Streit um den Standort

Traum von Radrennbahn zerplatzt

Lengerich

Im Sommer 1978 schien sie nur noch wenige Reifenumdrehungen entfernt – die Lengericher Radrennbahn. Die Radsportler schienen nach jahrzehntelangen Bemühungen kurz vor der Zieldurchfahrt zu sein. Grund für den Optimismus war eine Nachricht aus Düsseldorf. Das Landeskultusministerium hatte sich bereit erklärt, mindestens 50 Prozent der auf 500 000 Mark geschätzten Kosten zu übernehmen. Zudem sollte ein Leistungsstützpunkt für den Radsport in der Stadt geschaffen werden. Vorgesehen dafür war ein Steinbruchgrundstück oberhalb des nördlichen Endes der Wilhelm-Busch-Straße. Der Hauptausschuss beauftragte die Verwaltung, bis zur Ratssitzung einen vorläufigen Finanzierungsplan vorzulegen, heißt es in einem Bericht des „Landboten“.

Michael Baar

Doch in dieser Sitzung gibt es heftigen Gegenwind, ausgelöst von den Anliegern der Wilhelm-Busch-Straße. Die kritisieren, dass sie erst aus der Zeitung von den Plänen für eine Radrennbahn erfahren hätten. Bevor Geld ausgegeben werde, sollte die Stadt mit den direkt Betroffenen sprechen. Zudem verlas Bürgermeister Bruno Karner einen Frageboden der Anwohner: Wussten die Grundstückskäufer in dem Neubaugebiet bei Vertragsabschluss von den Plänen für ein Radsportzentrum? Wie will die Stadt den dadurch verursachten Verkehr bewältigen? Wie soll das Parkproblem gelöst werden? Was ist mit der Lärmbelästigung für die Anwohner, besonders an Wochenenden und Feiertagen?

Stadtdirektor Helmut Denter stellte zunächst klar, dass nicht die Stadt, sondern der Radsportverein Concordia die Radrennbahn bauen wolle. Die entsprechende Änderung des Flächennutzungsplans habe öffentlich ausgelegen, Einwände habe es nicht gegeben. Ein Verkehrsproblem sah er nicht, da zu Lehrgängen an Wochenenden nur 20 bis 30 Radsportler kommen würden. Größere Veranstaltungen gäbe es nur drei oder vier im Jahr. Mit einem entsprechend großen Parkplatz sollten die Verkehrsprobleme gelöst sein, andernfalls müsste die Stadt Sonderregelungen treffen. Lärmbelästigungen seien nicht in „unzumutbarer Weise“ zu erwarten.

Die Anregung der Anlieger, das Radsportzentrum in Nachbarschaft des Stadions an der Münsterstraße anzusiedeln, wird in der Ratssitzung heftig kritisiert. Dort seien die Grundstücke sehr teuer, an der Wilhelm-Busch-Straße könne das Gelände zu einem sehr günstigen Preis erworben werden. Die Chance, so ein Sportzentrum mit Landesmitteln zu realisieren, dürfe nicht vertan werden. Da waren sich SPD und CDU einig. Lediglich aus Reihen der FDP wurden Bedenken gegen den Standort geäußert. Beschluss des Rates: Die Voraussetzungen für die Vorplanung des Radsportzentrums sollen geschaffen werden.

Der Radsportverein, so berichtet der Landbote einen Monat später, bemüht sich seit Jahrzehnten, eine Radrennbahn in der Stadt zu realisieren. Anlass dafür: Der Nachwuchs soll von der Straße geholt werden, wo er trainieren muss. Die Gefahr, das habe sich immer wieder gezeigt, sei dort einfach zu groß.

