherweise ausgelöst durch die posttraumatische Störung nach dem Schießunfall bei der Bundeswehr 2013. Er selbst habe in der Folge festgestellt, „etwas stimmt mit mir nicht“. Das müsse letztlich geklärt werden – in einer geschlossenen Einrichtung.

Die Unterbringung sei schon deshalb notwendig, weil der Aufenthalt in der Klinik seit Januar noch keine signifikante Verbesserung des Zustandes erbracht habe. Der Vorsitzende Richter erinnert daran, dass eine Gutachterin noch am Vortag in Kontakt mit dem Angeklagten gewesen sei und er widersprüchliche Angaben zu den Stimmen gemacht habe, die den Mann angeblich aufgefordert hätten, etwas gegen die Fremdbestimmtheit in der Welt zu unternehmen. Zudem zeige die erhebliche Tat, dass der Angeklagte nicht in der Lage sei, eine Situation richtig einzuschätzen. Das sei ein wesentliches Ausprägungsmerkmal der Krankheit.

Der 25-Jährige wird auf unbestimmte Zeit in der geschlossenen Einrichtung bleiben müssen. Etwa im jährlichen Abstand werde mittels Gutachten überprüft, ob der Mann entlassen werden könne, erläutert der Vorsitzende Richter. Und er weist daraufhin, dass die vorliegende Form der Schizophrenie diejenige sei, bei der Betroffene am ehesten zur Gewalt neigten.

Zu Beginn des zweiten Prozesstages hatte Dr. Kristina Kruse ihr Gutachten vorgetragen. Die Psychologische Psychotherapeutin sagt, der Angeklagte habe nach einem Schießunfall bei der Bundeswehr 2013 „bei sich einen Knacks im Kopf“ gespürt und Veränderungen festgestellt. Die persönliche Situation habe sich stetig verschlechtert.

Ab 2016 etwa habe der junge Mann dem Verfolgswahn und den imperativen Stimmen mit Alkohol-, Cannabis- und Amphetaminkonsum begegnen wollen. Er habe stets einen Taschenspiegel dabei gehabt, um kontrollieren zu können, wer ihn verfolge. Zudem habe er geglaubt, dass es Mächte gebe, die seine Gedanken lesen könnten.

Freiwillig habe sich der 25-Jährige in insgesamt sieben stationäre Behandlungen begeben. Die psychotischen Phänomene seien dabei erkannt, jedoch einer längeren depressiven Phase zugeordnet worden.

Die letztlich wohl zutreffende Diagnose sei erst kurzfristig erhoben worden. Deshalb könne sie auch keine Prognose wagen, wann der Angeklagte wieder entlassen werden könne, begründet die Gutachterin. Verordnete Medikamente habe der Klient in den bisherigen Behandlungen nicht regelmäßig genommen, so dass es keine Erfahrungswerte über Wirkungen gebe. Sicher sei aus ihrer Sicht, dass Alkohol- und Rauschmittelmissbrauch in der Einrichtung mittherapiert werden müssten, da „der junge Mann in einer Entzugsklinik überfordert wäre“.

Wie berichtet, hatte der 25-Jährige am 7. Januar 45 Mitglieder des Radsportvereins RSG „Teuto“ Antrup-Wechte in der Zweifachhalle in Lengerich in seine Gewalt gebracht. Er war nach einem Vorfall in Ibbenbüren – dort hatte er sich kurz vor dem Jahreswechsel in ein Hotelzimmer eingemietet mit rund 120 Böllern, die er nach Einschätzung des Gerichts für einen nicht weiter bekannten Zweck umbauen wollte – in die LWL-Klinik in Lengerich eingewiesen worden.

Das Gelände der Klinik hatte der Tecklenburger am 7. Januar entgegen anderer Absprachen verlassen. Er hatte ein Brotmesser eingesteckt und den Notruf der Polizei gewählt. Der teilte er mit, dass er zwei Bomben in der Turnhalle platziert habe. Er habe gehofft, bei dem Polizeieinsatz getötet zu werden, fasst der Vorsitzende Richter zusammen. Durch das besonnene Vorgehen einer Trainerin und der Polizei habe sich der Mann dann nach gut 90 Minuten widerstandslos festnehmen lassen. „Auch wenn objektiv keine Gefahr vorhanden war, sind erhebliche Folgen für Unbeteiligte entstanden, die längere Zeit nachwirken werden“. Der Vorsitzende deutet nur an, was möglich gewesen wäre, hätte die Polizei etwa das Stürmen der Turnhalle oder anderes für notwendig erachtet. „Für diese denkbaren psychischen Folgen ist der Angeklagte verantwortlich.“

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