Oberhalb der Wilhelm-Busch-Straße ist schließlich ein geeigneter Standort gefunden worden. Die Radrennbahn soll in einen natürlichen Talkessel integriert werden. Dieses Gelände, 8000 Quadratmeter groß, hat Concordia seit Jahren gepachtet. Im Jahr 1978 bietet sich die Chance, diese Fläche und weiteres Areal in einer Gesamtgröße von 25 000 Quadratmetern von Dyckerhoff zu kaufen. Errichtet werden könnte dort eine Bahn auf einer Breite von 48 Metern und einer Länge von 90 Metern. Hinzukommen soll eine Gebäudekomplex von 40 mal 40 Metern für Umkleiden, Duschen Toiletten und Schulungsräume sowie ein Parkplatz für rund 50 Autos in der Nähe der Werkstatt des damaligen Luftsportvereins Lengerich.

Erhalten werden sollen nach den Plänen des Radsportvereins der Waldgürtel sowie die auf dem Gelände stehenden Gebäude und Häuser. Durch den Einbau in den Talkessel verspricht sich der Verein eine Minimierung der Lärmbelästigung für Anlieger. Geplant ist, dieses Areal später zu einem Leistungsstützpunkt für das Münsterland zu machen.

Doch der Widerstand der Anlieger formiert sich in einer „Bürgerinitiative gegen Standort der Radrennbahn“. Bei einer Bürgerversammlung prallen die Meinungen der Gegner sowie der Befürworter aus Rat und Verwaltung – auch einiger Anlieger – aufeinander. Eine Erkenntnis: Einen Alternativstandort für eine Radrennbahn in Lengerich gibt es nicht. Immerhin, so schreibt der Landbote, sei eine Annäherung der unterschiedlichen Standpunkte erkennbar.

Was in der Zusammenkunft ebenfalls deutlich wird: Das Projekt gerät unter Zeitdruck. Bei einer Verzögerung würde das Kultusministerium sicherlich „die 300 000 Mark Fördergeld streichen und einem anderen Interessenten zukommen lassen. Und andere Bewerber für einen solchen Leistungsstützpunkt gäbe es mehr als genug“.

Von der Bürgerinitiative wurde bei der Zusammenkunft eine Alternative vorgeschlagen: ein Radsportzen-trum auf dem Gelände am geplanten neuen Hohner Sportplatz. Der Stadtdirektor war überrascht, „wie über anderer Leute Grundstücke verfügt würde“. Zudem hätte er sich gewünscht, dass diese Pläne einmal in der Verwaltung vorgestellt worden wären von der Bürgerinitiative.

Das Thema bleibt für Monate umstritten zwischen den Befürwortern und der Bürgerinitiative. In den politischen Gremien werden die Weichen für die Realisierung des Projekts des Radsportvereins Concordia gestellt. Dabei wird im Februar 1979 klar, dass es ohne Finanzierungsplan nicht geht. „Ohne Geld kommt keine Radrennbahn!“, wird der damalige Stadtdirektor Helmut Denter im Landboten zitiert. Die Bedenken und Anregungen gegen die Pläne werden zurückgewiesen. Vom 14. März bis 19. April 1979 liegt die erforderliche Änderung des Flächennutzungsplans öffentlich aus.

Dann herrscht einige Monate Ruhe – jedenfalls in der Berichterstattung. Am 5. September lädt der Verein gegen den Standort der Radrennbahn zu einer Podiumsdiskussion ein. Zwei Tage später ist das Thema durch. „Traum von Radrennbahn ist nicht zu verwirklichen“, titelt der Landbote. Den Grund nennt der Stadtdirektor ebenfalls in der Ratssitzung. Bei einem Gespräch mit Düsseldorfer Kulturministerium habe das Land erklärt, den in Aussicht gestellten Zuschuss von 300 000 Mark nicht aufzustocken. Angesichts von mittlerweile kalkulierten Gesamtkosten von 1,2 Millionen Mark sei die Stadt nicht in der Lage, die Mehrkosten zu finanzieren. Damit war der über 30 Jahre lang gehegte Traum des Radsportvereins Concordia geplatzt.

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